• vom 17.11.2018, 17:00 Uhr

Zeitgenossen


Porträt

"Ich bin doch nur ein Depp"




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Von Uwe Schütte

  • Herbert Achternbusch sorgte mit seinem singulären, anarchischen Gesamtkunstwerk stets für Aufregung. Am 23. November begeht er seinen 80. Geburtstag.



Impulsiver Phantast: Herbert Achternbusch.

Impulsiver Phantast: Herbert Achternbusch.© Ullsteinbild/Sven Simon Impulsiver Phantast: Herbert Achternbusch.© Ullsteinbild/Sven Simon

Ruhig ist es um Herbert Achternbusch in den vergangenen Jahren geworden. Das hatte mit gesundheitlichen Problemen zu tun, aber auch mit dem Alter: Ganze 80 Jahre wird der bayerische Anarcho-Gesamtkünstler am 23. November. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er mittlerweile vornehmlich durch die Malerei. Und nachdem er lange Zeit in seinem Bauernhaus im Waldviertel lebte, verbringt er seine Zeit nun wieder vorwiegend in der Geburtsstadt München.

In Österreich fand er auch einen neuen Verleger: Richard Pils von der Edition Bibliothek der Provinz, in der Herbert Achternbuschs Bücher seit 1998 in wunderschön gestalteten Hardcoverausgaben mit farbigen Illustrationen des Autors erscheinen.

Gleichsam als Gabe zum Geburtstag ist dort nun die von Manfred Loimeier herausgegebene Sammlung "Sommernachtsträume" mit sorgfältig ausgewählten Essays zu Büchern, Filmen und Theaterstücken von Achternbusch erschienen. Sie weisen einen informativen Weg in das singuläre Gesamtkunstwerk und regen an, sich auch die neueren Erzählwerke vorzunehmen, die kaum weniger faszinierend sind als die Texte, die einstmals bei Suhrkamp erschienenen sind.

Vorwurf der Blasphemie

Information

Manfred Loimeier (Hrsg.):
Sommernachtsträume.
Essays zu Büchern, Filmen und Theaterstücken von Herbert Achternbusch. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2018, 390 Seiten, 30,- Euro.

Uwe Schütte ist Dozent für Deutsche Literatur an der Aston University, Birmingham.
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Im Rückblick ragt unverändert der Skandalfilm "Das Gespenst" (1983) aus dem Werk heraus, der seit 2010 wieder auf DVD (nun mit Altersfreigabe 12) erhältlich ist: Achternbusch spielt darin die Hauptrolle als eigenwilliger Jesus, der in einem Kloster vom Kreuz absteigt und mit der Schwester Oberin durch die Münchner Fußgängerzone und den Viktualienmarkt wandelt. Unverstanden und angefeindet, von der Polizei als gefährlicher Verrückter betrachtet, wird er von der Gesellschaft verfolgt - so wie einst der historische Jesus. Die katholische Kirche protestierte prompt, der damalige Innenminister Zimmermann ortete Blasphemie und versagte versprochene Förderungsmittel. (In Österreich bleibt der Film übrigens bis heute verboten.)

Eine Postkarte, die den Gekreuzigten mit einem Dildo im Mund zeigte, ergänzt durch die Worte "Dieses Kreuz ist keine Sicherheit. Dieses Kreuz ist eine Frage", gehörte in den Haushalt jedes Achternbusch-Anhängers. Den einen galt Achternbusch als Nestbeschmutzer und den anderen als einzig wahrer Vertreter der anarchischen bajuwarischen Tradition, vom Komiker Karl Valentin bis zum Sozialisten Kurt Eisner, der in der Novemberevolution 1918 die Monarchie abschaffte, um den Freistaat Bayern zu errichten.

Heute ist Achternbusch aus dem Blickfeld der breiten Öffentlichkeit verschwunden. Sein die Genres und Medien transzendierendes Werk aber gerät wieder verstärkt in den Fokus der Germanistik und Filmwissenschaften, die ihn Anfang November mit einer dreitägigen Konferenz im Filmmuseum Potsdam ehrten. Im Leipziger Luru-Kino findet eine komplette Achternbusch-Werkretrospektive statt, die von November 2018 bis Mai 2019 läuft. Vielleicht können solche Veranstaltungen dazu beitragen, Achternbusch wieder mehr ins Bewusstsein zu heben. Zu wünschen wäre es jedenfalls.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-15 13:58:19
Letzte Änderung am 2018-11-15 14:16:44


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