• vom 14.08.2014, 14:37 Uhr

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Update: 14.08.2014, 16:00 Uhr

Ägypten

Riskantes Pyramidenspiel




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Von Liza Ulitzka

  • Weil zwei deutsche Privatforscher Proben in der Cheops- Pyramide entnommen haben, werden sie nun in Ägypten angeklagt. - Hintergründe zu einem alten Streit zwischen Fach- und Grenzwissenschaftern.

Zwischen Ägyptologen und Esoterikern tobt seit langem ein Kampf rund um die Fragen, wann, von wem und zu welchem Zweck die Cheops-Pyramide (l.) erbaut wurde. - © Foto: Liza Ulitzka

Zwischen Ägyptologen und Esoterikern tobt seit langem ein Kampf rund um die Fragen, wann, von wem und zu welchem Zweck die Cheops-Pyramide (l.) erbaut wurde. © Foto: Liza Ulitzka

"Können Sie Proben von der Büste der Nofretete im Berliner Museum entnehmen? Können Sie das tun, ohne vom Fleck weg verhaftet zu werden? Dass Sie nur wenig entnommen haben, ist einfach eine dumme Entschuldigung!" Monica Hanna ist wütend. Die ägyptische Archäologin kann die, wie sie sagt, "Indiana-Jones-Mentalität" der Ausländer, die nach Ägypten kommen, nicht ausstehen.

Die 31-Jährige spricht vom Fall der beiden Privatforscher Dominique Görlitz und Stefan Erdmann, den sie in Deutschland zur Anzeige gebracht hat. Görlitz und Erdmann sind im April 2013 mit einer Privatgenehmigung in die Cheops-Pyramide gegangen und haben Proben von den schwarzen Verfärbungen an der Decke der Königskammer und von roten antiken Graffitis in der fünften Entlastungskammer genommen.


Schüler von Heyerdahl
Die Entlastungskammern sind fünf niedrige Räume über der Königskammer, die laut Ägyptologen zur Entlastung der gesamten Konstruktion gebaut wurden. "Wir sind niemals mit der Absicht dahin, irgendwas kaputt zu machen oder zu schänden, sondern es ging rein um seriöse, ideologiefreie Forschung, Punkt!", sagt Dominique Görlitz. Der Naturwissenschafter arbeitet derzeit an Schilfboot-Projekten, mit denen er den Atlantik überqueren will. Damit möchte der 48-Jährige beweisen, dass schon in prähistorischer Zeit Menschen mit einfachsten Mitteln über den Atlantik gesegelt sind. Der Schüler Thor Heyerdahls ist aber kurzfristig vom Kurs abgekommen. Wegen der Probenentnahme stehen er und der Leiter und Ideengeber der Cheops-Expedition, Stefan Erdmann, seit einem halben Jahr international in heftiger Kritik.

"Man kann nicht Amateuren, wie diesen zwei Männern, die die Pyramide beprobt haben, erlauben zu kommen und Experimente zu machen! Sie arbeiten nicht einmal für eine richtige Universität, die eine Ägyptologie-Abteilung hat. Man kann nicht jeden, der eine verrückte Idee hat, machen lassen, was er will. Das ist Wissenschaft und kein Abenteuerroman!", empört sich Monica Hanna. Nur hat die ägyptische Antikenverwaltung genau das in den letzten Jahrzehnten möglich gemacht.

Dominique Görlitz und Stefan Erdmann haben lediglich die Umstände genutzt. Mit einer Privatgenehmigung, wie sie die beiden Forscher hatten, darf man die Cheops-Pyramide zwei Stunden lang außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten besuchen, überwacht von Polizei, Inspektoren der ägyptischen Antikenverwaltung und Wachpersonal. Solch eine Genehmigung bekommt man für ein paar hundert Euro bei einem Reiseveranstalter vor Ort, der sie bei der Antikenverwaltung beantragt; wenn man will, gegen einen Aufpreis auch mit der Erlaubnis zu filmen, wie das bei Görlitz und Erdmann der Fall war. Die beiden Privatforscher haben alles filmisch begleiten lassen, weil sie eine TV-Dokumentation zu den Ergebnissen erstellen wollen.

Eine Drehgenehmigung müsste eigentlich über das staatliche Pressezentrum beantragt werden, aber dort wurde in der Vergangenheit immer ein Auge zugedrückt. Und zwar vom ehemaligen Antikenminister Zahi Hawass. Der Ägyptologe Hawass trägt meistens einen braunen Hut und wird ironischerweise gern als "Indiana Jones von Ägypten" bezeichnet. Er ist der medienwirksame Poltergeist der Ägyptologie.

Bekannt für seine plötzlichen Wutausbrüche und ausgestattet mit einem Ego, das jeden Pharao vor Neid erblassen lassen würde, war er von 1974 bis 2011 in verschiedenen Funktionen uneingeschränkter Herrscher über Ägyptens Kunstschätze und das Giza-Plateau, wo die Pyramiden und die Sphinx stehen. Die Ägypter nannten das Plateau deswegen auch gerne "Zahi-Land". In einem Interview mit dem "Independent" sagte Hawass 1997: "Wenn du ein Amateur bist, kannst du nicht bei den Pyramiden arbeiten. Laut unserem Gesetz sollten nur Wissenschafter bei der Sphinx und den Pyramiden arbeiten." Mit Zugangsbeschränkungen oder kon-trollierter Forschung hat es der Pyramidenherrscher in der Realität aber nie so streng genommen.

Pyramide zu vermieten
Hawass erlaubte in den 90er Jahren in seiner Funktion als Generaldirektor der Pyramiden von Giza gegen eine Gebühr Privatbesuche in den Pyramiden außerhalb der Öffnungszeiten. Seitdem pilgerten täglich esoterische Pyramiden-Anbeter, die in der Königskammer meditieren und Duftkerzen anzünden, Fernsehteams aus aller Welt und vom Staat unautorisierte Forscher aus allen Disziplinen zu dem antiken Weltwunder. Unter Hawass’ Ägide sind Forscher und Touristen regelmäßig bei den Entlastungskammern ein und aus gegangen und haben alle möglichen Untersuchungen in und um die Pyramiden durchgeführt.

Dazu gehört auch der gelernte Heilerzieher Stefan Erdmann, der Leiter der Expedition mit Dominique Görlitz im April 2013. Erdmann hat die letzten 20 Jahre mit der Erforschung der Pyramiden zugebracht und insbesondere von 2005 bis 2007 zahllose Gesteinsproben in und um der Cheops-Pyramide und auch an anderen antiken Stätten in Ägypten genommen. Immer im vollsten Wissen von Zahi Hawass, den Stefan Erdmann persönlich getroffen und mit ihm über seine Analysen gesprochen hat. Auf Erdmanns Website gibt es sogar ein Foto, auf dem ein Polizist ihm dabei hilft, die Proben einzupacken. Das ist in etwa so, als würde ein Museumswärter im Louvre einem Kunstbegeisterten dabei helfen, Farbproben von der Mona Lisa abzukratzen.

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Dokument erstellt am 2014-08-14 14:44:10
Letzte Änderung am 2014-08-14 16:00:33


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