• vom 10.06.2018, 14:00 Uhr

Vermessungen


Stadtplanung

Gestörte Blicke




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Von Thomas Hofmann

  • Die freie Sicht auf die (und in der) Stadt war den Wienern schon immer wichtig. Eine historische Betrachtung abseits von "Canaletto".

Ab 1907 von einem Museumsbau bedroht: Die Karlskirche (hier im Jahr 1913).

Ab 1907 von einem Museumsbau bedroht: Die Karlskirche (hier im Jahr 1913).

Die legendären Worte Franz Grillparzers - "Hast du vom Kahlenberg das Land dir rings besehn, so wirst du, was ich schrieb und was ich bin, verstehn" - verlieren nie an Aktualität. Täglich ändert sich der Blick vom Kahlenberg ein klein wenig. Täglich wird irgendwo etwas abgerissen, täglich sprießt da oder dort ein Bauwerk in die Höhe.

Freilich, zu Grillparzers Zeiten - der Schriftsteller verstarb am 21. Jänner 1872 - waren die Änderungen im Weichbild der Stadt noch überschaubar. Im wahrsten Sinn des Wortes. Damals waren es fast ausschließlich Kirchtürme, die aus dem Häusermeer ragten und zur Orientierung dienten. Das hatte auch der kritische "Kikeriki", ein humoristisches Wochenblatt, erkannt:

Information

Thomas Hofmann, geboren 1964, ist Leiter von Bibliothek, Verlag und Archiv der Geologischen Bundesanstalt in Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen (geologische und regionale Themen). www.thomashofmann.at

"Wenn man Wien von einer Anhöhe betrachtet, so bemerkt man auf den ersten Blick, daß in Wien auf das religiöse Bedürfniß besonders Rücksicht genommen, und daß wahrhaftig an Kirchen kein Mangel ist. So religiös nun auch der Gedanke sein mag, neue Kirchen zu bauen, erlaubt sich Kikeriki doch darauf hinzuweisen, - welchen Weg die Krankenträger oft zurücklegen müssen, um in ein Spital zu gelangen. Nachdem nun die Barmherzigkeit auch eine religiöse Pflicht und in unseren Kirchen noch Platz für Hunderttausende von Frommen erübrigt, während im Allgemeinen Krankenhause kein Raum für Kranke mehr Vorhanden sein soll - fragt Kikeriki nochmals: Was brauchen wir jetzt nothwendiger: Neue Kirchen oder neue Spitäler?" (1. Februar 1866).

Orientierungspunkte

Aber seit am 29. August 1872 die Kuppel der Rotunde auf ihre endgültige Höhe in 84 Metern gehievt worden war, hatte Wien eine neue, weltliche Landmarke. Sie sollte bis zum 17. September 1937 bestehen, als sie ein Raub der Flammen wurde. Ab November 1932 besaß Wien mit dem Hochhaus in der Herrengasse einen weiteren, profanen Orientierungspunkt.

Ob der Blick vom Kahlenberg oder der Blick vom Belvedere auf Wien, jener legendäre "Canaletto-Blick", der heute wieder für heiße Diskussionen sorgt, der Blick auf die Stadt oder auch nur auf einzelne Gebäude - das warvielen Wienern jedenfalls ein Anliegen. Kopfschüttelnd betrachten wir einige Fälle, die - weil heute ohnehin schon alles verbaut ist und wir die Orte der Erregung gar nicht anders kennen - einst für Entrüstung sorgten.

Bleiben wir noch bei den humoristischen Wochenblättern. Der "Figaro" war eines dieser leider längst ausgestorbenen Medien. Doch zu seinen Lebzeiten hatte er auch "Nützliche Vorschläge" parat und stellt im Juni 1860 die nicht unberechtigte Frage: "Warum läßt man ferner den schönen grünen Höhenzug vom Kahlenberg bis gegen Hütteldorf so unerquicklich für das Auge des Beschauers durch den Steinbruch bei Sievering unterbrochen werden? Könnte man diesen Steinbruch nicht hinter die Berge verlegen und an dessen Stelle einen kleinen Park mit Seen u. dgl. anlegen?"




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-07 17:07:20
Letzte Änderung am 2018-06-07 18:00:46


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