• vom 15.07.2018, 13:00 Uhr

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Gaunersprache

Geheime Verständigung




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Von Otto Hausmann

  • Seit Jahrhunderten nutzen soziale Randgruppen einen eigenen Wort- und Zeichenschatz: Die Rätsel des Rotwelsch und der Gaunerzinken.

Gaunerzinken von heute - eine Zeichensprache mit schlimmen Folgen. - © Illustration: WZ/Philipp Aufner

Gaunerzinken von heute - eine Zeichensprache mit schlimmen Folgen. © Illustration: WZ/Philipp Aufner

Wie jede Subkultur haben die Kriminellen bestimmte Erkennungszeichen und ihre eigene Sprache, das Rotwelsch, entwickelt. Nebenbei sei erwähnt, dass auch die "feinen Leute" mitunter Anleihen aus der Gaunersprache nehmen, wobei sie sich besonders originell und witzig vorkommen, wenngleich sie nicht selten auf die Unterschicht herabblicken.

Zum Thema Gaunerzeichen gibt es eine Reihe fundierter Publikationen: Wer sich mit kriminalistischen Fragen beschäftigt, stößt auf Hans Groß (1847-1915), den Vater der modernen Kriminologie, dessen zweibändiges Werk "Handbuch für Untersuchungsrichter als System der Kriminalistik" mehrfach aufgelegt und in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt worden ist.

Auch das von ihm herausgegebene "Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik" (später "Archiv für Kriminologie") besteht seit mehr als hundert Jahren als angesehene Fachzeitschrift. Caesario Lombroso wiederum, dessen Spezialgebiet die Kriminalbiologie war, hat sich in seinem Hauptwerk "Der geborene Verbrecher" mit den Gaunerzinken befasst. Auch der Buchtitel "Bettlerzinken in den österreichischen Alpenländern" von H. Schukowitz sei genannt.

Das Wort "Zinke"

Unter Zinkenist nach H. Groß "jede geheime Verständigung zu verstehen, die jemand zur Belehrung oder Anweisung irgendwo an einem Haus, an einem Wegkreuz, auf Felsen, selbst im Sand oder Schnee für seinesgleichen anbringt". Zinken heißen aber auch Markierungen zum Zwecke des Falschspielens, man spricht von "gezinkten Karten". Früher wurden außerdem noch amtliche Stempel auf Ausweispapieren, Pässen, Urteilen, Vorladungen u.s.w. Zinken genannt. Nicht geklärt ist die Etymologie des Wortes. Nach Auffassung einiger Fachleute bedeutet Zinke nichts anderes als Spitze, Zacke (wie Zacke der Gabel), womit das Zackige des Zeichens zum Ausdruck kommen sollte. Mittelhochdeutsch bedeutete die Zinke die Fünf auf dem Würfel. Große Bedeutung hatten diese Zeichen für die Verständigung unter Verbrechern - auch in den Gefängnissen.

Information

Otto Hausmann, geboren 1935, ist Rechts- und Staatswissenschafter i. R. und lebt in Wien.


Während das Wort "Zinke" kaum älter als 200 Jahre ist, reichen die Zeichen selbst viel weiter zurück. Der Germanist Anton E. Schönbach hat die Annahme widerlegt, die Zeichen seien eine Eigentümlichkeit der "Zigeuner", die sie aus ihrer indischen Heimat mitgebracht hätten. Berthold von Regensburg wiederum, einer der größten Kanzelredner des Mittelalters, sagt, "der Teufel mache es so wie die Räuber, welche an den Wegen gewisse Zeichen anbringen, damit die Wanderer glauben, sie seien auf dem richtigen Weg, während sie durch diese Zeichen geradewegs zu den Höhlen der Räuber gelockt werden." Es gebe dieser Zeichen drei: gekreuzte Ästchen, zusammengelegte Sterne und verknüpfte Ruten oder Dornensträucher. Es sind also genau die drei Wegezeichen des fahrenden Volks, die vor gut einem halben Jahrtausend vermutlich allgemein gebräuchlich waren, während sie jetzt nur mehr bei sehr konservativen Mitgliedern der Gruppe erhalten sind.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 13:55:57
Letzte Änderung am 2018-07-13 14:07:30


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