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Update: 26.08.2018, 10:27 Uhr

Bildende Kunst

Der Mann, der immer schon alt war




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Von Wolfgang Koch

  • Zum 80. Geburtstag von Hermann Nitsch: Reflexionen über seinen radikalen künstlerischen Umgang mit Blut.



Lebenslange Blutobsession: Hermann Nitsch bei der Arbeit (1997).

Lebenslange Blutobsession: Hermann Nitsch bei der Arbeit (1997).© Leopold Nekula/Sygma via Getty Images Lebenslange Blutobsession: Hermann Nitsch bei der Arbeit (1997).© Leopold Nekula/Sygma via Getty Images

Dieser Künstler pflegt von sich zu sagen, dass er schon alt war, als er achtzehn war, und sich immer schon älter fühlte als seine Freunde. Das 21. Jahrhundert wird nicht um ihn, sondern um das Mobiltelefon herum gebaut. "Dieses ganze Gedränge der Technik, da mache ich nicht mit", sagt Nitsch. "Ich lehne die Neuen Medien zwar nicht ab, bin aber gegen ihren Missbrauch. Man sitzt heute da, jeder seine Gehirnprothese in der Hand, und spricht gar nicht mehr miteinander. Es kommt kein ekstatischer Augenblick zustande, keine Totalidentifizierung mit dem Ganzen."

Information

Von und mit Hermann Nitsch findet demnächst statt: "Sinfonie für großes Orchester, Blaskapelle, Chor + Aktion." 1. September 2018 um 18 Uhr im Nitsch Museum in Mistelbach. www.nitschmuseum.at

Wolfgang Koch,
Historiker und Schriftsteller, beforscht den phänomenologischen Nitsch-Kosmos seit dem Jahr 1984.

So kennen wir ihn: scharfe Soseinserfassung und die unversehrte Bereitschaft, zu feiern. "Wir haben viel mehr Energie zur Verfügung, als wir ausleben können. Mein Theater analysiert das ohne Worte, es bewirkt direktes sinnliches Erleben und macht das Verdrängte durch die Form bewusst."

Nitschs freudig bejahende Haltung in Bezug auf das Leben ist sprichwörtlich. Von Altersruhe keine Spur; der Mann schreibt, malt und komponiert ohne Unterlass. Die Museen in Mistelbach und Neapel müssen gefüllt, das Sechstagespiel muss institutionalisiert werden. Seine 135. Aktion lieferte er im Jahr 2012 in Kuba ab, die 150. Aktion im fernen Tasmanien.


"Ich habe das ganze Leben um das Gesamtkunstwerk gerungen und kollektive Mythen bearbeitet. Das breite Publikum realisiert bis heute nicht, dass ich dabei mit Partituren vorgehe. Ich hoffe sehr, dass die später einmal wie ,Wallenstein‘ und ,Faust‘ gelesen werden."

Schicksalsschläge

"Meine Theateridee mündet darin, dass es kein Theater mehr gibt, dass meine Tragödien sich überall ereignen könnten, in Weingärten, am Meer, im Gebirge, im Turnsaal, in der Kirche, selbst im Theaterbau."

Aktionsfotos zeigen rotbesudelte Nackte. "Alle Lebensbejahung steht dem Tod gegenüber und muss das Tragische integrieren." Nitschs "unspielbare Partituren" bilden eine eigene, furchterregende Gattung. Da kochen Homosexuelle in Priestergewändern Hurengedärme, und Hitlerreden ertönen über Betten im Schlachthaus. "Wolllust", lehrt Nitsch, "kann nur über den Weg des tiefsten Ekels begriffen werden." Sadomasochismus sei "Lust in tiefster Form".

Der Hang zum Tragischen wird verständlicher, wenn man sich die gemischte Lebensbilanz des Künstlers vor Augen führt. Bis er 25 Jahre alt war, nächtigte der "Bua" im Bett seiner Mutter; sein Großvater zeichnete mit ihm Eisenbahnen; und wie Sigismund Schlomo alias Freud, besuchte er regelmäßig Verwandte in Prinzendorf an der Zaya. "Als bei einem Bombenangriff die Großmutter Marillenknödel gekocht hat, weigerte sich der Großvater in den Luftschutzkeller zu gehen, und aß weiter, während die Treffer rundherum alles zerlegten."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 14:50:53
Letzte Änderung am 2018-08-26 10:27:00


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