• vom 05.08.2018, 08:00 Uhr

Vermessungen


Schweizer Hochseeflotte

Der Preis der Unabhängigkeit




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Von Ingeborg Waldinger

  • Das Binnenland Schweiz hat seit 1941 eine eigene Hochseeflotte. Die Schiffe sollen das Land in Krisenzeiten mit lebenswichtigen Gütern versorgen.



Botschafterin auf den Weltmeeren: die Schweizer Handelsflotte.

Botschafterin auf den Weltmeeren: die Schweizer Handelsflotte.© Illustration: Wienerzeitung/Martina Hackenberg Botschafterin auf den Weltmeeren: die Schweizer Handelsflotte.© Illustration: Wienerzeitung/Martina Hackenberg

Der Moléson ist ein vielbesungener Berggipfel im Kanton Freiburg und die Diavolezza ein Joch im Gemeindegebiet Pontresina, wo manch Jägersmann in die Fänge einer teuflischen Bergfee geriet - so will es jedenfalls die Sage. Tzoumaz heißt eine Alpsiedlung im Kanton Wallis, ihr Name zeugt vom Spracherbe der Romandie und bedeutet Rastplatz für Senner. Turicum wiederum war die Römersiedlung im Herzen von Zürich und Aventicum das Zentrum der keltischen Helvetier. All diese Namen sind im kollektiven Gedächtnis der Eidgenossen fest verankert.

Doch es eint sie noch eine ganz besondere Rolle: Moléson, Diavolezza und die anderen Toponyme sind auch die Namen von Schiffen. Und zwar von Frachtschiffen, die zur Schweizer Hochseeflotte gehören. Ja, das Binnenland Schweiz unterhält eine eigene Hochseeflotte (wie u.a. auch Bolivien).

Dass die Schiffe einer nationalen Flotte "vaterländische" Namen tragen, überrascht freilich nicht. Als Österreich noch am Meer lag, verzeichnete seine Marine etwa eine "Kaiserin Elisabeth", eine "Habsburg" oder die legendäre, nach dem Wahlspruch von Kaiser Franz Josef benannte "Viribus Unitis" (siehe Artikel auf Seite 36).

Schiffsname als Appell

Information

Ingeborg Waldinger ist Redakteurin der Beilage "extra" der "Wiener Zeitung".

Schiffsnamen dienen eben nicht nur der identifizierenden Kennzeichnung eines Wasserfahrzeuges. Sie sind auch ein Medium der Kommunikation. Sie haben Appellfunktion, lösen Assoziationen aus. Berufsfischer nutzen diesen "Vokativ" nicht selten, um dem Meer als ihrer wahren Geliebten zu huldigen. Die Namen privater Boote wiederum sind als ironische oder eitle Selbstdarstellung ihrer Eigner deutbar, und die Schiffsnamen staatlicher Flotten (landestypische Personen, Orte, mythische Gestalten) als nationale Metaphern.

In der Schweizer Hochseeflotte darf freilich die Allegorie Helvetia nicht fehlen. Mit im Bunde ist auch die San Beato; sie verweist auf einen Tessiner Eremiten, der zu Zeiten der Pest Steine in Brot verwandelt haben soll. Ein Versorger in Not also - womit wir auch beim Gründungsmotiv für die Schweizer Hochseeflotte wären.

Der Beschluss dazu erfolgte im Jahr 1941 und hat eine längere Vorgeschichte. Der von ehemaligen Schweizer Seeleuten gegründete Verband Swiss Ships hat dazu eine detailreiche Chronologie erstellt: Schon im 19. Jahrhundert hatten sich Schweizer Kaufleute, Industrielle und Handelshäuser für die Einführung einer Schweizer Flagge zur See stark gemacht. Andere Proponenten führten die Sicherheit von Schweizer Exilanten ins Treffen: sie sollten ihr Ziel Nordamerika auf soliden eidgenössischen Auswandererschiffen erreichen. Ganz generell würde eine eigene Flotte eine bessere Kontrolle der Schiffe erbringen.




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Dokument erstellt am 2018-08-02 17:02:33
Letzte Änderung am 2018-08-03 10:00:17


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