• vom 20.08.2010, 17:06 Uhr

Zeitgenossen

Update: 20.08.2010, 17:55 Uhr

"Es geht mir um eine In-Frage-Stellung"

Daniel Spoerri




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Daniel Spoerri und seine Mitarbeiterin Barbara Räderscheidt sprechen über das vielgestaltige Lebenswerk des Künstlers, der seit 2007 in Wien und in Hadersdorf am Kamp lebt und arbeitet.

"Wiener Zeitung": Herr Spoerri, Ihr Ausstellungshaus und Esslokal "Eat Art & Ab Art" hat mit dem veralteten Typus des monografischen Museums nichts zu tun. Im Gegensatz zum Nitsch- oder Rainermuseum handelt es sich hier also um eine Stätte, wo Sie Ihre Kunst mit den Arbeiten anderer Künstler zusammenbringen. Derzeit sind Werke Ihrer Weggefährtin Eva Aeppli zu sehen. Was passiert also in Hadersdorf?


Daniel Spoerri: Es soll in der Tat kein Haus sein, das exklusiv einem Künstler gewidmet ist. Denn da hat ja dann - wie bei Nitsch etwa - tatsächlich nichts mehr daneben Platz. Aber bei mir passiert etwas im Umkreis einer Welt, in der ich gelebt habe.

Barbara Räderscheidt: Ich befasse mich schon lange mit Spoerris Werk, deshalb ist die Arbeit hier fast eine logische Folge für mich. Ich betreue von hier aus die weltweite Ausstellungsorganisation und das Werkverzeichnis. Dass in Hadersdorf Eva Aeppli den Anfang bei den Freundesausstellungen macht, ist eine besondere Freude - ihr Werk hat mich früh noch mehr beeindruckt als das von Daniel Spoerri. Auch bei unseren Besuchern ist großer Respekt zu spüren. Das Haus wird gut angenommen, sogar von Kindern, alle gehen dankbar weg.

"Für mich ist nicht Bekanntheit das Kriterium" (Spoerri).Foto: Ivo Saglietti

"Für mich ist nicht Bekanntheit das Kriterium" (Spoerri).Foto: Ivo Saglietti "Für mich ist nicht Bekanntheit das Kriterium" (Spoerri).Foto: Ivo Saglietti

Eine Puppeninstallation von Eva Aeppli im Ausstellungshaus Spoerri.
Foto: Borchhardt-Birbaumer

Eine Puppeninstallation von Eva Aeppli im Ausstellungshaus Spoerri.

Foto: Borchhardt-Birbaumer
Eine Puppeninstallation von Eva Aeppli im Ausstellungshaus Spoerri.

Foto: Borchhardt-Birbaumer

Wie ist das mit Ihrer Stiftung von Werken an das Land Niederösterreich ?

D.S.: Diese Schenkung ist ganz aktuell, sie wurde am 30.7. unterschrieben - es sind achtzig Werke. Eine Nummer umfasst 40 kleinere Arbeiten, Collagen, die anderen 40 sind wichtige, meist großformatige Exponate aus den letzten 30 Jahren, die ich gerne in einer Hand sehen wollte.

Das Land ist Förderer der Ausstellungsprojekte?

D.S.: Teilweise. Es wird zumindest gesichert sein, dass auch nach mir das Ausstellungshaus mit einer Wechselausstellung jährlich bestehen bleibt. Es soll ein kostbares Juwel sein, wobei der Betrieb im Esslokal im Sinne meiner frühen Eat Art funktioniert.

Früher war ich berühmt dafür, dass mich alles Essbare interessierte. Und damit meine ich auch einen alten Schuh, den man auch essen kann, wenn man ihn lange genug kocht. Leder ist Haut von einem Tier, also essbar, und wir sind die einzigen Tiere, die kochen.

2007 ist der nomadisierende Künstler Spoerri in Wien und Hadersdorf angekommen, um ein zweites Projekt neben dem Giardino in Seggiano/Toskana in Angriff zu nehmen. Warum gerade hier?

