• vom 21.10.2006, 16:13 Uhr

Zeitgenossen

Update: 07.10.2009, 16:17 Uhr

Ungarn

Paul Lendvai




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Von Michael Schmölzer

  • 1956 gab es nicht nur Helden oder Verräter
  • Der Journalist und Osteuropa-Experte Paul Lendvai erinnert sich an die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes 1956 und erzählt von den Verwundungen, die das Ereignis bis heute hinterlassen hat.

Paul Lendvai

Paul Lendvai© Robert Newald Paul Lendvai© Robert Newald

Wiener Zeitung:Sie schreiben in Ihrem Buch "Der Ungarn-Aufstand 1956" sehr offen, dass Sie den Beginn des Volksaufstandes am 23. Oktober eigentlich verschlafen haben. Das Erwachen, spätestens am 4. November, war dann aber ein sehr blutiges. Sie waren damals in Budapest: Wie haben Sie persönlich jenen Tag erlebt, als die russischen Panzer die Revolution der Ungarn niederwalzten?

Paul Lendvai: Wir wohnten neben der Kiliankaserne, der früheren Maria-Theresienkaserne, in der Nähe der Einfahrtstraße, wo die sowjetischen Panzer entlang kamen. Ich war also mitten im Geschehen. Am 3. November sah alles ruhig und normal aus, wir dachten, die Sowjets akzeptieren die Dinge. In der Nacht auf den 4. November, so um halb vier Uhr morgens, griffen die Russen an. Wir mussten in den Keller, es war alles viel schlimmer als in den ersten Tagen, denn jetzt sind sie nicht mit 6000, sondern mit 60.000 Mann gekommen. Panzer, Minenwerfer, alles was Sie sich vorstellen können. Unser Haus erhielt einen Volltreffer, wir sind auf allen Vieren durch das Kellersystem in ein anderes Haus gekrochen, dort waren wir während der ganz schlimmen Zeit. Dann sind wir zurückgekehrt, langsam versuchte ich hinaufzukommen, zu unserer Wohnung - und da sah ich, dass die Wohnung völlig zerstört war. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld im Zweiten Weltkrieg. Während die Russen in der ersten Phase des Aufstandes noch ein bisschen aufgepasst haben, haben sie in der zweiten sofort, wenn irgendwo ein Schuss gefallen ist, das ganze Haus zerstört. Meine Eltern zogen zur Schwester meines Vaters, und ich wohnte bei einem Freund, einem Schauspieler. Wir hatten de facto alles verloren.


Damals ging es darum, Ungarn aus der Sowjet-Umklammerung herauszulösen. Die Jugoslawen unter Tito hatten das zuvor ganz gut bewältigt, eine eigenständigen Weg zum Sozialismus gefunden. Kam die Revolution in Ungarn Ihrer Ansicht nach zu spät? Hätte eine beherztere ungarische Führung das tragische Schicksal abwenden können? Hätte es eine Chance auf Erfolg gegeben?

Was Ungarn betrifft, gab es diese Chance nicht. Die Jugoslawen hatten andere Voraussetzungen: Erstens haben sie sich 1945 selber befreit, zweitens waren dort keine sowjetischen Truppen stationiert, und drittens hatten sie mit Tito eine überragende, im Osten wie im Westen anerkannte Führerfigur. Ungarn war ein besetztes Land, Ungarn war der letzte Verbündete Nazi-Deutschlands, Ungarn hatte eine pro-sowjetische Führung unter Mátyás Rákosi, dem Musterschüler Stalins. Für Ungarn gab es weder vorher noch im Oktober und November 1956 eine Chance zum erfolgreichen Widerstand.

In Ungarn findet man heute eine Reihe von Gruppen, die das Ereignis "1956" für sich beanspruchen. Da gibt es den Ungarischen Verband der Aufständischen, den Weltverband der Ungarischen Freiheitskämpfer, den Weltverband der authentischen Ungarischen Freiheitskämpfer, die Partei der Sechsundfünfziger etc. Weshalb befehdet man sich eigentlich?

Das ist ein bisschen so wie mit den Partisanen in Jugoslawien. Da gab es Mitte der 60er Jahre mehr Partisanen als am Höhepunkt des Krieges. Das heißt, es gibt viele, die sich selbst zu Freiheitskämpfern ernennen. Außerdem gibt es wie in allen Organisationen Gruppen- und Grabenkämpfe. Darunter sind rechts Gerichtete, sehr rechts Gerichtete und Verbitterte.

Vergleichen wir es mit dem Jahr 1934 in Österreich. Die beiden großen politischen Lager haben bis heute verschiedene Auffassungen von der Bewertung des Bürgerkrieges und der handelnden Personen. In welchen Punkten differiert die Sichtweise auf das Jahr 1956 in Ungarn?

Da gibt es natürlich eine gewisse Polarisierung in der Gesellschaft. Es gibt eine Gruppe, die in den Jahren nach 1956 alle Konzessionen an das Regime verwarfen. Durch die lange Phase der Kooptation gab es andererseits in allen Lagern Leute, die mitgemacht haben, also Mitläufer.

Kooptation, damit meinen Sie die Phase des Kadar-Regimes zwischen 1956 und 1989, die Zeit des Gulaschkommunismus?

Ja, genau. Es gab nicht nur Helden oder Verräter. Die größte Gruppe bestand - wie immer bei großen Zeitenwenden - aus Mitläufern. Aus denen, die zwar schon gerne Freiheit gehabt hätten, aber doch auch irgendwie leben mussten. Da kam es zu tiefen Verwundungen, zu Brüchen. Ein Teil der Gesellschaft hat nach 1956 seinen Frieden mit dem System gemacht.

Man konnte sich ja arrangieren, wenn man drei Grundregeln beachtet hat: 1956 war keine Revolution sondern eine Konterrevolution, von außen gesteuert; das Machtmonopol der Partei und die Vorherrschaft der Russen sind tabu. Wenn man bereit war, das zu akzeptieren, dann konnte man im Rahmen dessen, was möglich war, besser leben als in den anderen kommunistischen Ländern.

Ich habe den Eindruck, dass die Aufarbeitung der damaligen Ereignisse in Ungarn heute nicht stattfindet. Etwa an den Schulen: Es gibt Untersuchungen, wonach die meisten ungarischen Jugendlichen mit dem Jahr 1956 nichts anzufangen wissen!

Das liegt einerseits an den 33 Jahren unter Kadar, einem gesamtnationalen Verdrängungsprozess, wie ein Psychiater geschrieben hat. Dann kamen die 16 Jahre seit der Wende 1989. Es war ein bisschen wie in Österreich nach 1945: Die Lehrer sind diesen Fragen zum Teil ausgewichen, haben es vermieden, sie zu behandeln. Zum Teil waren sie selber Mitläufer, es gab nicht genug Bücher, und vor allem fehlte die Ausgewogenheit. Die fehlt bis heute. Die einen sagen: Dann kamen die Kommunisten und es gab 33 Jahre Diktatur. Andere Leute behaupten, dass diese Jahre gar nicht so schlecht waren. Laut Umfragen gilt Kadar merkwürdiger Weise als eine der größten ungarischen Persönlichkeiten.

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Dokument erstellt am 2006-10-21 16:13:21
Letzte Änderung am 2009-10-07 16:17:00


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