• vom 25.08.2018, 13:00 Uhr

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Update: 26.08.2018, 10:27 Uhr

Bildende Kunst

Der Mann, der immer schon alt war




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Von Freud übernahm Nitsch - anders als Otto Muehl - das dynamische Modell der schöpferischen Sublimierung: Schläft die Begierde, erwacht das Entzücken. In Prinzendorf fiel unverhofft das Schloss, "eine Wahnidee", um den Grundpreis in seine Hände. Zu den großen Glücksfällen des Lebens zählt auch Adoptivsohn Leo Kopp, Physiotherapeut in München, den Nitsch zur Fortsetzung des "Existenzfestes" post mortem autorisiert hat.

Die schwersten Schicksalsschläge: die Scheidung von seiner ersten - und der Unfalltod seiner zweiten Frau, Beate. "Das hat mich durchgebeutelt", seufzt Nitsch. Alles andere - Gefängnisstrafen, Mordverdacht, Berufsverbot, Exil, endlose Anfeindungen, Millionenraub, Steuerskandal; 1975 provozierte er eine Straßenschlacht in Paris, 1998 überstand er Sabotageakte in Österreich - alles halb so schlimm wie der Verlust geliebter Menschen. "Das ist nicht zu vergleichen! Schwarzkogler, Roth, Wunderlich: mir gehen sie alle ab, die nicht mehr sind."

Blutige Brieftasche

Nitsch, der unsichtbare Vater der Lazarett-Visionen. Der Krieg ist lange vorbei, doch nicht in seiner Seele. Als der Vater 1944 aus dem Feld nicht mehr heimkam, händigte ihm die Mutter als einzige Hinterlassenschaft seine blutverkrustete Brieftasche aus. Wie Rudolf Schwarzkogler das verlassene Arztbesteck seines Vaters in Collagen einfügte, so setzt Nitsch die rote Signatur der Epoche. "Diese Brieftasche hat mich damals tief getroffen. Sie ist später durch meine Unfähigkeit im Archiv verschwunden, was mich sehr unglücklich macht."

Braucht es überhaupt noch ein weiteres Wort, um die lebenslange Blutobsession dieses Mannes zu verstehen? Ist dieses Erbstück nicht der Schlüssel zum selbstquälerischen Leiden der Aufbahrungsszenen und zur feierlichen Pracht der Schüttbilder?

Die Psychoanalyse hat herausgefunden, dass Künstler, mehr als andere Menschen, einen instinktiven Zugang zum Unbewussten haben; also zeichnet Nitsch berückende Städte unter der Erde, in denen Blut durch Kanäle strömt. Ein seinstrunkener Schwamm sucht nach Geborgenheit in einem möglichen Ganzen, will "tiefgehende Existenzvergeistigung" herstellen und im Rausch zurückkriechen in die Geborgenheit des Mutterleibes.

Fast alle Interpreten folgen dieser irdischen Erlösungsutopie. Den wenigen, die ihr widersprachen, wie Schriftsteller Ferdinand Schmatz im Jahr 1988, sprangen die Aktionisten sofort an die Gurgel. Falls die Kunst die Realität widerspiegelt, vermag sie grundsätzlich auch über die Intentionen des Künstlers hinaus etwas Richtiges zu sagen. Meine These lautet, dass die archaische Formensprache des Orgien-Mysterien-Theaters heute eine dramatische Aktualisierung durch eine Reproduktionsmedizin erfährt, die sämtliche Werte der menschlichen Gemeinschaft auf den Kopf stellt.

Warum rankt sich ein nie versiegender Fluss von Mythen und Glaubenslehren um das Blut? Weil es dank seiner metonymischen Möglichkeit, Körpersaft und rote Farbe zu sein, eine spezifisch mediale Funktion der Kultur übernimmt. Es kann für eine Politik des Lebendigen wie des Todes stehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 14:50:53
Letzte Änderung am 2018-08-26 10:27:00


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