• vom 12.08.2018, 12:00 Uhr

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Kybernetik

Krieg der Knopfdrücke




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Von Adrian Lobe

  • Wer hat das Kommando: der Mensch oder die Maschine? Über die zunehmend schwierige Kontrollierbarkeit der Kommunikation smarter Geräte.



Das Smart Home als Gefahr zwischen Verselbstständigung und Kontrollverlust.

Das Smart Home als Gefahr zwischen Verselbstständigung und Kontrollverlust.© Getty Images / mikkelwilliam Das Smart Home als Gefahr zwischen Verselbstständigung und Kontrollverlust.© Getty Images / mikkelwilliam

Im Jänner 2017 kam es in den USA zu einem denkwürdigen Vorfall. Jim Patton, Nachrichtensprecher des Senders CW6, erteilte in einer Live-Sendung dem vernetzten Lautsprecher Amazon Echo den Sprachbefehl, ein Puppenhaus zu bestellen. Patton wollte eigentlich über ein kleines Mädchen berichten, das versehentlich ein Puppenhaus und Kekse bestellte. Doch er konnte nicht ahnen, welche Kettenreaktion er damit in Gang setzte.

Bei hunderten Zuschauern, die die Sendung live im Fernseher ihres Wohnzimmers laufen hatten, löste der Sprachbefehl einen Bestellvorgang aus. Denn ob der Nutzer im Zimmer oder eine Fernsehstimme ein Sprachkommando erteilt, macht für den Lautsprecher keinen Unterschied. Echo, der smarte Lautsprecher, verfügt über keine Stimmerkennung, die zwischen verschiedenen Nutzern differenzieren kann. Zwar wurde der Bestellungsvorgang nicht finalisiert, weil Amazon dem Schritt vor der Bestellung einen gesprochenen Bestätigungscode als Autorisierungselement zwischengeschaltet hat. Dennoch aktivierte sich der Speaker wie von Zauberhand. Beim Sender gingen daraufhin zahllose Beschwerden ein.

Information

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, studierte Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Heidelberg und Paris. Er schreibt als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum.

Der Vorfall wiederholte sich im Rahmen des Superbowl, als Google in der Halbzeitpause einen Werbespot für seinen Netzwerklautsprecher Home ausstrahlte, durch dessen Schlüsselbegriff "OK Google" sich tausende Geräte in den Wohnzimmern der Zuschauer aktivierten. Das Vorkommnis sorgte für Heiterkeit in der Netzgemeinde. Doch es macht sich auch ein Gefühl des Kontrollverlusts breit.

Eigendynamik

In der landläufigen Vorstellung ist der Computer eine komplexe Rechenmaschine, die bestimmte Operationen durchführt. Eine Maschine transformiert Input in Output. Eingabe, Ausgabe. Der Administrator drückt auf einen Knopf - auf der Maus oder der Tastatur -, und der Prozessor exekutiert einen Programmierbefehl, zum Beispiel einen Shutdown-Befehl per Eingabeaufforderung.

Soweit die simple Theorie. Bei Amazon Echo gibt es diese Bedienelemente (außer dem Stummschaltknopf) nicht mehr. Der Netzwerklautsprecher hört nur auf Sprachkommandos. Dasselbe gilt für Google Home. Schon die Computerpionierin Alice Mary Hilton sah Steuerungssysteme voraus, die "nicht einmal Bedienfelder besitzen": "Kybernetisierte Maschinen laufen von selbst, Menschen sind überflüssig."

Obwohl die Hersteller suggerieren, man sei durch Sprachbefehle Herr über die Technik, haben sich die Geräte verselbstständigt und eine kybernetisch anmutende Eigendynamik entwickelt. Die entscheidende Frage ist: Wer hat das Kommando, der Mensch oder die Maschine? Ist der Mensch inmitten der künstlichen Umgebungsintelligenz nur noch Befehlsempfänger? Entstehen hier gar neue Steuerungssysteme, die irgendwann politisch werden?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 15:53:45
Letzte Änderung am 2018-08-09 17:19:58


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