• vom 08.02.2014, 15:37 Uhr

Vermessungen


Grete Wiesenthal

Die Kunst des Schwebens




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Von Martin G. Petrowsky

  • Grete Wiesenthal verkörperte in idealer Weise die Wienerische Spielart von Anmut, Eleganz und Schönheit - eine persönliche Erinnerung an die große Tänzerin.

"Was ist eigentlich Charme?" fragte Christiane, im damals sogenannten Backfischalter, ihre Mutter Erika Mitterer. Und diese antwortete, nach kurzem Nachdenken: "Du kennst doch die Grete Wiesenthal!"

Grete Wiesenthal, porträtiert von Erwin Lang. Abb.: Erich Reiß Verlag, 1910.

Grete Wiesenthal, porträtiert von Erwin Lang. Abb.: Erich Reiß Verlag, 1910. Grete Wiesenthal, porträtiert von Erwin Lang. Abb.: Erich Reiß Verlag, 1910.

Tatsächlich wird es kaum jemanden gegeben haben, der von der sprühenden Liebenswürdigkeit und der so ansteckenden Menschenfreundlichkeit der berühmten Tänzerin nicht bezirzt worden wäre. Zeugnisse der Bewunderung, Begeisterung, Verehrung und Liebe sowohl für das junge Mädchen am Beginn seiner Karriere, als auch für die ältere Dame, die einen der letzten großen Wiener Salons betrieb, gibt es aber unzählige - z. B. von Peter Altenberg, Josef Weinheber, Felix Braun und Alfred Polgar.


Grete Wiesenthal wurde am 9. 12. 1885 in Wien geboren, sie war schon mit sieben Elevin des k.k. Hofopernballetts, 1902 wurde sie Solotänzerin. 1907 war sie Ursache eines Skandals: Der damalige Operndirektor Gustav Mahler wählte sie unter Umgehung des Ballettmeisters Josef Hassreiter für die Rolle der Fenella in der Oper "Die Stumme von Portici" aus. Die darauf folgende Demission Hassreiters wurde vom Hof abgelehnt, dafür verließ Grete Wiesenthal die Staatsoper und feierte im Jänner 1908 mit ihren ebenfalls ausgebildeten Schwestern im Cabaret-Theater "Fledermaus" einen durchschlagenden Erfolg. "Außer Tänzen zu Musik von Chopin und Beethoven waren es die von Grete gestalteten Walzer, die sofort Begeisterung hervorriefen", erinnerte sich Gunhild Schüller anlässlich einer Neuinszenierung der "Wiesenthal-Tänze" 1984 in der Staatsoper.

Moderne Tanzkunst
In der Folge begeisterten Grete, Elsa und Berta Wiesenthal auf Tourneen durch ganz Europa mit ihrem neuen Tanzstil, der bahnbrechend für die moderne Tanzkunst werden sollte, das internationale Publikum.

Natürlich nutzten die Schwestern Wiesenthal einen Trend. Um 1900 hatte die Amerikanerin Isadora Duncan auf einer Europatournee das klassische Ballett als "tot" bezeichnet und den "freien Tanz" - frei von künstlerischen und moralischen Regeln - verkündet. Das war die Geburtsstunde des "Ausdruckstanzes" gewesen. Duncan tanzte barfuß, nur mit einer losen Tunica bekleidet, und sie wollte ein neues weibliches Freiheitsgefühl vermitteln.

Doch die Wiesenthal-Schwestern waren anders als die von Duncan beeinflussten jungen Ausdruckstänzerinnen. Sie hatten eine fundierte Ballettausbildung, waren aber von der klassischen, versteinerten Ballettchoreographie enttäuscht. So nutzten sie weiterhin ihre in der Ausbildung angeeignete perfekte Körperbeherrschung, ersetzten aber die statisch anmutenden Elemente des klassischen Balletts durch eine bis dahin unbekannte tänzerische Leichtigkeit.

Grete Wiesenthal betonte selbst: "[. . .] war es für die Duncan die Vorstellung der antiken Griechenwelt, die sie zum lebendigen Tanz wieder führte, so kam ich wohl vor allem durch die Musik auf das Wesen des Tanzes und die Art, in der ich es ausdrücken wollte. Ich lebte mit der Musik der großen Musikschöpfer, sie waren die Hohenpriester meiner Jugendtage".

In seiner Einführung zum Buch "Grete Wiesenthal - Holzschnitte von Erwin Lang", dem auch die Abbildung zu diesem Beitrag entnommen ist - schreibt Oscar Bie: "Die drei Schwestern Wiesenthal sind eine Naturnotwendigkeit geworden. [. . .] Grete ist die Charakteristische. Else die Charmante. Bertha die Blühende." Und weiter: "Grete ist die Künstlerin. [. . .] Sie gehört zum Schönsten, was ich gesehen habe. [. . .] Sie ist so unstofflich und so bescheiden, fast ganz tanzende, schwebende Kunst und doch wieder so sehr Mensch in der Güte ihrer intelligenten Empfindung."

Nach ihren ersten Erfolgen in Wien arbeitete Grete Wiesenthal mit Max Reinhardt in Berlin; Hofmannsthal und Mell schrieben Pantomimen für sie. 1910 heirate sie den bildenden Künstler Erwin Lang, die Ehe sollte allerdings nur einige Jahre halten.

1913 wurde der Film "Das fremde Mädchen" nach einer Pantomime von Hofmannsthal gedreht. 1919 gründete Wiesenthal mit ihrem Tanzpartner Toni Birkmeyer ihre erste Schule in Wien. Sie gastierte bei den Salzburger Festspielen, und ihre Balletteinlage für die "Fledermaus"-Inszenierung von Max Reinhardt in Berlin setzte neue Maßstäbe. 1933 bezauberte sie das amerikanische Publikum bei einem Gastspiel gemeinsam mit Willy Fränzl.

1934 vertraute man ihr eine Meisterklasse an der Akademie für Musik und darstellende Kunst an, von 1938 bis 1951 leitete sie dort die Abteilung "Tanz". 1945 gründete sie die "Tanzgruppe Grete Wiesenthal", die bis 1956 Gastspiele in Europa, Nord- u. Südamerika absolvierte.

1985 wurde ihre Tanztechnik wieder in den Lehrplan der Ballettschule der Österreichischen Bundestheater aufgenommen; in einer großen Ausstellung in der Hermesvilla wurde ihres 100. Geburtstags gedacht.

Salon im Modenapark
Seit Anfang der Dreißigerjahre hatte Grete Wiesenthal eine komfortable Wohnung am Modenapark im dritten Bezirk in Wien; eingerichtet vom Architekten Otto Niedermoser, befand sich in der Wohnung ein riesiger Salon, der bald zu einem geistigen und gesellschaftlichen Zentrum Wiens wurde. Grete Wiesenthal pflegte auf ihrem Hausherrinnen-Lehnstuhl zu sitzen, die Gesprächsrunde um sich zu kontrollieren und alle Gäste zur Teilnahme am Gespräch zu ermutigen. Sie war befreundet mit Hofmannsthal, Franz Theodor Csokor, Max Mell, Carl Zuckmayer, Friedrich Heer, Stefan Zweig und vielen anderen bedeutenden Persönlichkeiten.

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Dokument erstellt am 2014-02-06 15:47:05
Letzte Änderung am 2014-02-07 13:14:19



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