• vom 11.02.2011, 14:37 Uhr

Zeitgenossen

Update: 11.02.2011, 14:38 Uhr

"Wunder gibt es immer wieder"

Herbert Watzke




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief





Wir kennen aus der Literatur die mittlere Lebenserwartung für gewisse Krankheiten. Diese Information drängen wir dem Patienten zwar nicht auf, aber wir teilen sie ihm mit, wenn er danach fragt. Dabei gehen wir vorsichtig vor. Zunächst sagen wir: Es sind keine Jahre mehr. Möchte der Patient es genauer wissen, so sagen wir ihm, wie viele Monate oder Wochen es wahrscheinlich noch sein werden. Man könnte denken, dass der Patient danach völlig fertig ist. Aber das Gegenteil ist der Fall: Er ist danach oft viel entspannter. Endlich weiß er Bescheid. Endlich hat er die Frage gestellt, die er sich die längste Zeit nicht zu stellen getraut hat. Die Unsicherheit ist weg.

Schenken Sie auch den Angehörigen reinen Wein ein?

Uns ist es angenehm, wenn bei den Aufklärungsgesprächen der Patienten ein Angehöriger dabei ist. Wir wollen keine Situation schaffen, wo Angehörige mehr wissen als der Patient. Wir sind dem Patienten verpflichtet, und nur er hat das Recht, Informationen zu erhalten. Er kann sie dann weitergeben, wem er will. Oft hören wir von Angehörigen: "Das dürfen Sie meiner Mutter aber nicht sagen. Sie ist doch schon so schwach und das wird sie nicht überleben." Unserer Erfahrung nach wollen die Patienten nicht belogen werden.

Gibt es Zeiten, in denen sich die Todesfälle häufen?

Generell ist es so, dass in unseren Breiten in der Winterjahreshälfte die Todesfälle gering überwiegen. Individuell ist es so, dass man den Eindruck hat, dass viele sehr schwer kranke Menschen erst sterben können, wenn sie loslassen, weil ein letztes Problem gelöst ist oder ein wichtiges letztes Ziel, etwa die Geburt eines Enkels noch zu erleben, erreicht ist. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu gibt es aber nicht.

Haben Sie schon Spontanheilungen erlebt, also dass sich ein Patient wider Erwarten erholt hat?

Nein, persönlich noch nicht. Aber Spontanheilungen gibt es, das ist unbestritten. Was ich jedoch bereits erlebt habe, sind ungewöhnliche Krankheitsverläufe. So lebt etwa ein Patient nun schon das Vierfache jener Zeit, die ich ihm prognostiziert hatte. Wunder gibt es immer wieder. Wir sind auch sehr dafür, dass Patienten auf Wunder hoffen. Meiner Ansicht nach muss ein Raum bleiben für Hoffnungen und Wünsche, auch wenn sie irrational sind.

Wie merken Sie, wann der Sterbeprozess einsetzt?

Es gibt verschiedene Definitionen, wann der Sterbeprozess einsetzt, viele knüpfen ihn an den Bewusstseinsverlust. Oft erleben wir es, dass Patienten über Tage schwach und müde sind, wir aber mit ihnen noch reden können - und plötzlich sind sie tot. Wir fragen uns dann: Warum ist die Person gerade heute gestorben? Vor kurzem hatten wir eine Patientin, die in völligem Frieden im wahrsten Sinne des Wortes von Tag zu Tag weniger wurde - sie ist geradewegs wie eine Blume verwelkt. Das Berührendste war eine junge Frau, die zu ihrer an ihrem Bett sitzenden Großmutter sagte: "Diese Nacht werde ich meine Larve verlassen und wie ein Schmetterling nach oben fliegen". In jener Nacht ist sie tatsächlich gestorben. Was sie sicherlich nicht wusste: Auch Kinder in den KZs haben an die Wände Schmetterlinge gemalt.

Wie verarbeiten Sie das Leid, mit dem sie jeden Tag konfrontiert sind?

Freud hat einmal gesagt: Man überlebt in dieser Situation, wenn man nicht gefühlsangesteckt wird. Im Fall einer Gefühlsansteckung kann man nicht mehr helfen, da geht man mit dem Patienten in seinem Leid unter. Nahe Angehörige von mir könnte ich auf dieser Station sicherlich nicht behandeln. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass das Schicksal eines Patienten einem von unserem Team besonders nahe geht. In dem Fall versuchen wir mit Supervision zu helfen.

Die kurative Medizin hat in den letzten Jahren Fortschritte im Kampf gegen den Tod gemacht. Gleichzeitig kam es zu einer Aufwertung des Selbstbestimmungsrechts des Patienten. Er kann heute etwa mittels Patientenverfügung bestimmen, wie er sterben möchte und auch bestimmte Behandlungen ablehnen.

Patientenverfügungen finde ich gut und richtig. Wir Ärzte wollen wissen, was der Patient wünscht. Andererseits ist zu bedenken: Am Lebensende wird die Autonomie ein überaus fragiles Pflänzchen. Der schwer Kranke sucht Hilfe und Unterstützung. Die einen sagen ihm: Dein Leben ist nichts mehr wert, ich fahre mit dir in die Schweiz, dort erhältst du Sterbehilfe. Die anderen sagen: Wir sind immer bei dir und betreuen dich. Der Patient schwankt hin und her, neigt einmal mehr der einen, dann wieder der anderen Seite zu. Wir haben einmal eine Umfrage über Patientenverfügungen unter Krebspatienten gemacht, wohlgemerkt nicht Sterbenden, mit dem Ergebnis: 90 Prozent haben gesagt, sie wollen keine Patientenverfügung machen. Nach ihrem Grund gefragt, sagten sie: "Ich weiß das auch nicht, aber ich will nicht. Ich bin eh zufrieden, was der Arzt macht."

Zur Person

Herbert Watzke, geboren 1954 in Gmunden, ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Hämatologie und Onkologie und leitet die von ihm initiierte Palliativstation am AKH Wien. Seit 2005 ist er Professor für Palliativmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Und er ist Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft.

Alexander Ginzel hat Architektur und Philosophie studiert und arbeitet als freier Kulturwissenschafter in Wien.

Wenzel Müller arbeitet als Journalist und Sachbuchautor in Wien.

zurück zu Seite 1



1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-02-11 14:37:12
Letzte Änderung am 2011-02-11 14:38:00


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Echt täuschend - täuschend echt
  2. Jack the Ripper, Projektionsfläche der Angst
  3. Vom Outlaw zum Mörder
  4. Abseits der Konventionen
  5. Mörder oder Störenfried?
Meistkommentiert
  1. "Mit Helden tun wir uns schwer"
  2. Mythos vom goldenen Zeitalter
  3. Wo der Doppeladler heute nistet


Werbung