• vom 01.06.2007, 11:58 Uhr

Zeitgenossen

Update: 07.10.2009, 14:46 Uhr

"Philosophie bringt keinen Trost"

Rudolf Burger




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Von Ruth Pauli und Andreas Unterberger

"Die Retheologisierung hat niemand vorausgesehen": Rudolf Burger im Gespräch mit Ruth Pauli und Andreas Unterberger. Fotos: Robert Strasser

"Die Retheologisierung hat niemand vorausgesehen": Rudolf Burger im Gespräch mit Ruth Pauli und Andreas Unterberger. Fotos: Robert Strasser

Herr Professor Burger, wozu braucht eine Gesellschaft die Philosophie?



Das philosophische Denken ist nicht etwas, was eine Gesellschaft braucht, wie sie technische oder künstlerische Fertigkeiten braucht. Das ist etwas, was sich aus der menschlichen Existenz spontan ergibt.


Also nicht Voraussetzung der menschlichen Existenz, sondern Konsequenz?

Philosophie gehört konstitutiv zur menschlichen Existenz. Philosophie - das ist eine bestimmte Intensität des Denkens, nicht ein Themenbereich. Natürlich haben sich in der Geschichte der Philosophie seit den Griechen bestimmte Themenbereiche, Problemkomplexe herausgebildet, die heute kanonisch zum philosophischen Denken gehören. In diesem Sinn ist Philosophie heute - wie einer der von mir sehr geschätzten Autoren, nämlich Panayotis Kondylis gesagt hat - aber eigentlich tot und begraben.



Also tot im Sinne einer Funktionalität?

Ja. Denn viele Themenbereiche, die traditionellerweise Aufgabenbereiche der Philosophie als akademischer Disziplin waren, haben sich selbständig als Disziplinen etabliert. Dazu gehört der große Bereich der Naturphilosophie, der Physik, der Chemie, Biologie, Anthropologie. Auch die Ästhetik, die doch mit einem Fuß in der Philosophie wurzelt. Da hat sich sehr viel verselbständigt. Was einmal Philosophie war, ist heute aufgefächert. Auch die politische Philosophie, die noch existiert, aber doch große Bereiche ihrer Kompetenz verloren hat - an politologisches, historisches, auch ökonomisches Denken.



Es wird so viel über Philosophie gesprochen, dass man nicht das Gefühl hat, sie wäre tot.

Wenn man in Alltagsgesprächen Philosophie sagt, meint das meist eine Form der Sinnvermittlung, der Trostvermittlung, der Lebenshilfe, also mehr oder minder pädagogische Veranstaltungen zur Herstellung von Lebenszufriedenheit. Das war Philosophie jedoch nie. Große Philosophie war vor allem ein Enttäuschungsunternehmen. Sie ist kein Trostbringer.

Also ist der Philosophen-Hype nur ein Dürsten nach Lebenserklärung?

Ja das schon. Aber den Befund möchte ich differenzieren. Wir hatten in den 90er Jahren eine Hausse an Interesse für philosophische Texte. Das kam insbesondere über die Postmoderne aus Frankreich - Derrida, Lyotard u.a. Das war eine sehr fragwürdige Bewegung. Denn was dieses Denken vor allem gefördert hat, war weniger das Begreifen als die Ergriffenheit. Sich begeistern an schönen Gedanken, Widerstand ohne Risiko, Nonkonformitätskonformismus, Erbaulichkeit. Hegel sagt einmal: Philosophie muss sich hüten, erbaulich zu sein. Das war aber oft Erbauung, vage Assoziationen. Eher Gefühlslyrik als die Schärfe des Begriffs.

Aber man erwartet doch von den Philosophen besondere Urteilskraft.

Natürlich. Philosophen als intelligente, gebildete Individuen, die spielen in der breiten, feuilletonistischen Öffentlichkeit wahrscheinlich eine größere Rolle als in früheren Zeiten. Aber die große politische Leitfunktion, die die Philosophie seit der Aufklärung bis zur Spätzeit des Kalten Kriegs gehabt hat, ist weg. Für die geschichtliche und politische Entwicklung spielten die Philosophen die Rolle der großen Wortführer, auf der linken wie der rechten Seite. Das gilt insbesondere für die gesamte nachhegelsche Philosophie. Das gilt für den Marxismus, für die Existenzphilosophie, sowohl in ihrer rechten wie in ihrer linken Variante, also bei Heidegger und bei Sartre, das gilt für die Philosophie des Absurden eines Camus. Das alles waren wirklich kultur- und denkprägende Unternehmungen. Das waren die Mandarine von Paris. Diese Rolle ist weg.

Wir reden also von der Bedeutungslosigkeit der Philosophie.

Von einem rapiden Bedeutungsverfall.

Macht Sie das traurig?

Nein. Ich bin ja selber kein Philosoph. Ich sehe mich eher als Antiphilosoph in der klassischen Tradition der Sophistik.

Ein liberal-radikaler Denker?

Im Grunde bin ich ein Mensch, der versucht, sich in der Welt zu orientieren. Von der Ausbildung her bin ich Naturwissenschafter, Physiker, weil ich einen sehr guten Physiklehrer in der Schule gehabt habe, der ein naturphilosophischer Leibnizianer war, ein naturphilosophischer Rationalist.

Wo würden Sie sich aber als Philosoph einordnen lassen?

Von der erkenntnistheoretischen Dimension würde ich mich als einen materialistischen Skeptiker bezeichnen. Von der moralphilosophischen Seite her als agnostischen Marxisten. Von der politischen Seite her hat das in meinem Denken verschiedenste Perioden durchgemacht als Reaktion auf realgeschichtliche Aspekte. Und ich war fasziniert von der kritischen Theorie Adornos, nicht wirklich überzeugt, weil sie mir immer zu gnostisch erschien.

Woher kommt die marxistische Seite des Rudolf Burger?

Ich komme aus einem kommunistischen Elternhaus. Meine ersten philosophischen Debatten waren Streitgespräche mit meinem Vater, der in der Nazizeit Kommunist war. Mein Studium von Marx, Sartre oder auch Max Stirner, den ich gelesen habe, als ich 15 war, das waren meine Orientierungsversuche in einer komplizierten Welt.

Und wie sieht das nach dem Zusammenbruch des Kommunismus aus?

weiterlesen auf Seite 2 von 3



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Dokument erstellt am 2007-06-01 11:58:56
Letzte Änderung am 2009-10-07 14:46:00


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