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Update: 25.10.2018, 15:46 Uhr

Wiener Journal

Philosophie in der Schwulenbar




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Von Christian Hoffmann

    Charakteristisch für die moderne Gesellschaft in den Industrieländern ist die Auflösung traditioneller Geschlechterrollen, eine zunehmende Verwirrung in Bezug auf die Positionen von Frau und Mann. Diesen Prozess hat niemand mit so einzigartiger Präzision erfasst wie die Philosophin Judith Butler. "Das Unbehagen der Geschlechter", das Buch, mit dem sie berühmt wurde, hat nichts an Aktualität verloren.


    Judith Butler - © Schnitzler / Caro / picturedesk

    Judith Butler © Schnitzler / Caro / picturedesk

    Die Philosophieprofessorin Judith Butler, Jahrgang 1956, war ein Migrantenkind. Ihr Vater wanderte aus Russland in die USA ein, ihre Mutter aus Ungarn. Judith wuchs in der Stadt Cleveland in einer orthodoxen jüdischen Gemeinde mit sehr traditioneller Gelehrsamkeit auf, sprach schon früh nicht nur Englisch, sondern auch Hebräisch, und las schon als junges Mädchen komplexe philosophische Texte.
    In der sehr traditionellen jüdischen Umgebung, die ihren Eltern in dem fremden Land Halt gab, war das Coming out von zwei homosexuellen Cousins schockierend. Judith, die Studentin, die längst über ihre lesbischen Neigungen Bescheid wusste, schlug sich gleich auf die Seite der beiden jungen Männer, in deren Begleitung sie immer wieder eine berühmte Schwulenbar besuchte. Manches an diesen Abenden scheint unvergesslich gewesen zu sein, denn dort traten auch Drag-Queens auf. In dieser Umgebung erlebte Judith Butler, wie sie später sagen sollte, eine bestimmte implizite Theoretisierung von Gender: "Es dämmerte mir rasch, dass einige dieser sogenannten Männer Weiblichkeit viel besser darstellen konnten, als ich es jemals konnte, jemals wollte oder jemals können würde."

    Verwirrung in den Geschlechterrollen ist ein altbekanntes Thema: Sogar Heinz Rühmann, der Inbegriff des biederen Deutschen, feierte Erfolge als  "Charleys Tante" im Jahr 1956.

    Verwirrung in den Geschlechterrollen ist ein altbekanntes Thema: Sogar Heinz Rühmann, der Inbegriff des biederen Deutschen, feierte Erfolge als  "Charleys Tante" im Jahr 1956.
    © Interfoto / picturedesk Verwirrung in den Geschlechterrollen ist ein altbekanntes Thema: Sogar Heinz Rühmann, der Inbegriff des biederen Deutschen, feierte Erfolge als  "Charleys Tante" im Jahr 1956.
    © Interfoto / picturedesk

    Charleys Tante

    Information

    NACHLESEN
    Judith Butler: "Das Unbehagen der Geschlechter. Gender Studies." Aus dem Amerikanischen
    von Katharina Menke. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1991. 237 Seiten

