• vom 30.06.2011, 20:29 Uhr

Zeitgenossen

Update: 01.07.2011, 13:28 Uhr

Österreich

Weltbürgerin in Altaussee




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Maria Gornikiewicz

  • Die Schriftstellerin Barbara Frischmuth wird am 5. Juli 70 Jahre alt. In ihrem Leben und Werk hat sie sich mit der weiten Welt ebenso beschäftigt wie mit ihrer heimatlichen Umgebung.

Die Liebe zur Literatur und die Neigung zur Gartenkunst gehen bei Barbara Frischmuth Hand in Hand. - © Foto: Gornikiewicz

Die Liebe zur Literatur und die Neigung zur Gartenkunst gehen bei Barbara Frischmuth Hand in Hand. © Foto: Gornikiewicz

Die Obfrau des Literaturmuseums Altaussee.

Die Obfrau des Literaturmuseums Altaussee.© Foto: Gornikiewicz Die Obfrau des Literaturmuseums Altaussee.© Foto: Gornikiewicz

Barbara Frischmuth legt in ihrer Prosa Wert auf gut gewählte erste Sätze. Wagemutig beginnt sie ihre absurden Tiergeschichten "Die Kuh, der Bock, seine Geiß und ihr Liebhaber" mit den Worten: ",Was soll’s’, sagte die Kuh, die am Herd stand, ,von einem Ochsen kann man nicht mehr erwarten, als ein gutes Stück Rindfleisch’". Nonsens und schwarzer Humor folgen diesen Sätzen.

Barbara Frischmuth ist eine disziplinierte Vielschreiberin. Neben Romanen und Erzählungen schrieb sie Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher und übersetzte aus dem Ungarischen. Natürlich auch Kinder- und Jugendbücher. Die "geborene, aber nicht radikale Feministin ohne ideologisches Backing" (so ihre Eigendefinition) hat spätestens 1999 Weltberühmtheit erlangt, als sie mit ihrer Rede die Salzburger Festspiele eröffnete. Als die algerische Schriftstellerin Assia Djebar eine Jahr später in der Frankfurter Paulskirche den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" erhielt, war Frischmuth die Laudatorin.


Barbara Frischmuth sagte einmal: "In meinen Adern fließen an die fünfhundert Jahre Wirtshaus". Ihr Vater, ein Hotelier, fiel 1943, zwei Jahre nach ihrer Geburt, im Krieg, und die Mutter musste das Parkhotel in Altaussee alleine weiterführen. Nach der Volksschule musste Barbara zu den Kreuzschwestern nach Gmunden. 1966/67 schrieb sie über diese Zeit ihren ersten Roman, der in mehrere Sprachen übersetzt worden ist: "Die Klosterschule".

Die fünfte und sechste Klasse absolvierte sie in Bad Aussee. Ab der siebenten lebte sie mit ihrer Mutter in Graz und maturierte am Pestalozzi-Gymnasium. Das Hotel war nicht mehr zu halten gewesen. Heute klafft nach dem Abriss eine riesige Lücke mit Mauerresten nahe dem See - und wie die Berichterstatterin vermutet, eine große Wehmut im Herzen der Barbara Frischmuth. Ihre Tierliebe, Naturnähe und die Gartenfreuden sind ganz gewiss auf ihre Kindheit zurückzuführen.

In fremden Sprachen
Die Studienzeit von Barbara Frischmuth begann am Dolmetsch-Institut Graz. Es folgte die Atatürk-Universität in Erzurum, wo sie das Dolmetsch-Diplom in Türkisch erwarb. Dann ging sie nach Debrecen und schloss ihr Studium als akademisch geprüfte Übersetzerin in Ungarisch ab. Danach studierte sie Orientalistik in Wien, allerdings ohne Abschluss.

Ihr Studienabbruch kam der österreichischen Literatur zugute, die sie seit Mitte der 60er Jahre maßgeblich mitgetragen und geprägt hat. Das Forum Stadtpark hatte sie zum Gründungsmitglied ernannt. Dort hat sie auch erstmals aus eigenen Werken gelesen. Bis heute ist sie die personifizierte Toleranz zwischen Kulturen, Religionen und Sprachen.

