• vom 11.03.2011, 15:43 Uhr

Zeitgenossen

Update: 11.03.2011, 15:50 Uhr

"Ich habe einfach getan, was ich tun musste"

Friedrich Cerha




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Von Christine Dobretsberger

  • Der Komponist Friedrich Cerha spricht über das im Laufe seines 85-jährigen Lebens gewachsene Publikumsinteresse an Neuer Musik, das Rätselhafte am Schaffensprozess - und über seine Rolle als Lehrer und Vater.

Friedrich Cerha. Foto: Robert Wimmer

Friedrich Cerha. Foto: Robert Wimmer

"Wiener Zeitung": Herr Cerha, am Sonntag wird Ihnen in Salzburg der mit 60.000 Euro dotierte Salzburger Musikpreis verliehen. Darüber hinaus gibt es im Jahr 2011 aber noch eine Vielzahl anderer künstlerischer Höhepunkte. So widmet Ihnen etwa das Musikfestival Wien Modern heuer im Herbst einen Schwerpunkt. Als Eröffnungskonzert steht Ihr Opus magnum, das Orchesterwerk "Spiegel I-VII", auf dem Programm. Wie wichtig ist Ihnen dieses Werk? In den 60er Jahren, als Sie es komponierten, waren Sie gar nicht sicher, ob es jemals zur Gänze aufgeführt wird.


Friedrich Cerha: Den Werk-Zyklus "Spiegel I-VII" habe ich ganz unabhängig von praktischen Erwägungen komponiert. Wie im Grunde alle Werke zu dieser Zeit, also ohne Auftrag und für die Schublade. Mir war es einfach ein Bedürfnis, eine innere Notwendigkeit, diese Werke zu schreiben.

Erstmals aufgeführt wurde "Spiegel I-VII" dann im Rahmen des steirischen herbsts 1972.

Und in der Folge bei der Biennale in Venedig und bei den Salzburger Festspielen, da habe ich auch selbst dirigiert. Dann noch bei den Bregenzer Festspielen, und insgesamt zweimal in Wien. Einzelne Teile des Werkes wurden in Warschau, Stockholm, Hamburg und Köln uraufgeführt. Heute stört es mich ein wenig, dass meine Arbeit oft auf die "Spiegel" reduziert wird. Natürlich ist das ein wichtiges Werk in meiner Entwicklung. Aber andere Werke waren mindestens ebenso wichtig. Ich denke da beispielsweise an mein Orchesterwerk "Fasce" oder die "Mouvements I, II, III". Auch die Musik des "Baal" wäre nicht denkbar gewesen ohne die zuvor gesammelte Erfahrung der "Spiegel". Die Rezeption dieser Werke hat sich im Laufe der Zeit übrigens ziemlich gewandelt.

Inwiefern?

"Ich bin ein neugieriger Mensch und gehe relativ häufig in Konzerte. Friedrich Cerha im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. Foto: Robert Wimmer

"Ich bin ein neugieriger Mensch und gehe relativ häufig in Konzerte. Friedrich Cerha im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. Foto: Robert Wimmer "Ich bin ein neugieriger Mensch und gehe relativ häufig in Konzerte. Friedrich Cerha im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. Foto: Robert Wimmer

Bei der Uraufführung der einzelnen Teile der "Spiegel" war immer wieder von intellektueller Experimentierfreude die Rede. Was es für mich überhaupt nicht war. Das Werk ist aus einem ganz elementaren Ausdrucksbedürfnis heraus entstanden. Heute weiß ich, dass auch die schrecklichen Erlebnisse des Krieges für die Ausdrucksskala dieses Werkes mit verantwortlich waren. Diese emotionale Seite wird in der heutigen Rezeption durchaus verstanden.

Wenn Sie an die musikalische Landschaft in Wien Anfang der 1960er Jahre zurückdenken: Wie schwierig war es damals für einen zeitgenössischen Komponisten, dass seine Werke aufgeführt werden?

Nun, in den 60er und 70er Jahren war die musikalische Szene in Wien schon recht lebendig. Wirklich trostlos und verknöchert waren die 50er Jahre. Da gab es fast überhaupt keine Aufführungen von Neuer Musik. Heute gibt es ein relativ großes und interessiertes Publikum, das allerdings gänzlich unkritisch reagiert. Das stört mich ein wenig. Alles wird beklatscht - und man kann nicht genau einschätzen, wie der Hintergrund der Rezeption eigentlich aussieht.

Friedrich Cerha. Foto: Robert Wimmer

Friedrich Cerha. Foto: Robert Wimmer Friedrich Cerha. Foto: Robert Wimmer

Mit anderen Worten: Sie würden sich seitens des Publikums mehr Emotionen wünschen?

Ja, wobei - und das gilt jetzt nicht nur für Wien - es nicht das Publikum als solches gibt. Das Publikum ist ja sehr gespalten. Das philharmonische Abonnement-Publikum geht in keine Konzerte Neuer Musik, und das Publikum der Klangforum-Konzerte besucht wiederum keine traditionellen Symphoniekonzerte. Jede Sparte hat ihr eigenes Publikum. Mit dieser Gespaltenheit muss man leben.

Welche Konzerte besuchen Sie persönlich?

Ich bin ein neugieriger Mensch. Ich gehe relativ häufig in Konzerte. Natürlich interessiert mich vorrangig Neue Musik, aber ich habe mich auch stets mit der Tradition verbunden gefühlt. Im Grunde verstehe ich nicht, warum viele meiner jungen Komponistenkollegen selbst in Konzerten Neuer Musik so selten anzutreffen sind.

Mitunter hörte ich schon das Argument, dass fremde Werke den eigenen Schaffensprozess stören können.

Bei der kompositorischen Arbeit ist man ja mit sich selbst alleine. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Hörerlebnis eines Konzertes als Störung oder Ablenkung empfunden werden kann. Viel eher kann ich mir vorstellen, dass Gedanken anderer Komponisten anregend wirken. Aber vielleicht liegt der wahre Grund ganz woanders. In den 50er Jahren bzw. generell in der Zeit nach dem Krieg waren für Neue Musik die öffentlichen Podien versperrt. Es bildete sich eine Untergrund-szene. Junge Künstler aller Sparten hatten engen Kontakt zueinander, es gab einen regen Austausch. Viele dieser Freundschaften dauern, soweit die Beteiligten noch am Leben sind, bis zum heutigen Tag an.

Welche Freunde und Weggefährte sprechen Sie hier an?

Mit den Malern Karl Prantl und Max Weiler war ich befreundet, früher auch mit Thomas Bernhard, und bis heute bin ich es weiterhin mit Gerhard Rühm und Friedrich Achleitner. Diesen Sparten übergreifenden Austausch gibt es heute bei den jungen Künstlern nicht mehr, zumindest nicht in dieser Ausprägung. Ich beobachte immer wieder, dass mit den gesteigerten Kommunikationsmöglichkeiten eine gewisse Isolierung des Einzelnen einhergeht. Man kommuniziert über alltägliche Dinge, aber es kommt zu wenigen Gesprächen, die aktuelle Grundfragen berühren.

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Dokument erstellt am 2011-03-11 15:43:32
Letzte Änderung am 2011-03-11 15:50:00


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