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Update: 25.10.2018, 15:13 Uhr

Wiener Journal

Die Freiheit des Geschlechts




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Von Gregor Kucera

    Der Verfassungsgerichtshof hat entschieden, dass eine Geschlechtszuordnung nicht mehr nur nach männlich und weiblich zu erfolgen hat. Ein großer Schritt in Richtung "Recht auf individuelle Geschlechtsidentität".


    Recht auf individuelle Geschlechtsidentität"

    Das Recht auf individuelle Geschlechtsidentität© RyanJLane / Getty Das Recht auf individuelle Geschlechtsidentität© RyanJLane / Getty

    "Heute habe ich zum ersten Mal im Leben das Gefühl, als das anerkannt zu sein, was ich bin. So wie ich geboren wurde", so die erste Reaktion von Alex Jürgen*, als der österreichische Verfassungsgerichtshof Ende Juni 2018 bekannt gab, dass neben "weiblich" und "männlich" ein weiterer Geschlechtseintrag in persönlichen Dokumenten ermöglicht werden muss. Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich ist, haben damit nun ein Recht auf eine entsprechende Eintragung im Personenstandsregister (ZRP) und in Urkunden. Damit war ein jahrelanger Prozess beendet, den Alex Jürgen* ausfocht.
    Der Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention – die Achtung des Privat- und Familienlebens – gebiete auch, dass die menschliche Persönlichkeit in ihrer Identität, Individualität und Integrität zu schützen ist – und somit bestehe ein "Recht auf individuelle Geschlechts-identität", stellte der VfGH klar. Damit müssten Menschen aber nur jene Geschlechtszuschreibung durch staatliche Regelungen akzeptieren, die ihrer Identität entspricht. Art. 8 EMRK "schützt insbesondere Menschen mit alternativer Geschlechts-identität vor einer fremdbestimmten Geschlechtszuweisung", steht im Erkenntnis. Der Begriff des Geschlechts im Gesetz lasse sich "ohne Schwierigkeiten dahingehend verstehen, dass er auch alternative Geschlechtsidentitäten miteinschließt". Es blieb allerdings noch offen, wie die alternativen Geschlechtsformen in Urkunden zu bezeichnen sind. Das lasse sich den Gesetzen nicht entnehmen, konstatierten die Verfassungsrichter, wäre aber "unter Rückgriff auf den Sprachgebrauch möglich". Es gebe mehrere Begriffe wie "divers", "inter" oder "offen" – der Gesetzgeber könnte auch eine bestimmte vorgeben. In Deutschland hat man sich kürzlich für "divers" als dritte Möglichkeit entschieden. In folgenden Ländern – neben Österreich und Deutschland – wird ein unbestimmtes Geschlecht anerkannt: Argentinien, Australien, Bangladesch, Dänemark, Indien, Kanada, Kolumbien, Malta, Nepal, Neuseeland und Pakistan.
    Mit dem zusätzlichen Eintrag "divers" werde Menschen, die sich nicht einem Geschlecht zugehörig fühlen, ein Stück Würde und positive Identität gegeben, hieß es nach dem Entscheid in Deutschland. In einem nächsten Schritt gehe es jetzt darum, rasch weitere unzeitgemäße Regelungen für Transsexuelle zu beseitigen. Regelungen, sowohl für inter- als auch für transsexuelle Personen, sollen demnach in einem weiteren Gesetz unter Federführung des Justiz- und des Innenministeriums erarbeitet werden. Die deutsche Familienministerin Franziska Giffey betonte, das derzeit geltende Transsexuellengesetz müsse aufgehoben und durch ein modernes Gesetz zur Anerkennung und Stärkung von geschlechtlicher Vielfalt ersetzt werden. Damit sollten auch Zwangssachgutachten über die geschlechtliche Identität von Menschen künftig nicht mehr zulässig sein.

    Das Ende der Zwangsnormierung

    Eines von 2000 Kindern wird nicht als Bub oder Mädchen geboren, sondern kommt als Zwitter zur Welt. Je nach Untersuchung wird geschätzt, dass rund 0,1 bis 2 Prozent der Weltbevölkerung ohne eindeutige Geschlechtszuordnung geboren werden. Bisher haben die meisten Ärzte den Eltern zu einer raschen Operation geraten, damit ihr Kind nur eindeutige Geschlechtsmerkmale aufweist. Doch viele erwachsene Intersexuelle leiden an den Spätfolgen dieser massiven Eingriffe und fordern ein Ende der "Intersexuellen Genitalverstümmelung". Sie wollen als drittes Geschlecht anerkannt werden. Ein Betroffener war Alex Jürgen*. Die ersten zwei Lebensjahre wuchs er als Mädchen auf, dann drängten die Ärzte auf "korrigierende" Operationen. Obwohl er männliche Chromosomen aufweist, wurden ihm Penis und Hoden entfernt und weibliche Hormone verabreicht. Später entwickelte er sich dennoch mehr Richtung Mann, heute lebt er zwischen den Geschlechtern.
    Die Frage ist also nicht, ob es diese Problematik gibt, sondern vielmehr, warum man sich in einem entwickelten, aufgeklärten Europa so schwer tut, sich der Frage zu stellen, ob es nicht mehr gibt als "männlich" und "weiblich" und wie damit umgegangen wird. Traditionelle Annahmen zur Zweigeschlechtlichkeit gehen davon aus, dass es nur zwei Geschlechter gibt, das Geschlecht einer Person immer das gleiche bleibt, Genitalien das essentielle Zeichen des Geschlechts sind, man Ausnahmen zur Zweigeschlechtlichkeit nicht ernst nehmen kann und jedes Mitglied der Gesellschaft entweder der männlichen oder weiblichen Kategorie zugeordnet werden muss. Daraus leitet sich in diesem Weltbild ab, dass die weiblich/männliche Dichotomie die natürliche ist und Zweigeschlechtlichkeit auf normaler Sexualität basiert, also auf Heterosexualität.
    Wenn es um die Rolle von Mann und Frau, von "männlich" und "weiblich" geht, werden nicht nur tradierte Normen und erlernte Sozialisierung in den Ring geworfen, sondern auch die Medizin. Im Laufe der Zeit wandelten sich dabei die medizinischen Theoreme und die Indikatoren, die ausschlaggebend für die Geschlechtsausprägung angesehen wurden: Von den rein äußeren Geschlechtsmerkmalen ging es im 19. Jahrhundert um Keimdrüsen/Gonaden, danach um Hormone und dann um Gene und schlussendlich, zum aktuellen Status quo, geht es um Botenstoffe, die die Gene aktivieren.
    Doch nicht nur die Biologie wird in der Diskussion als Beleg eingebracht, auch das klassische Rollenbild der Geschlechter in einer kapitalistischen Welt wird nur allzu oft als Begründung für eine reine "Mann-Frau"-Welt herangezogen. Dies ist natürlich einfach nachzuvollziehen, würde doch die bloße Annahme eines weiteren Geschlechts sofort auch in eine Diskussion um klassische Rollenbilder und Aufgabenteilung münden. Immerhin ist ja derzeit ziemlich eindeutig, welches Geschlecht sich um die kostenlose Reproduktionsarbeit zu kümmern hat. Die Welt in Hellblau und Rosa würde ins Wanken geraten und müsste sich öffnen.
    Das dritte Geschlecht

