• vom 22.07.2018, 09:30 Uhr

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Geschichte

Früher Gesang deutscher Einigkeit




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Von Thomas Hofmann

  • Im Juli 1928 fand in Wien das 10. Deutsche Sängerbundfest statt. Die Veranstaltung huldigte aber nicht nur dem Liederfürsten Franz Schubert, sondern auch der "großdeutschen" Idee.

Ein Mammutbau: die Sängerhalle auf der Jesuitenwiese im Wiener Prater. - © Archiv Thomas Hofmann

Ein Mammutbau: die Sängerhalle auf der Jesuitenwiese im Wiener Prater. © Archiv Thomas Hofmann

"Franz Schubert im Himmel", das war das Titelbild der satirischen Wochenzeitschrift "Der Götz von Berlichingen" vom 20. Juli 1928. Der 1828 verstorbene Liederfürst blickt auf die Massen vor der großen Sängerhalle und fragt sich: "Jetzt weiß ich nicht, geschieht das alles wegen mir oder wegen des Fremdenverkehrs?!"

Liest man die Zeitungen dieser Tage, zeigt sich eine differenzierte Antwort. Natürlich war Schuberts 100. Todestag der Grund dafür, den 10. Deutschen Sängertag von 19. bis 23. Juli 1928 nach Wien zu holen. Doch es ging nicht allein um den Komponisten, vielmehr wurde jede Gelegenheit genutzt, um das Verbindende mit den deutschen Nachbarn in den Vordergrund zu rücken. Selbstredend wurden in Wien die germanischen Sangesbrüder mit "Heil!" begrüßt.

Bereits im Herbst 1927 hatten sich über 100.000 deutsche Gäste angemeldet, um nach Wien zu kommen. Besonderes Augenmerk galt dabei den über den Globus verstreuten Auslandsdeutschen, die man in großer Zahl erwartete. Manche kamen aus den einstigen Kolonien, andere aus Amerika; so schifften sich am 21. Juni 330 Sänger in New York auf dem Dampfer "Stuttgart" mit dem Ziel Wien ein.

Maximaler Profit

Information

Thomas Hofmann, geboren 1964, ist Bibliothekar und Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt gab er im Löcker-Verlag das Buch "Altwiener Tiergeschichten" heraus.

Die Ankunft der Sänger war generalstabsmäßig geplant worden, die meisten Teilnehmer kamen mit Sonderzügen, einige per Schiff, viele als Individualreisende. Die angekündigten Gruppen wurden empfangen, begrüßt und dann in ihre Quartiere in Wien und Umgebung gebracht. Donnerstag der 19. Juli war der Tag der Massenankünfte, allein 69 Sonderzüge brachten mehr als 50.000 Reisende nach Wien.

Details enthüllt die "Wiener Zeitung": sie listete Bahnhöfe, die exakten Ankunftszeiten, die Zahl der Gäste und deren Quartiere auf. Der Hessische Sängerbund etwa kam in zwei Sonderzügen um 11.35 und 13.51 Uhr an. Seine Unterkünfte waren im sechsten, siebenten und im fünfzehnten Gemeindebezirk. Quartiere außerhalb Wiens, in Süßenbrunn (heute ein Teil des 22. Bezirks) und Deutsch-Wagram, mussten die 700 Barden aus dem Gau Brünn beziehen. Die Unterbringung der großen Massen, für die ein eigener Wohnungsausschuss zuständig war, erfolgte in Schulen, in Kasernen und vielfach auch in Privathaushalten.

Wien hatte alles getan, um sich herauszuputzen. Die Chance, von so vielen Personen besucht und gesehen zu werden, kommt nicht alle Tage. Selbst die Trafiken befanden sich im Festschmuck, galt es doch, den Reichsdeutschen Sängern zu zeigen, was in einem Land mit Tabakmonopol alles möglich ist. Die Tabakregie tat das Ihrige, um Gästen und Einheimischen zu imponieren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-19 17:14:11
Letzte Änderung am 2018-07-19 17:22:41


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