• vom 11.08.2018, 08:30 Uhr

Vermessungen

Update: 11.08.2018, 11:55 Uhr

Philosophie

Traktat eines Unorthodoxen




  • Artikel
  • Kommentare (23)
  • Lesenswert (17)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Friedrich Stadler

  • Trotz der Verweigerung eines systematischen Werks ist Ludwig Wittgenstein bis heute einer der einflussreichsten Philosophen.

Hat zeit seines Lebens die Sprache zum Gegenstand des Philosophierens gemacht: Ludwig Wittgenstein (1889-1951). - © Wittgenstein Archive Cambridge / dpa

Hat zeit seines Lebens die Sprache zum Gegenstand des Philosophierens gemacht: Ludwig Wittgenstein (1889-1951). © Wittgenstein Archive Cambridge / dpa

Ludwig Wittgenstein zählt zu den einflussreichsten und faszinierendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Seine Wirkung reicht in die gesamte Welt der Gegenwart - und er war eine der schillerndsten Figuren der österreichischen Geistesgeschichte.

Er entstammte einer reichen, teilweise jüdischen bürgerlichen Familie mit acht Kindern. Sein Vater war der Begründer der Stahlindustrie in Böhmen und zugleich Mäzen im Wiener Kulturleben, der etwa die Secession gesponsert hat. Wittgenstein war eigentlich ursprünglich an Technik und Aerodynamik interessiert. Er studierte in Linz, Berlin und Manchester und hat sich erst nach Kenntnis der Schriften von Bertrand Russell für die Philosophie interessiert. Diesen Lektüretipp hatte er von Gottlob Frege bekommen - und ihn ernst genommen. In Cambridge hat er Russell und dessen Kollegen George Edward Moore besucht. Die beiden haben ihn schließlich - nach einigen Zweifeln auf beiden Seiten - zur Philosophie gebracht.

Information

Friedrich Stadler, geboren 1951, ist Wissenschaftsphilosoph und -historiker, Professor an der Universität Wien und Präsident der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft. www.alws.at

Zum Internationalen Wittgenstein Symposium zuletzt in der Wiener Zeitung erschienen:

"Sprache verstehen" - Interview mit Symposiums-Koorganisator Bernhard Ritter. Von Eva Stanzl.

"Die Mathematik als Lebensform" - der Wiener Mathematiker Karl Sigmund im Gespräch mit Eva Stanzl.

Während des Ersten Weltkriegs diente Wittgenstein an mehreren Fronten im Osten und Süden - und das Faszinierende ist, dass er praktisch im Krieg und an den Fronten sein berühmtes Hauptwerk, den "Tractatus logico-philosophicus", schrieb. Das ist ein Büchlein von nicht mehr als 115 Seiten, das trotz schwieriger Publikationsgeschichte innerhalb kürzester Zeit Karriere gemacht hat. Im deutschsprachigen Raum vor allem im "Wiener Kreis", und im englischsprachigen Raum durch die Vermittlung von Russell, Moore - und auch durch den jungen Cambridge-Philosophen Frank Plumpton Ramsey.

Fehlerhafte Erstauflage

Das Büchlein erschien in erster Auflage allerdings 1921 unter dem Titel "Logisch-philosophische Abhandlung" auf Deutsch in der letzten Nummer von Wilhelm Ostwalds "Annalen der Naturphilosophie". Es war sehr fehlerhaft und Wittgenstein war sehr verärgert, dass er nicht vorher Korrekturen vornehmen konnte. Es ist Bertrand Russell, seinem Freund und späteren, kann man sagen, Antipoden zu verdanken, dass dieses Büchlein 1922 in einer Übersetzung von Frank Ramsey als "Tractatus logico-philosophicus" auf Deutsch und Englisch erschien, mit einer von Wittgenstein kritisierten Einleitung von Russell. Seitdem war dieses Werk ein Fanal oder ein Anlass für die Reform der Philosophie, manche sagen sogar für eine Revolution in der Philosophie.

Worum geht es?

Wittgenstein hat zeit seines Lebens die Sprache zum Gegenstand des Philosophierens gemacht und er hat die Grenzen der Sprache, die Möglichkeiten, aber auch die Fallen immer wieder ausgelotet. Der bekannteste Satz des Traktats - "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" - ist Ausdruck dieses radikalen Umgangs mit Sprache, die Wittgenstein als logische Abbildtheorie verstanden hat und die er dann in der Mitte seiner Schaffensperiode revidierte, bis hin zu seiner Sprachspielkonzeption der "Philosophischen Untersuchungen", die allerdings erst 1953 postum, zwei Jahre nach seinem Tod, erschienen sind.




weiterlesen auf Seite 2 von 5




23 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 16:56:52
Letzte Änderung am 2018-08-11 11:55:21


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Ein wenig Blödeln hilft immer"
  2. Rationalität gegen Reizüberflutung
  3. Das große Reinemachen
  4. Worin Stephan Schulmeister irrt
  5. Waren, die an Wert gewinnen
Meistkommentiert
  1. Waren, die an Wert gewinnen
  2. Worin Stephan Schulmeister irrt
  3. Das große Reinemachen
  4. Endlose Gier

Werbung




Werbung