• vom 24.03.2018, 19:00 Uhr

Vermessungen


Literatur

Wortreiche Naturerschließung




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief









Sind Naturbücher also Verlustanzeigen? Oder sind sie scheinbar heile Gegenpositionen zur Hypermedialisierung, querstehend zum zeitgenössischen Medienverhalten und sprunghaften Verarbeiten schnellstmöglich übermittelter Informationspartikel? Man muss nur einmal mit Bim oder Bahn unterwegs sein, um festzustellen, dass heutzutage kaum mehr jemand durch das reale Fenster schaut, sondern alle auf das winzige Digitalauge von Smartphone oder Tablet starren.

Was aber macht die Natur mit uns? Und was macht sie anders? "Wer in einen Wald geht", so Roger Deakin in seinem Buch "Wilde Wälder", "betritt eine andere Welt, in der er sich verwandelt." Der 2006 verstorbene Brite fügt literarhistorisch listig hinzu: "Es ist kein Zufall, dass in Shakespeares Komödien Menschen in den Wald gehen, um zu wachsen, zu lernen und sich zu verändern."

Ein Historiker des Nature Writing, Frank Stewart, macht darauf aufmerksam, dass dieses Genre objektiv, also informierend, und zugleich subjektiv sei. Letzteres, weil stets die Rede vom Einzelnen ist, nicht nur vom Schreibenden selbst, seinen Befindlichkeiten und Herausforderungen und Abenteuern, von Sympathien, gelegentlich auch Antipathien, sondern eben auch von jenen, für die er schreibt. Über die Natur schreiben ist, auch das macht es besonders, dezidiert kein Tagebuchschreiben, baut es doch auf naturwissenschaftlichen Fakten auf. So ist es exakt und literarisch, expressiv und streng realistisch. "Naturalist" heißt die Quasi-Berufsbezeichnung wunderbar passend im Englischen hierfür.

Exakte Poesie



Einer der bekanntesten Naturschriftsteller der britischen Inseln ist der 1941 geborene Richard Mabey. Mit einer Verzögerung von dreizehn Jahren erscheint nun sein Band "Die Heilkraft der Natur" auf Deutsch. Bei ihm stellte sich nach Beziehungsproblemen und nach der Fertigstellung eines umfangreichen Buches eine schwere Depression ein. Für eine Weile musste er sogar hospitalisiert werden.

Sein Buch ist vieles in einem. Ein Loblied auf die Literatur als Rettungsanker. Die Beobachtung von fragiler Natur, fragiler, täglich vom Tode bedrohter Tierwelt und einem sehr fragilen Ich. Und eine Liebesgeschichte. Mabey findet nach düsteren Monaten, in denen ihm die Natur keinerlei Rückhalt mehr geben konnte, eine neue Liebe. Zugleich ist es ein Registratur-Akt in elastischer Prosa. Sowie ein Beschreibungsrapport, wie ein Naturmensch den Bezug zur Natur einbüßt - und wiederfindet. Eine Meditation über Auflösung und Selbst-Versicherung, auch über eine Zivilisation, die blind und taub ist für das, was sie unübersehbar in Landschaft, Tierwelt und Natur anrichtet.

Nature Writing, das nicht selten mit Reisebeschreibung verquickt wird, etwa in Madeleine Buntings feinem Porträt der Inselgruppe der Hebriden ("Love Of Country", 2016), verhandelt das Eigene und das Andere, Krise, Erholung und auch aufleuchtendes Glück. Es handelt vom Sich-Zeit-Nehmen und Ausbalancieren von Ratio und Gefühl, Intuition und Leidenschaft. Und ist im besten Fall: exakte Poesie.


zurück zu Seite 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-22 14:59:59
Letzte Änderung am 2018-03-22 16:48:25


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein Haus voll Bücher
  2. Freiwillig in die Einsamkeit
  3. Das Ende des Allein-Seins
  4. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  5. Hinein ins Lego-versum!
Meistkommentiert
  1. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  2. Google im Taschenbuchformat
  3. Freiwillig in die Einsamkeit

Werbung




Werbung