• vom 15.06.2018, 19:00 Uhr

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Soziologie

Die Kolonialität der Macht




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Von Jens Kastner

  • Zum Tod des peruanischen Soziologen Aníbal Quijano, der im Diskurs über kulturelle Abhängigkeiten ein zentraler Vermittler war.



In der marxistischen Theorie verankert: Aníbal Quijano (1928-2018)

In der marxistischen Theorie verankert: Aníbal Quijano (1928-2018)© gemeinfrei / Carlo Pozo In der marxistischen Theorie verankert: Aníbal Quijano (1928-2018)© gemeinfrei / Carlo Pozo

In Lateinamerika ist der Kolonialismus lange vorbei. Die meisten Länder des Subkontinents erkämpften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit - zumindest in adminis-trativer Hinsicht. Viele Effekte der kolonialen Herrschaft allerdings leben fort, auch lange nach Beendigung der militärischen Besatzung. Zu den augenfälligsten dieser Spätfolgen gehört wohl die ethnische Einteilung der Bevölkerungen: Kategorien wie weiß, mestizisch/kreolisch und indigen sind koloniale Erfindungen. Die ethnische Einteilung prägt in allen lateinamerikanischen Ländern auch die Sozialstruktur. Zwar gibt es inzwischen indigene Präsidenten wie Evo Morales in Bolivien, in der Regel aber sind die Indigenen arm - und die Weißen reich.

Reichtumsverteilung und ethnische Einteilung sind zwei Ebenen, die zeigen, dass die Unabhängigkeit offenbar noch nicht vollendet ist. Abhängigkeiten bestehen weiterhin, ökonomischer ebenso wie kultureller Art. Die ökonomische Abhängigkeit der Länder Lateinamerikas von europäischen Metropolen war das zentrale Thema der Dependenztheorien der 1960er und 70er Jahre.

Information

Jens Kastner, geboren 1970, Soziologe und Kunsthistoriker, lebt als freier Autor und Dozent in Wien.

Die kulturellen Abhängigkeiten werden in den letzten Jahren verstärkt von theoretischen Strömungen in den Blick genommen, die sich unter dem Label dekolonialistische Theorie versammeln. Ein zentraler Vermittler zwischen beiden Strömungen, zwischen Dependenz- und dekolonialistischer Theorie, ist der peruanische Soziologe Aníbal Quijano.

Lebendige Theorie

Die fortlaufenden Effekte des Kolonialismus nach Beendigung der politischen und militärischen Herrschaft nannte er die "Kolonialität der Macht". Mit diesem Konzept konnten die verschiedenen Formen von Unterordnung und Abhängigkeit in den Blick genommen werden. Quijano, der Gastprofessor und Ehrendoktor an Universitäten in verschiedenen Ländern (Peru, Venezuela, Mexiko, Costa Rica) war, verstarb am 31. Mai 2018 im Alter von 90 Jahren. Sein theoretischer Ansatz aber ist so lebendig, wie Theorie es eben sein kann.

Allein die Titel der wichtigsten seiner Veröffentlichungen wie etwa "Crisis imperialista y clase obrera en América Latina" (1974) ("Krise des Imperialismus und Arbeiterklasse in Lateinamerika") und "Imperialismo, clases sociales y estado en el Perú, 1890-1930: El Perú en la crisis de los años 30" (1978) ("Imperialismus, soziale Klassen und Staat in Peru 1890- 1930 . . .") weisen sein Denken als eines aus, das tief in der marxistischen Theorie verankert ist.

Das änderte sich auch nicht mit den Schwerpunktverlagerungen, die Quijanos Arbeiten in den 1980er und 1990er Jahren erfuhren. Anders als anderen dekolonialististischen Theoretikern ging es Quijano nicht um eine Abgrenzung vom Marxismus, auch als er sich Fragen der Moderne, des
Eurozentrismus und der Globalisierung zuwandte. Es ging ihm immer auch um eine Erneuerung und Aktualisierung marxistischer Grundannahmen. Eine solche Erneuerung bestand etwa in Form einer Revision zentraler Begriffe wie jenem der Arbeit.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-14 16:25:30
Letzte Änderung am 2018-06-14 18:44:26


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