• vom 24.04.2009, 14:16 Uhr

Zeitgenossen

Update: 30.04.2009, 15:12 Uhr

"Ich war und bin ein schlechter Kommunist"

Bogdan Bogdanovic




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Seiß

  • Der Architekt, Literat, frühere Belgrader Bürgermeister und serbische Dissident Bogdan Bogdanovic berichtet über sein Leben und seine Arbeit.

Bogdan Bogdanovic Foto: Seiß

Bogdan Bogdanovic Foto: Seiß

Wiener Zeitung: Herr Bogdanovic, war Ihre frühe Hinwendung zum Bau von Denkmälern gegen Krieg und Vernichtung eine Art Flucht vor den Dogmen der sozialistischen Moderne, vor den Zwängen des jugoslawischen Architektur- und Bauwesens?

Bogdan Bogdanovic: Dogmen bestanden ja auch in der jugoslawischen Kunstwelt. Bis weit in die 60er Jahre herrschte in unserem Land noch immer der sozialrealistische Kanon vor, demzufolge die heimischen Künstler figurale Monumente zu schaffen hatten, später auch abstrakte Denkmäler - aber stets mit einer belehrenden Tendenz. Ihre Werke sollten immer etwas sehr Bedeutsames vermitteln. Dagegen hatte ich ganz einfach begonnen, mich mit Formen zu spielen. Ich hatte den Wunsch, meine Monumente so zu bauen, dass sie nicht als Monumente erscheinen. Ich wusste, ich fühlte, dass unser Volk müde war von Kriegserinnerungen, von den Bildern des Schreckens. So waren meine lyrischen oder sogar ein bisschen humorvollen Denkmäler etwas vollkommen Neues, das auch von der westlichen Presse sehr positiv aufgenommen wurde. Für viele Kollegen waren meine archetypischen, anthropologischen Memorialbauten mit ihrer ungewöhnlichen Symbolik allerdings gänzlich unverständlich, ja inakzeptabel. Doch für Tito und für die jugoslawischen Spitzenkommunisten waren sie ein willkommener Nachweis der künstlerischen Eigenständigkeit des Landes gegenüber der sowjetischen Kulturhegemonie. Wenn ich mich recht erinnere, war es eine italienische Zeitung, die damals über meine Gedenkstätte im mazedonischen Prilep schrieb: "Titos Lektion für Chruschtschow". Das war sicher ein Mitgrund dafür, dass ich mir damals vieles erlauben konnte.

Bogdanovics Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Vukovar wurde im Bürgkrieg beschädigt und noch nicht wieder saniert. Foto: Seiß

Bogdanovics Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Vukovar wurde im Bürgkrieg beschädigt und noch nicht wieder saniert. Foto: Seiß Bogdanovics Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus in Vukovar wurde im Bürgkrieg beschädigt und noch nicht wieder saniert. Foto: Seiß

Trotzdem waren Sie weit davon entfernt, die sehr zweifelhafte Position eines "Staatskünstler" einzunehmen.


Ich war seit meiner Zeit bei den Partisanen Mitglied der Kommunistischen Partei, galt aber immer als Verdächtiger: "Was macht er da, was will er bloß, was denkt er nur?" Und ich war ja tatsächlich ein schlechter Kommunist. All jene, die mich damals verdächtigten, sind heute übrigens keine Kommunisten mehr. Viele von ihnen haben heute lange Bärte und sind Tschetniks, Nationalisten geworden. Ich aber bin geblieben, was ich war: ein schlechter Kommunist, aber mit Überzeugung - ein überzeugter Linker. Unter Tito war die KP in zwei Lager, ja in zwei Welten geteilt: in eine proeuropäische Gruppe, eine klare Minderheit, zu der sich auch die Surrealisten zählten, und in eine prosowjetische Mehrheit. Eigentlich waren das ja die Russophilen, die halt auch Kommunisten geworden sind - sehr, sehr altmodische Russophile. Sie standen für eine kommunistische Orthodoxie, die der kirchlichen Orthodoxie recht ähnlich war.

Tito hat die beiden Lager immer wieder gegeneinander ausgespielt. Wenn die Russophilen zu stark oder zu aggressiv wurden, erlaubte er uns Eurolinken etwas mehr Kritik - aber genauso auch umgekehrt. Der politische Spielraum war dabei aber der einer Kabarettbühne, denn die Grenzen dieser Spielsituation zu überschreiten und wirklich etwas verändern zu wollen, etwa zu versuchen, das System zu demokratisieren, provozierte ziemlich grobe Gegenschläge Titos gegen die sogenannten Liberalen. "Liberal" war unter den konservativen Kommunisten das Schimpfwort für die Proeuropäer, für die schlechten Kommunisten.

Wie kam es dann aber, dass Sie 1982 für vier Jahre zum Bürgermeister von Belgrad gewählt wurden?

Das war reiner Zufall. Die Idee, mich in dieses Amt zu hieven, hatte Ivan Stamboliæ, ein Pro-Europäer, der damals Vorsitzender der serbischen KP war. Die alte Parteigarde war darüber allerdings von Anfang an nicht besonders begeistert. Ich war ein Artist, ein Bohèmien, aber kein seriöser Typ, der in dieses patriarchale System gepasst hätte. Ich konnte als Surrealist natürlich nichts anderes als ein surrealistischer Bürgermeister sein. Anfangs wurden meine Späße von den gewöhnlichen Leuten auch ganz gut aufgenommen. Aber bald setzte eine schreckliche Propaganda aus der Partei gegen mich und vor allem gegen Stamboliæ ein. Dahinter standen nicht zuletzt geheimnisvolle Business-Ideen. Das Wort Business gab es damals zwar noch nicht, aber die Business-Leute waren schon im Sozialismus halbe Verbrecher. Stamboliæ hatte wohl gehofft, mit der Wahl meiner Person etwas gegen die zunehmende Korrumpierung des Systems tun zu können. Und ich hatte ursprünglich gedacht, ich könnte als Bürgermeister zur Sicherung meiner alten Dorfschule in Mali Popoviæ beitragen, in der ich für meine Studenten von der Belgrader Universität halb legal, halb illegal einen privaten Unterricht für die Philosophie der Architektur organisiert hatte - was den ständigen Anfeindungen der Nomenklatura ausgesetzt war. Nur wenige Jahre später hat man uns aus der Dorfschule vertrieben - und Stamboliæ wurde 2000 von Miloeviæs Schergen entführt und ermordet.

Lassen Sie uns zu Ihren Denkmälern zurückkehren. Wie kommt es, dass ein Kommunist und Atheist wie - zumindest der junge - Bogdan Bogdanovic einen so metaphysischen, ja geradezu spirituellen Zugang zur Baukunst gefunden hat?

"Es muss ein Denkmal für das Leben sein..." - die Betonblume von Jasenovac. Foto: Seiß

"Es muss ein Denkmal für das Leben sein..." - die Betonblume von Jasenovac. Foto: Seiß "Es muss ein Denkmal für das Leben sein..." - die Betonblume von Jasenovac. Foto: Seiß

weiterlesen auf Seite 2 von 3



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-04-24 14:16:00
Letzte Änderung am 2009-04-30 15:12:00


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos
  2. Jack the Ripper, Projektionsfläche der Angst
  3. Vom Outlaw zum Mörder
  4. Echt täuschend - täuschend echt
  5. Abseits der Konventionen
Meistkommentiert
  1. "Mit Helden tun wir uns schwer"
  2. Mythos vom goldenen Zeitalter


Werbung