D. S.: Weil ich mich in Wien wohl fühle. Ich war fast 20 Jahre in Italien, mit einer Sprache, die ich schlecht beherrsche, bis heute lese ich nur Bücher in englischer und französischer Sprache. Ich war schon bei früheren Anläufen in Wien glücklich, während des Unterrichts an der Angewandten in den 1980er Jahren. Jetzt ist es fast eine Modestadt.

Eva Aeppli war die Erste, die seinerzeit den Tänzer, Regisseur und Schreiber Daniel Spoerri mit bildenden Künstlern vernetzte. Welche Kollegen werden ihr in Hadersdorf folgen? Oder ist das Programm geheim?

D.S.: Eva habe ich als Künstlerin immer sehr geschätzt, für mich ist nicht Bekanntheit das Kriterium, sondern das Werk - wahrscheinlich wird André Thomkins die nächste Ausstellung bekommen, den halte ich für unterschätzt. Er ist ein ganz bedeutender Zeichner, der kein Werk als Maler oder Bildhauer hinterlassen hat. Es gibt nur Skizzen von ihm und das kleine Haus mit seinen intimen Zimmern eignet sich für ihn besonders gut. Ich habe das Sprachspiel von ihm gelernt, er hat in allen möglichen Sprachen Palindrome erfunden - "Dogma I am God" zum Beispiel - das kann man auch rückwärts lesen. Er beweist damit wunderbar, dass der Gottesbeweis ein Zirkelschluss ist.

1957 haben Sie in der Zeitschrift "material" Konkrete Poesie herausgegeben, und es gibt Werkgruppen, die mit diesen frühen Sprachspielen korrespondieren. Dazu gehören die "Wortfallen". Können Sie deren Methode kurz erklären?

B.R.: Es gibt Redewendungen, die jedem geläufig sind. Spoerri setzt sie wörtlich in Objekte um - "das sticht in die Augen" zum Beispiel. Da steckt eine Schere in den Augen eines schön modellierten Kopfes.

Daniel Spoerri und Barbara Räderscheidt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Brigitte Borchhardt-Birbaumer (rechts).
Foto: Borchhardt-Birbaumer

Daniel Spoerri und Barbara Räderscheidt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Brigitte Borchhardt-Birbaumer (rechts).

Foto: Borchhardt-Birbaumer
Daniel Spoerri und Barbara Räderscheidt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Brigitte Borchhardt-Birbaumer (rechts).

Foto: Borchhardt-Birbaumer

D.S.: Wenn man Sprache wörtlich nimmt, deckt man auch ihre Grausamkeiten auf: "Sich etwas einhämmern" - wenn man einen Puppenkopf mit einem Hammer einschlägt, ist das furchtbar, auch wenn es nur die Sprache widerspiegelt.

Berühmt wurden Sie durch die doppelbödigen "Fallenbilder", die aber seit 1960 eine große Wandlung durchmachten. Entstehen heute noch Abarten davon?

D.S.: Früher bestand das Fallenbild aus einer vorgefundenen Situation, die ich nicht bearbeitet habe. Ich habe die Objekte nur berührt, um sie zu fixieren, aber ich habe nichts verändert. Alles wurde belassen, wie es war. Dadurch wollte ich konstatierend einen Ausschnitt von Welt so fixieren, wie ich ihn vorgefunden habe. Heute mache ich mit großer Freude "Falsche Fallenbilder", das heißt ich fälsche mein früheres Konzept selbst. Dadurch kann ich die Löffel und Teller so aussuchen, wie sie mir gefallen. Diese "falschen" Bilder machen mir jetzt mehr Spaß als die "echten".

Damals wollte ich zeigen, dass ein Künstler nur die Idee haben muss, aber sonst nicht kreativ zu sein braucht. Es war für mich ein wichtiges Moment, Dinge einfach an die Wand zu hängen. Das war die Tabula rasa, von der aus ich anfing. Es gab damals mehrere solche Konzepte - Christo verpackte alles, Yves Klein strich alles blau, Jean Tinguely zeigte die Bewegung an sich. Die ganze Gruppe "Nouveau Réalisme" variierte nur ein Konzept.

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Dokument erstellt am 2010-08-20 17:06:00
Letzte Änderung am 2010-08-20 17:55:00


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