• vom 26.08.2018, 17:00 Uhr

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Stadtplanung

Die Organisation von Widersprüchen




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Differenzen liegen nicht nur in Gestaltungsfragen von top down und bottom up, sondern schlicht in der Selbstermächtigung, an Gestaltungsfragen überhaupt teilhaben zu können. Auch Inklusion und Exklusion im Rahmen solcher Beteiligungsverfahren müssen daher entlang gesellschaftlicher Differenzen immer kritisch bewertet werden. Geschlecht, Segregation, Altersgruppe usw. sind in Beteiligungsprozessen entsprechend zu berücksichtigen.

Die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an Regime sind ebenso unterschiedlich. Werden Probleme tendenziell "von der Politik" gelöst, bedarf es eines zivilgesellschaftlichen Engagements, um Ideen überhaupt in die Gänge zu bringen, oder geht beides Hand in Hand?

Wille zur Kooperation

Ist Partizipation aus legitimatorischen Gründen angelegt, ist sie ein Widerspruch in sich, wenn es zum Beispiel darum geht, Beharrung zu sichern oder Veränderung "durchzupeitschen". Ebenso ist Obacht angebracht, wenn partizipative Prozesse "gekapert" werden, indem Mehrheiten sich einen Prozess selektiv aneignen.

Partizipation ist gleichzeitig ein gewisser Gradmesser für gesellschaftlichen Zusammenhalt - und das im doppelten Sinn. Zum einen das widersprüchliche Verhältnis zwischen Solidarität und Individualität betreffend, zum anderen dient Partizipation mitunter dazu, Problemstellungen sichtbar zu machen, die im gesellschaftlichen Mainstream unterzugehen drohen.

Partizipation bedingt auch eine gewisse Fähigkeit und einen Willen zur Kooperation. Die Teilhabe, Beteiligung und Mitbestimmung bedingt Kommunikation und Austausch mit Gleich- und Andersgesinnten. Mitbestimmung, die bewusste Miteinbeziehung von Stakeholdern in Entscheidungs- oder Ideenfindungsprozesse, kann nicht nur effektiv sein, sie kann auch zur Vertrauensbildung beitragen und dadurch das Ergebnis oder einen Konsens abstützen sowie soziales Kapital binden.

In westlichen Gesellschaften leben heute viele Menschen multilokal - oder einfach gesagt: zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten "gleichzeitig". Es wird gelebt, gearbeitet, gependelt, Familienmodelle sind vielgestaltig, das individuelle Freizeitverhalten hat sich an viele Orte verlagert. Diese Verhaltensweisen führen zwangsweise zur Notwendigkeit einer Organisation von Gleichzeitigkeit.

Und das bedeutet zweierlei: erstens wird es zunehmend schwieriger, Individuen an Orte bzw. Fragestellungen zu binden, und zweitens ist Teilhabe vielfach kleinteilig, situativ und an die unmittelbaren individuellen Bedürfnisse gebunden, wie etwa die Nahversorgung vor dem eigenen Haus. Um soziale Systeme aktiv zu gestalten, bedarf es häufig auch einer gewissen physischen Präsenz - trotz sozialer Medien. Diese zu gewährleisten ist nicht immer einfach, beziehungsweise setzt es Zeit als Ressource voraus.

Zudem ist die zeitliche Dimension in Partizipationsprozessen häufig lebenszyklisch zu verstehen. Ist ein Problem gelöst, hat sich Partizipation vielfach erledigt. Partizipative Prozesse in der Stadtentwicklung haben daher häufig Projektcharakter, sind also anlassbezogen, räumlich bezogen - und sie haben einen Anfang und ein Ende. Die Qualität partizipativer Prozesse lässt sich weniger an einer zeitlichen Dimension als mehr an aufgebauten Kommunikations- oder Vernetzungsstrukturen sowie an erreichten Ergebnissen darstellen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 14:47:44
Letzte Änderung am 2018-08-23 15:53:11


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