• vom 08.09.2018, 16:00 Uhr

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Geschichte

Tragödie am Genfersee




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Am Nachmittag des 30. August 1898 war sie mit dem Zug aus Lausanne in Territet bei Montreux eingetroffen, hatte anschließend die Bergbahn nach Caux genommen, wo sie einen längeren Kuraufenthalt plante. Im Grand Hotel de Caux, dem modernsten und exklusivsten Hotel der Region sind 15 Zimmer für die Kaiserin und ihr aus 13 Personen bestehendes Gefolge reserviert. Die 60-jährige Monarchin reist mit einem Haushofmeister, einem Sekretär, einem Vorleser, zwei Kammerdienerinnen, zwei Lakaien, zwei Zofen und einer Friseurin. Eine Sonderstellung nimmt die junge Hofdame Gräfin Sztaray ein, die sich - im Gegensatz zum Gefolge, das im Hintergrund agierte - stets in Gesellschaft Elisabeths befand. Auf Leibwächter wurde verzichtet, auch das Hotel traf keinerlei Sicherheitsvorkehrungen. Die Kaiserin reiste, wie damals viele Standespersonen, inkognito, als "Gräfin von Hohenembs".

Dies geschah weniger der Anonymität willen - die Hotels meldeten die Ankunft illustrer Gäste sofort den lokalen Zeitungen - als vielmehr zur Vermeidung lästiger Protokollpflichten. Die wahre Identität Elisabeths verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Auch in Territet wurde die Kaiserin häufig erkannt und angesprochen.

Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Luigi Lucheni schon seit einigen Wochen in der Gegend von Genf auf. Geboren 1873 und aufgewachsen als uneheliches Kind in tristen Verhältnissen, fristete er sein Leben in Italien und der Schweiz als armer Wanderarbeiter. Er las mit Begeisterung das Anarchistenblatt "La Révolte" und die radikalen Schriften Kropotkins. Mit 25 fühlte er sich bereits als "individueller Anarchist" und verkehrte mit Gleichgesinnten. Von diesen als "Il stupido" tituliert, beschloss er, sich in diesem Kreis Geltung und Achtung zu verschaffen. Den im Genfer Luxushotel Beau Rivage erwarteten Prinzen Henri d’Orléans wählte er als ideales Mordopfer.

Die Schweiz war damals ein anarchistisches Zentrum, wo viele ausgewiesene französische und russische Anarchisten Asyl erhalten hatten und eine rege Tätigkeit entfalteten. Aus diesem Grund suchte der Polizeipräsident von Genf die Kaiserin in ihrem Hotel auf, um sie vor der Gefahr eines Attentats zu warnen. Im laufenden Jahr 1898 seien vom Bundesrat bereits 36 Mitglieder der "Schwarzen Gefahr" des Landes verwiesen worden. Er bot Schutz an, Elisabeth lehnte ab.

"Königsmörderbrut"

Dabei war sie sich der Risiken bewusst. "Schweizer, Ihr Gebirg ist herrlich! Doch für uns ist höchst gefährlich, Ihre Königsmörderbrut!", steht in einem ihrer Gedichte. Auch das Schicksal von Zar Alexander II., den sie persönlich gut kannte - er überlebte sechs Anschläge, starb aber beim siebenten -, konnte sie nicht zur Vorsicht bewegen. Unbekümmert unternahm Elisabeth, allein oder mit ihrer Hofdame lange Wanderungen und Ausflüge, sie spazierte durch Territet und machte Einkäufe.

Am 9. September brach sie zu einem Höflichkeitsbesuch bei der Familie Rothschild auf Schloss Pregny auf. Sie bewunderte die Gewächshäuser der Gastgeber und meinte, überwältigt von der Pracht: "Ich wünschte, meine Seele könnte durch ein ganz kleines Loch im Herzen in den Himmel entgleiten." Später hat man diese Äußerung als Vorausahnung gedeutet.

Inzwischen hatte Lucheni zu seiner großen Enttäuschung von der Absage des Prinzen Henri d’Orléans erfahren. Er disponierte um. Warum nicht eine Kaiserin anstelle eines Prinzen? Unverzüglich ging er ans Werk. Zu arm für den Ankauf einer Pistole, erwarb er schließlich eine Feile. In langer mühseliger Arbeit hat er sie so lange zurecht geschliffen, bis er schließlich ein dreikantiges, dünnes, messerscharfes Mordinstrument in Händen hielt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 16:33:07
Letzte Änderung am 2018-09-06 17:02:12


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