• vom 16.06.2018, 18:00 Uhr

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Kunst

Welttheater und Farbenzauber




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Von Oliver Bentz

  • Kurt Moldovan brillierte als politisch-phantastischer Zeichner und sinnlicher Aquarellist. Am 22. Juni jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.



Kurt Moldovan: Venedig, "Blick auf die Punta della Dogana", 1977.

Kurt Moldovan: Venedig, "Blick auf die Punta della Dogana", 1977.© Courtesy of Galerie bei der Albertina. Zetter, Wien. Kurt Moldovan: Venedig, "Blick auf die Punta della Dogana", 1977.© Courtesy of Galerie bei der Albertina. Zetter, Wien.

"Zeichnen war sein Wesen, Verwesentlichen durch Zeichnen dessen ausdrücklicher Drang. Wenn sich ihm die jeweils einprägsame Gestalt nicht aufzwängte, (. . .) entspannte er sich beim mehr gemütlicheren Aquarellmalen in freundlichen Farben. Wenn er aber zeichnete (immer lieber, je älter er wurde), war er der energetische Gestalter wie eh und je. Energisch wollte er es wissen und zu Papier bringen, wie es für ihn um die Welt bestellt war, was sie unter Umständen zusammenhält oder durcheinanderwirrt", beschrieb der Kunsthistoriker Otto Breicha dereinst Kurt Moldovan. Am 22. Juni 1918 wurde Moldovan, der zu den bedeutendsten graphischen Künstlern gehört, die die österreichische Kunstgeschichte aufzuweisen hat, in Wien geboren.

Kurt Moldovans Werk setzt sich vor allem aus Zeichnungen, Aquarellen, Monotypien und Druckgraphiken zusammen. Inhaltlich bestimmend für seine Arbeit war stets das politisch wie mythologisch facettenreiche "Theatrum mundi", in dem das ganze Welttreiben als vorüberziehendes Schauspiel aufgefasst wird, in dem jedes menschliche Wesen seine vom Schicksal auferlegte Rolle zu spielen hat. Ein Treiben, das er mit scharfem, unbestechlichem Blick künstlerisch durchforschte. Auch seine Stadtveduten und Landschaften, die er in großer Zahl in Aquarellen wie auch in Zeichnungen aufs Papier brachte, sind vor allem Schilderung des Ambientes und der Bühne dieses Welttheaters.

Schrecken des Krieges

Information

Oliver Bentz, geboren 1969, lebt als Germanist, Ausstellungskurator und Kulturpublizist in Speyer.

Kurt Moldovan war ein Leben als Künstler keineswegs in die Wiege gelegt. Nach der Schule arbeitete er zunächst als Kellner und dann, nach dreijähriger Lehrzeit, als Feinmechaniker in einer Manometerfabrik. Im Alter von 19 Jahren gab er diese Arbeit zugunsten seiner künstlerischen Interessen auf und begann ein Graphik-Studium an der Wiener Kunstgewerbeschule. Nach drei Jahren beendete die Einziehung zur Wehrmacht sein Studium. Weitgehend an der Ostfront in vorderster Linie eingesetzt, überlebte er diese Schreckensjahre. Aus dem Krieg zurückgekehrt, studierte er an der Akademie der Bildenden Künste am Schillerplatz von 1945 bis 1948 in der Meisterklasse von Sergius Pauser, hörte bei Albert Paris Gütersloh und belegte den heute legendären Abendakt bei Herbert Boeckl.

Dem Grauen des Krieges entronnen, war Moldovan die Kunst, so Wieland Schmied, ein Mittel, "mit dieser Welt, mit ihrer Bombe und ihrem Bösen, zu leben, ja es sich wohnbar einzurichten. Unermüdlich erfindet er sich Reglements, für Leben und Kunst, für die menschliche Existenz: Verhaltensweisen für seinen Strich, den Dingen zu befehlen, wie sie zu erscheinen haben und sich nicht umgekehrt von ihnen befehlen zu lassen. (. . .) Die Begegnung von Leben und Tod ist ein wiederkehrendes Thema von Moldovans Zeichnungen. In allen ist Aggression: kein Insekt ohne giftigen Stachel, keine Sonne, die nicht sengende Strahlen schleudert. (. . .) Doch wohnt allen Insekten ein ritterlicher Zug inne. Ihr Kampf ist ein Weltkrieg, ausgefochten nach den Regeln mittelalterlicher Turniere."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-14 16:25:39
Letzte Änderung am 2018-06-14 16:58:13


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