• vom 21.10.2006, 16:13 Uhr

Zeitgenossen

Update: 07.10.2009, 16:17 Uhr

Ungarn

Paul Lendvai




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Paul Lendvai

Paul Lendvai© Robert Newald Paul Lendvai© Robert Newald

Das linke und das rechte politische Lager trennt in Ungarn offenbar ein ganz tiefer Graben. Woher kommt dieser Hass?

Das geht zurück bis ins Jahr 1920, und der Graben liegt zwischen den national Gesinnten und den demokratisch und human Gesinnten. Man hat mich einmal in Ungarn gebeten, ich solle eine Diskussion zwischen Gyurcsány und Orbán moderieren, aber die beiden waren nicht einmal bereit, miteinander zu reden. In Österreich sitzt sogar der Strache mit dem Gusenbauer an einem Tisch. In Ungarn sieht man einander als Feinde - und nicht als Gegner.

Ist vielleicht das magyarische Temperament Schuld an dieser Misere?

Nein, es ist die nicht aufgearbeitete Vergangenheit. Ungarn war der große Verlierer des Ersten Weltkrieges, hat zwei Drittel des Landes und viele Bewohner an umliegende Staaten verloren. Das erschwert die Demokratie. Jeder Gaukler oder jede Partei, die sagten, wir holen eure Brüder zurück, konnte gewinnen. Deshalb kam es auch zu dem Bündnis mit Nazi-Deutschland. Ungarn hatte nach dem Wiener Schiedsspruch 1942 fünf Millionen Menschen mehr. Das hat tiefe Spuren hinterlassen.

Ist die nationalen Frage tatsächlich so maßgeblich für die innenpolitische Spaltung?

Ja, und zwar in dem Sinn, dass für die einen Demokratie, Reformen, EU, Wirtschaftsreform und Marktwirtschaft im Vordergrund stehen, während die anderen versuchen, politische Unterstützung mit Hilfe der im Ausland lebenden Ungarn zu erhalten. Das trifft zwar nicht auf alle Konservative zu, aber auf Orbán und Fidesz.

Kommen wir zu den anderen ex-kommunistischen Staaten in Mittel-Osteuropa. In der Slowakei haben wir mit Premier Fico jemanden, der sich Sozialdemokrat nennt, aber nach westeuropäischen Maßstäben keiner ist, da er mit der extremen Rechten koaliert. Tschechien ist durch ein Patt im Parlament gelähmt, und in Polen sitzt mit Andrzej Lepper eine dubiose Figur in der Regierung: Man hat also das Gefühl, dass in es in diesen Ländern mit dem demokratischen Anstand nicht weit her ist.

Das hat mit dem Fehlen einer politischen Kultur zu tun. In Ungarn etwa haben viele Politiker die Einstellung, die eigentlich eine kommunistische ist: Es gibt nur eine, nämlich meine Wahrheit. Und der ungarische Staatspräsident hat de facto gefordert, dass der Premier zurücktreten solle. Ein Präsident aber muss vermitteln, wie es etwa in Österreich üblich ist. Heinz Fischer spielt ja auch eine ausgleichende Rolle.

Die Demokratien in Mittel- und Osteuropa sind - ohne damit westlich-überheblich wirken zu wollen - offenbar doch noch relativ unreif?

Diese Länder haben ja - bis auf Böhmen - in der Zwischenkriegszeit keine demokratischen Traditionen gehabt. Das heißt, es gibt zum Beispiel in Ungarn keine konservative Partei westlichen Zuschnitts, also keine CDU oder ÖVP. Die Konservativen setzen auf die nationale Karte, und auf die katholische Kirche: All das, was in Österreich vor 60 Jahren üblich war, kommt jetzt in diesen Ländern, vor allem in Ungarn, an die Oberfläche. Auch der Versuch, die Kirche zu politisieren.

Zur Person:

Paul Lendvai wurde am 24. August 1929 in Budapest geboren. Er ist ungarisch-österreichischer Fernsehjournalist und Moderator und gilt als einer der profundesten Kenner Ost- und Südosteuropas.

Als Sohn jüdischer Eltern wurde er 1944 gemeinsam mit seinem Vater Andor verschleppt. Während der berüchtigten Todesmärsche wurden die beiden voneinander getrennt und von einem Ort zum anderen gehetzt. Vater und Sohn hatten unglaubliches Glück, beiden gelang die Flucht. Andor Lendvai konnte einen Schweizer Schutzpass organisieren, wodurch das Überleben der Familie gesichert war.

Nach Kriegsende kehrte Paul Lendvai nach Budapest zurück, wo er Rechtswissenschaften studierte und für sozialdemokratische Zeitungen schrieb. Als Mitglied der Sozialdemokratie kam Lendvai auf die Liste der "politisch Unzuverlässigen". 1953 wurde er verhaftet und für acht Monate interniert, danach hatte er drei Jahre lang Berufsverbot. Im Zuge des Ungarn-Aufstandes, den er in Budapest miterlebte, floh er 1957 nach Wien.

1959 erhielt Lendvai die österreichische Staatsbürgerschaft, von 1960 bis 1987 war er als Korrespondent für die Londoner "Financial Times" tätig. Er gründete die Zeitschrift "Europäische Rundschau" und wurde 1982 Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF, später Intendant von Radio Österreich International.

Als überzeugter Mitteleuropäer versuchte er sowohl anlässlich der Waldheim-Affäre als auch der EU-Sanktionen durch Vorträge und Artikel seine neue Heimat Österreich ins richtige Licht zu rücken und gegen Pauschalurteile anzukämpfen.

Für seine publizistischen Leistungen, darunter elf Sachbücher, die zum Teil auch auf Englisch, Französisch und Ungarisch erschienen sind, wurden Paul Lendvai zahlreiche Preise verliehen. Zuletzt veröffentlichte er "Der Ungarn-Aufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen", erschienen bei C. Bertelsmann.

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Dokument erstellt am 2006-10-21 16:13:21
Letzte Änderung am 2009-10-07 16:17:00



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