    Diese Männer, die Weiblichkeit besser in Szene setzen können als so manche Frau, werden üblicherweise als gesellschaftliche Randerscheinung abgetan. Was jedoch nichts an der merkwürdigen Begeisterung ändert, die das Thema Travestie immer wieder auslöste. So konnte in den stockkonservativen 50er Jahren ein Schauspieler wie Heinz Rühmann, sozusagen der Inbegriff der deutschen Spießigkeit, mit dem Film "Charleys Tante" große Erfolge feiern, in dem er als Frau auftritt. (Auch wenn man von Heinz Rühmann sicher nicht behaupten kann, dass er Weiblichkeit besser als eine Frau darstellen konnte.) Die Theatervorlage für "Charleys Tante" stammte übrigens aus dem England des Jahres 1892, einer Welt extremer Prüderie, in der sich Travestie-Shows ebenfalls großer Beliebtheit erfreuten.
    Aus dem Blickwinkel der Philosophin, die Judith Butler damals zu werden im Begriff war, eröffneten die merkwürdigen Travestie-Szenen in der Schwulenbar einen Blick auf die alltäglichen Geschlechterverhältnisse, die sie später in dem Buch "Gender Trouble", das in der deutschen Übersetzung "Das Unbehagen der Geschlechter" heißt, thematisieren sollte. Ursprünglich gedacht als Zusammenfassung ihrer Gedanken für ihren Freundeskreis wurde aus dem Text zur Überraschung der Autorin ein internationaler Bestseller, der heftige Debatten auslöste und ihr auch erbitterte Kritik von vielen Feministinnen eintrug, zum Beispiel von Alice Schwarzer, die sich kürzlich wieder in dem Artikel "Weiberzank – oder Polit-Kontroverse?" über "die sektiererischen Butlerschen Denkkonstrukte" ereiferte.
    Doch der Reihe nach. Es stimmt natürlich, dass die Gedanken, die Judith Butler in "Das Unbehagen der Geschlechter" entwickelt, nicht leicht konsumierbare Lektüre sind. Sie bezieht sich in ihrer Arbeit auf eine Vielzahl von philosophischen Traditionen, von denen vielleicht der Schweizer Ferdinand de Saussure (1857 - 1913) hervorzuheben ist, der gedankliche Vater des Strukturalismus. Dessen Arbeit veränderte die Sichtweise auf die Beziehung von sprachlichen Begriffen, zum Beispiel "der Stuhl", und dem tatsächlichen Gegenstand, der da vor einem Tisch steht. Die Bedeutung des Wortes "Stuhl" ergibt sich demzufolge nicht aus dem Gegenstand selbst, sondern aus einem ganzen System von Begriffen, das erst in seinem Zusammenspiel die Bedeutung des Wortes "Stuhl" aktivieren kann.
    Die einzigartige Leistung Judith Butlers bestand nun darin, diese Überlegungen auf das Verhältnis der Geschlechter anzuwenden. In "Das Unbehagen der Geschlechter" unterscheidet sie nämlich zwischen dem anatomischem Geschlecht, also der Beschaffenheit des Körpers, englisch "sex", und der Geschlechtsidentität, englisch "gender", eine Überlegung, die einfach scheint, aber weitreichende Konsequenzen hat. Zuerst ergibt sich sofort, dass die Zuordnung von "gender" und "sex" keineswegs ein für allemal gegeben sein kann, sozusagen wie ein Naturgesetz, dass es also keinesfalls so etwas wie wirkliche Weiblichkeit oder wirkliche Männlichkeit geben könne und dass "typisch weibliche" oder "typisch männliche" Verhaltensweisen nicht von biologischen Sachverhalten abzuleiten sind.
    Und auch umgekehrt: Kein Lippenstift dieser Welt trägt in sich die Bestimmung, dass er nur von Frauen angewendet werden kann und darf. Solche Zuschreibungen entstehen nur aus gedanklichen Strukturen, die nicht in den Dingen selbst liegen.

    Gender-Studies

    Zunächst hat dieser Gedanke, wenn er erst einmal wirklich verstanden ist, etwas Verstörendes, wie die wütenden Reaktionen auf Butlers Buch unterstreichen. Denn es ergibt sich daraus, dass die Geschlechtsidentität, mit der jeder Mensch aufwächst, egal ob männlich oder weiblich, nicht selbstverständlich oder naturgegeben ist, sondern dass es sich dabei um historische und soziale Konstruktionen handelt. Und wenn es sich aber um historische und soziale Konstruktionen handelt, dann kann man diese analysieren und zu guter Letzt sogar verändern.
    Man könnte ferner morgens vor dem Spiegel bemerken, dass die Geschlechtsidentität, die jeder Mensch mit sich herumträgt, harte Arbeit erfordert. Es ist zwar nicht so, wie Judith Butler einmal unterstreicht, dass man seine Identität, auch wenn sie wie eine Maske funktioniert, nach Lust und Laune wählen könnte wie ein beliebiges Kleidungsstück. Tatsächlich aber könnte man wahrnehmen, wie viel Energie jedes Individuum in die Anpassung an eine bestimmte Identität investiert, in die Formung des Körpers, der Kleidung, eines passenden Verhaltens.
    Aus dem Hinweis auf die Konstruiertheit der Geschlechterrollen ergibt sich allerdings niemals, dass man sie nach Belieben verändern könnte. In Wahrheit sind die Systeme, aus denen sie abgeleitet werden, historisch gewachsen und mit beträchtlichem sozialen Zwang verbunden, einem Zwang, unter dem beide Geschlechter stehen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930 - 2002), auf den sich Butler immer wieder bezieht, wies zum Beispiel darauf hin, mit welchen Erwartungshaltungen Männer in patriarchalen Systemen konfrontiert sind, vor allem wenn es um die Bereitschaft zum Krieg geht, zur Verteidigung der Ehre, zum Kampf um Anerkennung in Gewaltsituationen, Situationen, in denen Härte verlangt wird, während Weichheit als Mangel verstanden würde.
    Eine befreiende Wirkung können die Überlegungen Butlers allerdings unmittelbar haben, wenn man sich einmal bloß vor Augen führt, dass kein Individuum jemals in der Lage ist, die Perfektion der Ideale von Weiblichkeit und Männlichkeit zu erreichen, die kulturell vorgegeben werden, im Film zum Beispiel, in der Werbung, in den Medien, in der Literatur. Damit könnte man sozusagen ganz für sich Gender-Studies betreiben, indem man die Idealbilder des eigenen Geschlechts als solche sieht, ihre Eigenschaften studiert und sich über die Differenzen zum eigenen Leben klar wird. Schon allein das wäre wohl ein kleiner Akt der Befreiung.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-25 14:20:29
    Letzte Änderung am 2018-10-25 15:46:24


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