• vom 29.06.2018, 10:00 Uhr

Vermessungen


Philosophie

Die Aufwertung des Gewöhnlichen




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Nikolaus Halmer

  • Ein unkonventioneller Grenzgänger zwischen Philosophie, Literatur und Hollywoodfilmen: Ein Nachruf auf den amerikanischen Philosophen Stanley Cavell.

Vorsicht gegenüber dogmatischen Deutungen der Welt: Stanley Cavell (1926-2018). - © Harvard Univ.

Vorsicht gegenüber dogmatischen Deutungen der Welt: Stanley Cavell (1926-2018). © Harvard Univ.

"Philosophen nach meinem Herzen werden versuchen, den Gedanken verständlich zu machen, dass es, selbst wenn sie solche Antworten nicht erhalten können, es dennoch Arten des Denkens gibt, die es wert sind, dass wir unsere Lebenszeit darauf verwenden, sie zu entdecken".

In diesem Satz drückt sich die Quintessenz des Denkens des US-amerikanischen Philosophen Stanley Cavell aus. Er lehnte das tranzendentale Wolkenkuckucksheim der Metaphysik ab. Ihm ging es um die Rehabilitierung des Gewöhnlichen; Für ihn sollte Philosophie mit dem menschlichen Leben und seiner Kultur zu tun haben, wobei er keinen Unterschied zwischen Hoch- und Populärkultur machte. Cavells Philosophie, die er wie ein Jazzmusiker komponierte, war unkonventionell. Er ging von einigen Leitmotiven aus, die er variierte und durch Improvisationen anreicherte.

Der Querdenker kümmerte sich zeit seines Lebens wenig um die herrschenden akademischen Klassifizierungen und Disziplinen. Cavell errichtete ein Denkgebäude, das aus unterschiedlichen Bauteilen zusammengefügt ist: Er befasste er sich eingehend mit der Sprachphilosophie von Ludwig Wittgenstein, schrieb über die Bedeutung des Skeptizismus und studierte eingehend die amerikanische Philosophie von Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau. Cavell praktizierte "die Doppelgleisigkeit des philosophischen und literarischen Schreibens" und bezog sich in seinen Essays häufig auf literarische Werke - von den Tragödien Shakespeares über die Erzählungen von Edgar Allan Poe bis zu den Theaterstücken von Samuel Beckett.

Als JugendlicherJazzmusiker in Bars

Als einer von wenigen Philosophen des 20. Jahrhunderts richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Bereich des Films, speziell auf Hollywood. Seine Lieblingsfilme waren jene amerikanischen "screwball comedies", in denen die Wiederverheiratung desselben Paares im Mittelpunkt steht.



Information

Literaturhinweise:

Stanley Cavell: Der Anspruch der Vernunft - Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Band 2190.

Elisabeth Bronfen: Stanley Cavell zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2009.

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.

Die Biografie von Cavell ist ungewöhnlich: Er wurde am 1. September 1926 in Atlanta als Sohn einer aus Polen stammenden jüdischen Einwandererfamilie geboren. Als Jugendlicher schlug er die Laufbahn eines Musikers ein. Den Lebensunterhalt verdiente er als Jazzmusiker, der in Bars spielte. Danach absolvierte er ein Studium der Musik und Literatur in Berkeley und New York. Während des Studiums verkehrte er in avantgardistischen Künstlerkreisen. Darauf folgte ein Studium der Psychoanalyse, das er bald abbrach.

Von der Havard-University erhielt Cavell ein Stipendium, das er für ein Studium der Philosophie bei dem damals renommierten Sprachphilosophen John Austin nützte. Nach dem Abschluss der Studien war er als Professor für Philosophie in Berkely, am Institute for Advanced Study in Princeton und an der Harvard University tätig. In einem Gespräch mit dem Autor schilderte Cavell die Umstände seiner philosophischen Laufbahn: "Als ich Philosophie zu studieren begann, regierte der Logische Positivismus. Jede avantgardistische Richtung der Philosophie war damals positivistisch. Dann kam die Erneuerung durch die Philosophie der gewöhnlichen Sprache in den 50er Jahren, die ich bei meinem Lehrer John Austin kennenlernte. Diese philosophische Richtung, die von der Alltagssprache ausging, wurde bald von einer ähnlichen, aber nicht identischen Philosophie ersetzt. Ich meine damit die Spätphilosophie von Ludwig Wittgenstein, die eine geteilte Aufnahme fand. Für die einen war es eine alles zermalmende Revolution, während die anderen sich nach einer kurzfristigen Lektüre davon abwandten und sich niemals wieder damit befassten."




weiterlesen auf Seite 2 von 3




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-28 18:22:45
Letzte Änderung am 2018-06-28 18:36:51


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Endlose Gier
  2. Worin Stephan Schulmeister irrt
  3. Tragödie am Genfersee
  4. Waren, die an Wert gewinnen
  5. "Mein Motto: Der Weg entsteht im Gehen"
Meistkommentiert
  1. Tragödie am Genfersee
  2. Waldhüter und Korallengärtner
  3. Endlose Gier
  4. Waren, die an Wert gewinnen
  5. Worin Stephan Schulmeister irrt

Werbung




Werbung