• vom 01.04.2011, 15:04 Uhr

Zeitgenossen

Update: 01.04.2011, 15:29 Uhr

"Das Paradies liegt nicht auf der Straße"

Joana Adesuwa Reiterer




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Von Heike Hausensteiner

  • Die Menschenrechtsaktivistin Joana Adesuwa Reiterer über die Situation von Zwangsprostituierten, die aus Nigeria nach Europa kommen, das Geschäft der Schlepper - und über die Asylproblematik an sich.

"Wiener Zeitung": Frau Reiterer, Sie haben für Ihr Engagement gegen den Menschenhandel bereits einige Preise erhalten. Was treibt Sie bei Ihrer Arbeit an?


Joana Adesuwa Reiterer: Zu Beginn war es die Motivation, über den Menschenhandel in Österreich und in Nigeria aufzuklären. Denn die Leute in Nigeria haben keine Vorstellung davon, wie das Leben im Westen wirklich ist. Die Hollywood-Filme zum Beispiel transportieren ein falsches Bild. Viele Menschen in Nigeria glauben, in Europa sei das Paradies auf Erden. Das stimmt in gewisser Weise ja auch, aber das Paradies liegt nicht auf der Straße. Ich erkläre ihnen immer wieder, dass man auch viel dafür tun muss, und dass ich selbst viel arbeite, manchmal bis zwei Uhr in der Nacht, und um sechs Uhr früh stehe ich schon wieder auf.

Wie kann man Nigeria direkt helfen? Das Land ist offenbar hochgradig korrupt und liegt trotz Ölreichtum wirtschaftlich am Boden.

Joana Adesuwa Reiterer im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Heike Hausensteiner. Foto: Andreas Pessenlehner

Joana Adesuwa Reiterer im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Heike Hausensteiner. Foto: Andreas Pessenlehner Joana Adesuwa Reiterer im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Heike Hausensteiner. Foto: Andreas Pessenlehner

Es gibt natürlich enorme "Human Ressources", aber die Armut, die Korruption, die Diskriminierung der Frauen und Kinder sind enorm - das ist sehr deprimierend! Und das Geld, das der Westen dem Land zur Hilfe schickt, kommt leider nicht den Armen zugute. Denn die Spender achten nicht darauf, wohin das Geld geht. Dem Land fehlen Infrastruktur und Nachhaltigkeit: Die westlichen Firmen, die sich dort ansiedeln, bringen ihre eigenen Leute mit, und die Nigerianer wandern aus.

Sie selbst sind auf eher abenteuerliche Weise ausgewandert und 2003 nach Österreich gekommen, und zwar durch einen getarnten Menschenhändler, der Ihr damaliger Ehemann war. Sie haben das in Ihrer Autobiographie "Die Wassergöttin" ausführlich beschrieben. Und in dem Buch "Die Ware Frau", an dem Sie mitgearbeitet haben, erfährt man viel über Menschenhandel und Zwangsprostitution. Möchten Sie mit Ihrem Engagement und dem Verein EXIT, den Sie gegründet haben, Frauen vor einem Schicksal wie dem Ihren bewahren?

Ja, das ist jetzt der Fall. Aber am Anfang war es vielmehr die Wut, das zu thematisieren. Denn es schmerzt mich, dass sich Frauen nicht weiterentwickeln. Man schätzt, dass es in Europa 500.000 Zwangsprostituierte gibt, davon stammen 100.000 aus Nigeria. Allein in Italien leben rund 40.000 Frauen aus Nigeria. Ich werde zu vielen Veranstaltungen eingeladen. Menschenhandel in Nigeria ist zu einem gesellschaftlichen Thema geworden, doch leider noch nicht in der Politik. Niemand würde sein Leben lang Zwangsprostitution machen; die Schlepper holen regelmäßig Frauen aus ihren eigenen Herkunftsländern. Dabei greifen sie auf Familienkontakte zurück, ja sie holen sogar Frauen aus ihrer Verwandtschaft.

Joana A. Reiterer: "Rassismus muss ein Straftatbestand werden!" Foto: Andreas Pessenlehner

Joana A. Reiterer: "Rassismus muss ein Straftatbestand werden!" Foto: Andreas Pessenlehner Joana A. Reiterer: "Rassismus muss ein Straftatbestand werden!" Foto: Andreas Pessenlehner

EXIT möchte jenen Frauen helfen, die Opfer von Menschenhändlern und von Zwangsprostitution geworden sind. Hat Ihr Verein Erfolg damit?

Was wir unter Erfolg verstehen, ist oft etwas anderes, als das, was die Frauen selbst darunter verstehen, nämlich totale Unabhängigkeit. Es gab Erfolge, aber leider viel mehr Niederlagen, auch aufgrund der Gesetzeslage. Viele Frauen kooperieren aus Angst nicht mit den Behörden. Es gibt übrigens auch viele Freier, die den Frauen helfen wollen und sich bei uns melden.

Die Freier rufen bei EXIT an?

Ja, oder sie läuten an der Tür. Deshalb ist unser Büro umgezogen. Wir können jedenfalls nur etwas tun, wenn die Frauen die Wahrheit sagen. Das erste Gespräch mit einer betroffenen Frau führe ich immer selbst, und nach 20 bis 30 Minuten weiß ich meistens, dass sie mit einem Menschenhändler nach Österreich gekommen ist. Oft geben das die Frauen nicht zu, doch je mehr sie lügen, umso unglaubwürdiger werden sie vor den Behörden. Erst kürzlich ging wieder ein Charterflug voll mit Abgeschobenen von Wien nach Nigeria. Darunter war auch eine Frau, die wir betreut haben.

Wenn Opfer von Menschenhandel in ihr Heimatland abgeschoben werden, beginnt dann nicht der Weg wieder von vorne?

Für viele beginnt dann das sogenannte "Retrafficking" - das heißt, sie begeben sich wieder in die Hand von Schleppern, weil die Frauen oft noch Schulden haben. Bisher sind uns elf Frauen bekannt, die nach Nigeria zurückgeschickt wurden, aber von nur zweien wissen wir, dass sie noch dort sind. Das Problem ist: Sie haben in Nigeria ja nichts. Und in Österreich dürfen Asylwerber während des Asylverfahrens ja nicht arbeiten. Leute, die nichts tun, kommen oft auf komische Ideen. Deshalb haben wir ein Weiterbildungsprojekt gestartet: So absolviert etwa eine ausgebildete Krankenschwester aus Nigeria in Wien ein Volontariat in einer Zahnarztordination. Viele wissen ja nicht, ob sie nach fünf Jahren Asyl bekommen oder ob sie abgeschoben werden. Und wenn sie bis dahin nichts getan haben, dann sind die Jahre in Europa für sie eine verlorene Zeit.

Haben Sie es je bereut, in Österreich gelandet zu sein - oder wäre die Situation für Sie in einem anderen Land besser gewesen?

Das glaube ich nicht. Durch unsere Kooperationen kenne ich auch die Lage in Deutschland und in der Schweiz. Manchmal frage ich mich allerdings schon, warum ich mir das alles antue. Vor allem wegen der Sprache. Mit Englisch ( offizielle Sprache in Nigeria, Anm. ) wäre es für mich in einem englischsprachigen Land um vieles einfacher. Anstrengend ist auch der Rassismus, der hier herrscht.

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Dokument erstellt am 2011-04-01 15:04:17
Letzte Änderung am 2011-04-01 15:29:00


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