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Update: 14.04.2018, 14:58 Uhr

Staatsgründung

Israel entstand in Österreich




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23. 5. 1948: Gedenkmarsch von Wiener Juden zum Grab von Theodor Herzl am Döblinger Friedhof.

23. 5. 1948: Gedenkmarsch von Wiener Juden zum Grab von Theodor Herzl am Döblinger Friedhof.© ÖNB Bildarchiv/picturedesk.com 23. 5. 1948: Gedenkmarsch von Wiener Juden zum Grab von Theodor Herzl am Döblinger Friedhof.© ÖNB Bildarchiv/picturedesk.com

Als Korrespondent der "Neuen Freien Presse" erlebte er 1894 den Schauprozess gegen den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus in Paris und war nun mehr und mehr davon überzeugt, dass nichts den Hass gegen sein Volk würde eindämmen können. Der aufkeimende Nationalismus in Europa wendete sich gegen das Judentum, wurde aber umgekehrt auch zum Antrieb von Theodor Herzl, die Idee eines eigenen Staates zu verfolgen.

Er begann mit den Arbeiten zu seinem Buch "Der Judenstaat", das 1896 erschien. Ein Jahr davor hatte er in sein Tagebuch notiert: "Ich glaube, für mich hat das Leben aufgehört und die Weltgeschichte begonnen." Der Österreicher Herzl wurde zum Begründer einer Idee, die 1948 mit der Proklamation durch David Ben-Gu-rion ihren Höhepunkt fand.

Just in den Jahren, in denen Herzl sein Buch schrieb, ereignete sich in Wien ein sich über viele Monate hinziehendes Schaustück, das geeignet war, die Chancenlosigkeit der Juden in einem von Hass erfüllten Umfeld zu beweisen. Nach dem Tod des Bürgermeisters Johann Nepomuk Prix im Februar des Jahres 1894 musste diese Position neu besetzt werden. Es gab über fast zwei Jahre verteilt Wahlgänge, die jeweils zu keiner tragfähigen Mehrheit führten. Das ging so bis zum Herbst 1895, als Karl Lueger mit klarem Vorsprung gewählt wurde. In den Monaten des Wahlkampfs war es zu einer bis dahin nicht gekannten Form der menschenfeindlichen Agitation und des Personenkults gekommen.

Lueger setzte voll auf die Karte des "gemeinsamen Feindes". Die Stadt war in den Jahren davor rasant gewachsen und veränderte sich in einem Tempo, dem viele Menschen nicht folgen konnten. Ihnen präsentierte Lueger Juden, Ungarn und Liberale als Unterdrücker des christlichen Volkes. Wegen seiner demagogischen Hetze verweigerte Kaiser Franz Joseph I. Lueger mehrfach die Bestätigung für das Amt des Bürgermeisters. Erst nach einem weiteren Wahlgang im November 1895 wurde Lueger mit Fürsprache von Papst Leo XIII. ernannt. Er bekleidete das Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1910. Wien wurde zur Hochburg des offenen Antisemitismus in seiner aggressivsten Form.

Die Historikerin Elisabeth Heimann gibt ein eindrucksvolles Bild des Populisten Lueger: "Sein Werdegang begann als Kandidat der Liberalen, auf dem Weg nach oben profilierte er sich als Deutschnationaler, Antisemit und Gegner der Sozialisten. Schließlich gründete er seine eigene Bewegung - die christlichsoziale Partei -, die sich im Gegensatz zu den amtierenden Machthabern, den Liberalen, nicht auf die Interessen des Großbürgertums konzentrierte, sondern sich für bisher ausgeschlossene Wählergruppen einsetzte. Mit Wahlkämpfen neuartiger Prägung gelang es, die Massen zu mobilisieren. (. . .) Seine Wählerschaft erreichte er bei Versammlungen in Gasthäusern, Betrieben und Märkten der Vorstädte und -orte, wo er gegen die liberale Politik und das Judentum wetterte und sich seiner Zuhörerschaft mit seiner volksnahen Rhetorik im Wiener Dialekt annäherte. (. . .) Seinen wirkungsvollen Umgang mit den Massen gepaart mit einer Mischung aus Antisemitismus, Patriotismus, Klerikalismus und Wiener Gemütlichkeit machte er zu seinem Erfolgskonzept."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-13 10:21:23
Letzte Änderung am 2018-04-14 14:58:20


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