Das Werk der Frischmuth ist vielfältig, abwechslungsreich und oftmals preisgekrönt. Einmal nannte man sie eine "notorische Erzählerin mit 1001 Formen". Ihr größtes Leseerlebnis als Kind ist "Tausendundeine Nacht" gewesen. Um die Autorin rankt sich Märchenhaftes, Mythos und Konkretes zu gleichen Teilen.

Schriftstellerin werden wollte die Frischmuth von Kind an. "Schließlich hatte ich eine schreibende Tante", sagt sie. Es handelt sich um Felicitas Frischmuth-Riedl, deren Buch "Das Wirtshaus am See" ein Stück Altausseer Zeitgeschichte ist.

Barbara Frischmuths Leben hat eine Parallele zur Geister- und Feenwelt der Amaryllis Sternwieser, der Figur aus ihrer frühen Romantrilogie ("Die Mystifikation der Sophie Silber"; "Amy oder die Metamorphose"; "Kai und die Liebe zu den Modellen"). Die Fee Amaryllis wird eine menschliche Studentin, die sich letztendlich zur Schriftstellerei entschließt.

Die Metamorphose der Frischmuth entwickelte sich über Sprachen und Übersetzungen bis hin zur Erfolgsautorin der nachfolgenden Demeter-Trilogie ("Herrin der Tiere", "Über die Verhältnisse" und "Einander Kind"). Frischmuth wählte diesen Weg als Fundament, denn Sprachen lernen und übersetzen ist ganz nahe an der Literatur.

Mit ihren drei Gartenbüchern hat sich Barbara Frischmuth eine neue Leserschicht erobert. Allerdings gab es auch negative Reaktionen, weil man ihr den Ausflug ins Gärtnerische literarisch nicht ganz verziehen hat. Aber warum sollen Poesie und ein "grüner Daumen" nicht zusammengehen?

Regionales Engagement
Hoch bewertet wird Frischmuths Amt als kulturpolitische Obfrau des Literaturmuseums Altaussee und ihre Bemühungen um das "Salinenstipendium". Stipendiaten können junge Autoren/Studenten werden, die hier lebten oder wohnten und eine Beziehung zu Altaussee haben, die sich auch in ihrem Werk niedergeschlagen hat. Das Stipendium ist gut dotiert, mit einem kostenlosen Aufenthalt und einer Drucklegung verbunden. Es werden dabei zeitgeschichtliche Themen des Ausseerlandes behandelt.

Außerdem ist dieses Haus mit Bücherei, Flohmarkt, Leseraum, Buchhandlung und interessanten Schauräumen ein lebendiger Treffpunkt für Literaturinteressierte. Die Chefin kann bei ihrem Projekt auf 25 ehrenamtliche Mitstreiterinnen zählen. Frischmuth gestaltet und moderiert auch Lesungen namhafter Autoren mit musikalischer Umrahmung und Büchertisch. Das Publikum ist immer hoch zufrieden. Heuer im Frühsommer konnte man etwa Dietmar Grieser lauschen. Frischmuth kümmert sich ebenso um Sponsoren und Kontakte zu den österreichischen Unis. Und zwar so sorgfältig, wie sie ihren wunderschönen Garten gestaltet und betreut.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Österreich, Literatur, Extra

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2011-06-30 20:40:55
Letzte Änderung am 2011-07-01 13:28:12



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Hüter einer objektiven Wahrheit
  2. Bulgarien droht der Pflegenotstand
  3. "Doping ist keine Eigenheit des Sports"
  4. Wenn Kinder lügen
  5. Ab ins Bett, ab in die Kapsel
Meistkommentiert
  1. Die Hüter einer objektiven Wahrheit
  2. "Frauen trauen ihrer Wahrnehmung zu wenig"
  3. "Doping ist keine Eigenheit des Sports"
  4. Bulgarien droht der Pflegenotstand
  5. Adelheid Popp: Ihr Weg zur Abgeordneten


Werbung