    In verschiedenen zeitgenössischen Philosophieströmungen wird Geschlecht nicht als durch physiologische Bedingungen konstituierte, ontologische beziehungsweise "natürliche" Tatsache, sondern als soziokulturell geprägtes Konstrukt gesehen. Die Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir (1908–1986) sagte: "Man ist nicht als Frau geboren, man wird es", und bezeichnete Frauen nach der Menopause, in der sie die Empfängnisfähigkeit verlieren und die Sexualität dann zeugungslos wird, als ein drittes Geschlecht. Es ging dabei jedoch nicht um eine biologistische Sichtweise, sondern vielmehr um das "Unsichtbarwerden" der Frauen in diesem Lebensabschnitt. Auch werden der Geschlechterdualismus und die Heteronormativität immer häufiger kritisch betrachtet. In diesem Zusammenhang wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts der Begriff "drittes Geschlecht" durch Vertreter der Queer-Theorie und der Transgender-Bewegung wiederentdeckt. Die queere Identität wird heute analog zu einem dritten Geschlecht betrachtet – und nicht primär als transgender oder intersexuell. Die gegenseitige Abgrenzung, aber auch unterschiedliche Bedürfnisse und Lebenswelten werden häufig vermischt beziehungsweise zu wenig abgegrenzt. So wird in einigen Gesellschaften ein drittes soziales Geschlecht neben Mann und Frau als üblich angesehen. Hierzu zählen die Hijras in Indien, die Berdachen bei Indianerstämmen Amerikas, die Muxes und Marimachas in der mexikanischen Stadt Juchitán, die Eingeschworenen Jungfrauen Albaniens, die Fa’afafine auf der polynesischen Insel Samoa und (zum Teil) Kathoey in Thailand. Was allerdings in diesem Zusammenhang angemerkt werden sollte, ist die Tatsache, dass zum einen traditionelle Rollenbilder dennoch weitertradiert werden und zum anderen, dass Mitglieder dieser Gruppen massiven Anfeindungen oder auch sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Es zeigt aber auch, wie wichtig ein offener Umgang mit unterschiedlichen Lebensweisen und Lebensmodellen ist.
    Die Wissenschafterin Angelika von Wahl schreibt dazu: "Inter*Personen stehen dem Monismus von postnaturalistischen Argumenten im Konstruktivismus, der eine totale kulturelle Überformung des Körpers als Tatsache ansieht, kritisch gegenüber. Zu sehr haben sie erlebt, wie ihre eigenen Körper als interessante ‚Fallstudien‘ von verschiedener Seite konstruiert und objektiviert wurden. Gleichzeitig erscheint die Geschlechtervarianz vielen Feminist*innen, LGBTQ-Gruppen und inter*Personen als logischer und diskursiver Ausweg aus der geschlechtsspezifischen Zwangsjacke. Dieser Trend zur Varianz und sogar zu einer Individualisierung des Geschlechts könnte neue politische Identitäten und Subjekte ins Leben rufen und unsere sozialen Erwartungen nachhaltig ins Wanken bringen."
    Dieses Wanken wäre in einer pluralistischen Welt durchaus wünschenswert. Was mit dem Eintrag in Dokumenten beginnt, hat natürlich auch in einer Vielzahl anderer Lebensbereiche Auswirkungen. Es fängt bei der Kennzeichnung von Orten an, die bislang lediglich nach zwei Geschlechtern getrennt waren. Auch in sportlichen Wettkämpfen, die ohnehin immer wieder in einigen Bereichen für Diskussionen sorgen, muss man sich Gedanken über Rollenbilder und Zuordnungen machen.
    Ein bekanntes und diskutiertes Zitat zum Abschluss und zum Nachdenken: "Innerhalb der Geschlechter gibt es weit größere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern", sagte der Biopsychologe Markus Hausmann.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-10-25 15:09:03
    Letzte Änderung am 2018-10-25 15:13:12


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