• vom 19.08.2018, 12:00 Uhr

Vermessungen


Naturgeschichte

Verliebt in Flugsaurier




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Alexander Kellner mit Autorin Martina Farmbauer.

Alexander Kellner mit Autorin Martina Farmbauer.© Farmbauer Alexander Kellner mit Autorin Martina Farmbauer.© Farmbauer

Alexander Kellner, der das Gespräch auf Portugiesisch führt, dabei immer wieder Sätze und einzelne Redewendungen in astreinem Deutsch einstreut, hat die - zweisprachige - Deutsche Schule Rio de Janeiro besucht, an der Universidade Federal do Rio de Janeiro Geologie studiert und an der New Yorker Columbia University - in deren Kooperations-Studienprogramm mit dem American Museum of Natural History - promoviert. Nach seiner Rückkehr nach Rio und der Teilnahme an einem öffentlichen Wettbewerb, den er gewann, begann er am 21. August 1997 als Dozent und Kurator am Museu Nacional. "Ich war damals bestimmt", sagt Kellner über seinen ersten Tag, "sehr bestimmt, fast zu deutsch und zu US-amerikanisch für brasilianische Verhältnisse."

Mittlerweile war der Paläontologe Mitglied der Academia Brasileira de Ciências, hatte mehr als 900 wissenschaftliche Arbeiten publiziert und Expeditionen in Brasilien sowie in die Antarktis, den Iran, nach Chile und China unternommen. Vor drei Jahren stellte man ihm die Frage, was er für das Museum noch würde machen können. 1000 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen? Da begann Alexander Kellner, auch im Hinblick auf das Jubiläum, in Erwägung zu ziehen, Direktor des Museu Nacional zu werden.

Ausstellungen hatte er schon davor erfolgreich organisiert, finanziert und veranstaltet. 1999 etwa "No Tempo dos Dinossauros" ("In den Zeiten der Dinosaurier"), die als Meilenstein in der Geschichte des Museums gilt. Kellners Spezialgebiet sind die Pterosauria, Flugsaurier, die vor 215 Millionen Jahren die Lüfte beherrschten. Das Interesse für Naturwissenschaften hat er von seinem Vater, der nicht nur mit Land, sondern auch mit Juwelen handelte - und mit dem er zusammengearbeitet hatte, seit er zwölf war. In der Jugend, erzählt er, hätte er sich verliebt: "in Fossilien". Und beschlossen, Geologie zu studieren.

Als er im Dezember 2017 (das Schweizer Radio und Fernsehen titelte: "Osternest kurz vor Weihnachten") mit einem chinesischen Kollegen mehr als 200 (!) Flugsaurier-Eier in China fand, glaubte er zuerst gar nicht, dass dies möglich sei: "Mein Herz raste." Vermutlich wie bei einem Verliebten. Den Austriadraco dallavecchiai, einen der wenigen Flugsaurier, den man 1994 in Seefeld/Tirol gefunden hatte, hat Kellner 2015 einer Neuuntersuchung unterzogen, ihn beschrieben und benannt.

Österreich besucht er beruflich wie privat regelmäßig: "Und jedes Mal bin ich traurig, wenn ich wieder abreise." Nicht nur wegen des Naturhistorischen Museums in Wien, das zwar 80 Jahre später als das Museu Nacional gegründet wurde, aber prachtvoller ausgestattet und besser erhalten ist. "Das ist kein Vergleich", sagt Alexander Kellner fast empört. Sondern auch wegen familiärer und freundschaftlicher Bande, die er immer noch pflegt. Wie zum Trost hat er Leopoldina in Rio de Janeiro quasi vor der Haustür; manche wollen ja gar ihren Geist im Museum gesehen haben.

Dona Leopoldina

Dom João VI. hat das Museu Nacional zwar 1818 gegründet, nachdem die königliche portugiesische Familie 1808 vor Napoleon nach Rio geflüchtet war. Aber es war Dona Leopoldina, die im Gegensatz zu dessen Sohn, ihrem Mann Dom Pedro IV. (bzw. I.), als sehr gebildet galt und sich für Physik, Astronomie, Botanik und Mineralogie interessierte. Erzherzog Ludwig schrieb anlässlich der Stellvertreter-Hochzeit in Wien 1817 einen Brief an deren Schwester Marie Louise: "(. . .) da kann sie recht botanisieren und Steine sammeln". Leopoldina holte österreichische und bayerische Wissenschafter wie Johann Natterer, Carl von Martius und Johann von Spix nach Brasilien, die das Land erkundeten und u.a. auch für das Nationalmuseum arbeiteten. Erst durch die Ankunft des portugiesischen Hofes öffnete sich Brasilien für die Welt, auch andere Expeditionen, etwa französische, kamen ins Land.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 16:18:05
Letzte Änderung am 2018-08-16 17:13:22


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