• vom 03.06.2018, 14:00 Uhr

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Geschichte

Zivilisation als Endstadium




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Von Gerhard Lechner und Michael Schmölzer

  • 100 Jahre nach Erscheinen erlebt Oswald Spenglers epochales Werk "Der Untergang des Abendlandes" eine Renaissance. Was fasziniert vor allem Konservative und Neue Rechte daran?



Kein Vertreter von "Multikulti": Oswald Spengler (1880-1936), Zeichnung von Rudolf Großmann, 1922.

Kein Vertreter von "Multikulti": Oswald Spengler (1880-1936), Zeichnung von Rudolf Großmann, 1922.© Abb.: gemeinfrei Kein Vertreter von "Multikulti": Oswald Spengler (1880-1936), Zeichnung von Rudolf Großmann, 1922.© Abb.: gemeinfrei

Es wurde während des Ersten Weltkrieges verfasst. Als es 1918 in einem ersten Band erschien, schlug es ein wie eine Bombe. Heute, 100 Jahre nach Erscheinen, erlebt Oswald Spenglers epochales Werk "Der Untergang des Abendlandes" eine Renaissance.

Anfang des 20. Jahrhunderts, nach dem vierjährigen blutigen Schlachten, stieß Spenglers pessimistische Untergangsprognose auf offene Ohren. Verschwunden war der liberale Fortschrittsoptimismus der Vorkriegszeit, als viele Europäer wie der deutsche Kaiser Wilhelm II. von "herrlichen Zeiten" träumten. Lange unlösbare sozialpolitische Probleme erschienen durch die rasanten Fortschritte in Wissenschaft und Technik plötzlich lösbar.

Die zunehmende wirtschaftliche Verflechtung der Großmächte schien Kriege zwischen ihnen zu einem Anachronismus zu machen. Und auch die außereuropäische Welt sollte an die westliche Zivilisation herangeführt werden - eine Zivilisation, von der nicht nur der Reformer der Türkei, Kemal Atatürk, überzeugt war, dass sie die einzig mögliche darstellt, den Gipfelpunkt der Entwicklung. Dementsprechend linear war das Geschichtsbild der Vorkriegsepoche - und ist uns bis heute gut bekannt: Die Geschichte stellt eine Geschichte des Fortschritts dar, einer immer höheren Vervollkommnung, sozusagen von der Steinzeit in die Jetztzeit und weiter in eine helle Zukunft.

Kommunistische Gefahr

Spengler hat mit diesem Bild radikal gebrochen. Die Zeit hat einen Perspektivenwechsel notwendig gemacht: Die Erfahrung des Ersten Weltkrieges hat das Zeitalter von Europas Herrlichkeit beendet und auch die Vorstellung einer steten Entwicklung nach oben - oder vorne - fragwürdig erscheinen lassen. Die Russische Revolution mit all ihren Verbrechen, die Errichtung von kommunistischen Räterepubliken in Ungarn und Bayern verstärkten die Angst vor der kommunistischen Gefahr.

Der Zusammenbruch Jahrhunderte alter Monarchien, die Emanzipation der Frau, das zunehmende Selbstbewusstsein außereuropäischer Kulturen, vor allem aber die Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre führten zu einem Lebensgefühl der Krise, zu einer allgemeinen Orientierungslosigkeit. "Die konservativen Intellektuellen haben unter den Zeitumständen gelitten und sich nach der Schaffung einer alten Ordnung gesehnt", sagt der Grazer Philosoph und Spengler-Experte Peter Strasser zur "Wiener Zeitung".

Die Gegenwart wurde von ihnen als "inhaltsleere Zivilisation" begriffen. Strasser verweist auf das Gefühl der Ausweglosigkeit nach 1918, die unglaubliche Zerstrittenheit der Parteien, die sich auf nichts mehr einigen konnten. "Das alles ist tief in Spengler drinnen, auch die Demütigung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-30 16:52:10
Letzte Änderung am 2018-05-30 17:19:48


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