• vom 06.05.2018, 18:00 Uhr

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Update: 19.05.2018, 11:47 Uhr

Das Jahr 1968

Lob der Einbildungskraft




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Von Otto A. Böhmer

  • Das Jahr 1968 kam mir rascher abhanden, als es nötig gewesen wäre - ein persönlicher Rückblick auf Tage des bemühten Individualismus inmitten kollektiven und politischen Geschehens.



Flower-Power?

Flower-Power?© Illustration: Jugoslav Vlahovic Flower-Power?© Illustration: Jugoslav Vlahovic

"Das Gedächtnis, ein Sieb", schrieb der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger mit Blick auf sein "Tagebuch aus dem Jahre 1968". Wohl wahr. Wobei sich hinzufügen lässt, dass dieses Sieb auch für andere Jahre gilt, über die wir uns rückblickend beugen:

Viel bleibt da hängen, wenn man in der Begünstigung steht, sich noch halbwegs ordentlich erinnern zu können; viel mehr geht uns allerdings verloren, was indes auch als Segen gelten darf: Der Zuspruch des Vergessens kann wohltuend sein; man sieht sich nicht mehr mit Dingen und Geschehnissen behelligt, für die man, insgesamt, vielleicht ohnehin zu begriffsstutzig gewesen wäre.

Information

Otto A. Böhmer, geboren 1949, ist promovierter Philosoph, war viele Jahre Lektor (u.a. bei Suhrkamp) und lebt als Schriftsteller in der Nähe von Frankfurt am Main. Im Juli erscheint sein neuer Roman: "Frei nach Schopenhauer".

Was 1968 angeht, so ist das Jahr mitsamt der dazugehörigen Bewegung, die womöglich gar keine Bewegung war, vor allem deswegen ins Bedenken aufgerückt, weil sich damit ein halbrundes Jubiläum verbindet, zu dem sich Kluges und weniger Kluges sagen lässt; die Jubiläumsfeier selbst, kann man sagen, ist bis jetzt zufriedenstellend verlaufen, und man hat dabei, nicht ohne leise Rührung, wieder von Veteranen gehört, die als verschollen galten.

"1968, eine Jahreszahl, in der sich das Imaginäre eingenistet hat", resümiert Enzensberger. "Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen und Projektionen hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen Jahr passiert ist. Die Erfahrungen liegen begraben unter dem Misthaufen der Medien, des ‚Archivmaterials‘, der Podiumsdiskussionen, der (. . .) Stilisierung einer Wirklichkeit, die unter der Hand unvorstellbar geworden ist."

Philosophie in Freiburg

Mein 1968 begann mit einem Jahr Verspätung. Aus Münster war ich nach Freiburg gewechselt, um dort, anhaltender Ratlosigkeit geschuldet, Philosophie zu studieren. Vorher war es noch Germanistik gewesen, ein Fach, das von Lehrenden vertreten wurde, die mir meine gerade noch vorhandene Liebe zur Literatur auszutreiben drohten. Wollte ich nicht; deswegen die Absetzbewegung zur Philosophie, von der ich mir Antworten auf Fragen, die ich bisher noch nicht gestellt hatte, sowie die Stabilisierung eines Weltbildes erhoffte, in dem ein kleines Ich hockte, das sich mehr um sich selbst als um eine Welt kümmerte, an der es damals wie heute viel auszusetzen gibt.

Der bemühte Individualismus, den ich pflegte, hinderte mich nicht daran, auf der richtigen Seite zu sein: Die politischen und gesellschaftlichen Ziele, denen Wortführer, die allesamt nicht in Freiburg residierten, Ausdruck verliehen, waren auch die meinen; ich war so links, wie man es damals, im anmaßenden Durchschnitt, eben war, und hatte weiter meine Ruhe. Mühe gab ich mir aber auch, studierte in kleinen Lesegruppen die Marx’schen Schriften, die mir so sperrig vorkamen, wie sie es immer noch sind.




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Dokument erstellt am 2018-05-04 13:30:39
Letzte Änderung am 2018-05-19 11:47:43



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