• vom 05.05.2018, 09:00 Uhr

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Essay

Der Wille zum Nichtwissen




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Von Leopold Federmair

  • Von Sokrates bis Trump: Anmerkungen zur philosophischen Vorgeschichte der "alternativen Faktizität".

Nur Dumme glauben, alles zu wissen ... - © WZ/Illustration/ham

Nur Dumme glauben, alles zu wissen ... © WZ/Illustration/ham

"Ich weiß, dass ich nichts weiß", einer der berühmtesten Sätze der Geistesgeschichte: im Grunde genommen klingt diese Aussage nach einer Dummheit. Was soll dieses Eingeständnis des Nichtwissens, angeblich geäußert vom angeblich klügsten Mann des griechischen Altertums (dem Orakel von Delphi zufolge)? Ist ja in Ordnung, wenn er nichts weiß, aber sollte das Streben eines Klugen nicht dahin gehen, etwas zu wissen, auch wenn er sich der eigenen Beschränktheiten und der Relativität alles Festgestellten bewusst sein mag? Der berühmte Satz klingt weiter, und er klingt jetzt ein wenig nach einem trotzigen Ich-will-auch-gar-nichts-wissen!

Ist dieser Satz nicht, genauer betrachtet, eine bloße Variation des Paradoxons des Lügners, der die Wahrheit sagt, wenn er behauptet, er lüge, und lügt, wenn er behauptet, er sage die Wahrheit? Wie kann denn der Nichtwissende etwas wissen (nämlich dass er nichts weiß)? Offensichtlich handelt es sich hier um einen Sophismus, und tatsächlich wird dieser Satz dem Sokrates lediglich zugeschrieben, gerüchteweise, man findet ihn nirgendwo in schriftlichen Aufzeichnungen, weder bei Platon noch bei Xenophon.

Information

Leopold Federmair, geboren 1957 in Oberösterreich, Schriftsteller und Übersetzer, lebt und lehrt in Hiroshima. Zuletzt erschienen: "Monden / Der Wellen Schatten" (Roman), Otto Müller 2017. Im August erscheinen im selben Verlag seine "Tokyo Fragmente".

Für Michel de Montaigne war Sokrates ein großes Vorbild: nicht nur ein scharfsinniger Denker, sondern einer, der stets den richtigen Blick, die angemessene Haltung zu den Dingen und Wechselfällen des Lebens und zuletzt auch zum Tod fand - fast so etwas wie der ideale Mensch. Dennoch zitiert Montaigne in seinen weitläufig mäandernden Essais den Sokrates zugeschriebenen Satz vom Nichtwissen kein einziges Mal. Er unterlässt es nicht aus quellenkritischer Vorsicht, sondern, wie ich vermute, weil er in dieser Form nicht zur Gestalt des Philosophen zu passen scheint.

Wohl aber findet sich an zen-traler Stelle im Werk Montaignes wie auch in seinem Lebenskontext, an dem Ort nämlich, an dem sein Werk entstand, im Bücherzimmer oben im Turm des Schlosses Montaigne, ein ähnlicher, wenn auch viel schlichterer Satz: "Que scay-je?" Also eine Frage, keine Behauptung, verewigt im Blason(= Wappen, Anm.) des Geistesadels über einer Waage; ich glaube nicht, dass dies ein Zufall oder bloßes Ornament ist.

An dem, was man weiß oder zu wissen glaubt, ist immer aufs Neue zu zweifeln; es gilt abzuwägen, ob die Sätze des Wissens und Erkennens (noch) zutreffen oder nicht (mehr). Mehrmals in seinen Essays führt Montaigne die oft atemberaubenden Wandlungen der Ansichten zu einem bestimmten Thema an. Es handelt sich um allererste Ansätze zu einer Geschichte des Wissens und der Wissenschaften, lange bevor die so benannte akademische Disziplin entstand.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-04 13:33:42
Letzte Änderung am 2018-05-04 13:46:02


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