• vom 08.06.2012, 13:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 08.06.2012, 14:33 Uhr

Stolpersteine

Gunter Demnig




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Von Bernadette Conrad

  • "Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen"
  • Der deutsche Künstler Gunter Demnig berichtet über die von ihm entwickelten "Stolpersteine", die im Boden vor den letzten Wohnorten von Naziopfern verlegt werden. Und er erzählt, wie es zu diesem "dezentralen Denkmal" kam.

Gunter Demnig. - © Conrad

Gunter Demnig. © Conrad

"Wiener Zeitung":" Hier wohnte Markus Max Wallach Jg. 1877 deportiert 1941 Lodz ermordet 6.6.1942." So lautet eine typische Inschrift in der Messingoberfläche eines Stolpersteins. Sie verlegen die Steine vor dem letzten selbst gewählten Wohnort eines Menschen, der zum Opfer der Nazis geworden war. Eine Lebensspanne in ein paar Stichworten?


Gunter Demnig: Für mich war es von Anfang an so, dass diese Steine für Menschen sind, die meist kein Grab haben. Sie haben sich in Auschwitz in Rauch aufgelöst, die Asche ging in den Fluss. Der Stolperstein ist kein Grabstein, sondern ein Erinnerungsstein.

Warum haben Sie diese Erinnerungssteine "Stolpersteine" genannt?

Stolpern, stutzen, stehen bleiben, nachdenken - so kann es jemandem gehen, dem im Trottoir so ein Stein auffällt. Das wünsche ich mir. Die schönste Definition stammt von einem Hauptschüler. Er sagte: "Man fällt nicht hin, man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen".

Vor 20 Jahren waren Sie als Bildhauer und Aktionskünstler mit verschiedensten Projekten aktiv, oft im öffentlichen Raum und oft politisch motiviert. Heute sind Sie ein europaweit Reisender in Sachen Stolpersteine.

Information

Zur Person

Gunter Demnig, 1947 geboren, wuchs bis 1955 in der DDR (Nauen und Ost-Berlin) auf, von wo aus die Familie nach West-Berlin übersiedelte. Er studierte Kunstpädagogik in Berlin und Kassel bis zum Staatsexamen, sodann Freie Kunst an der Universität Kassel. Demnig arbeitete dort zunächst in der Denkmalsanierung, trat bald als freier Bildhauer und Aktionskünstler mit Projekten auf, die häufig mit Erinnerung und Spurensuchen zu tun hatte: "Duftmarken", "Blutspur Kassel-London", "Ariadne-Faden Kassel-Venedig".
1990 fand seine erste Aktion zur Erinnerung an deportierte Sinti und Roma statt, ab 1993 entwickelte er das "Stolpersteine"-Projekt. Der erste Stolperstein wurde 1997 in Berlin-Kreuzberg noch illegal verlegt. Demnig wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem "Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande", dem Preis "Botschafter für Demokratie und Toleranz" sowie 2012 mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg und dem Bernard Heller-Preis des "Hebrew Union College" New York.
Bei den Stolperstein-Verlegungen ist auffallend, wie vollständig Demnig "die Bühne" dem Gedenken an die Toten oder auch den angereisten Angehörigen überlässt. Während er die Steine verlegt, wird oft in einem Ritual der Lebenswege der betreffenden Menschen gedacht - und Gunter Demnig zieht sich zuhörend in den Hintergrund zurück.

Schon 2002 wurde es klar, dass die Stolpersteine ein Full-Time-Job werden. Anfangs habe ich die Planung, die Steine, also alles allein gemacht. Heute sind außer mir noch fünf Leute mit dem Projekt beschäftigt. Aber immer noch verlege ich fast alle selbst. Ich reise 40 bis 50.000 Kilometer im Jahr. Mittlerweile liegen über 37.000 Steine in zehn Ländern Europas.

Vermissen Sie die Abwechslung Ihrer früheren unterschiedlichen Projekte nicht?

Die Stolpersteine sind ein Lebenswerk geworden. Manchmal werde ich gefragt, ob sie mir zur Routine geworden sind. Das Einsetzen der Steine geht im Schlaf, aber alles ringsum ist ständig neu! Gestern war ich in Sigmaringen. Da ist eine 94-jährige Frau aus Florida angereist, um dabei zu sein, wenn die Steine für ihre Familie verlegt werden. Gegen ärztlichen Rat, gegen den Wunsch ihrer Familie ist sie hergekommen. Sie stammte aus einer angesehenen Familie, musste kurz vor dem Abitur weg. Sie ist nie wieder am Ort ihrer Jugend gewesen. Immer wieder erlebe ich diese Momente. - Routine? Von wegen.

Es fällt auf, dass oft Steine für eine ganze Familie da liegen. Warum?

Ich erinnere mich an eine Verlegung in Rotenburg/Wümme. Die Kinder wurden in einem Kindertransport gerettet, die Eltern kamen in Auschwitz um, die beiden Hausangestellten waren in einem anderen Lager. Ohne groß nachzudenken, habe ich Steine für alle sechs gemacht. Dann kam zur Verlegung die eine aus Kolum-bien, die andere aus England, quietschlebendig, sie hatten sich seit 60 Jahren nicht gesehen und haben sich so gefreut, dass sie mit den Eltern wieder zusammen sind. Wenn ich nur Steine für die Eltern gemacht hätte, hätte das nicht gepasst - das Familienschicksal musste komplett dokumentiert werden. Das versuche ich auch in anderen Städten durchzuhalten.

Ebenfalls Teil Ihres Konzepts ist es, dass Sie Steine für Überlebende verlegen.

Anfangs habe ich nicht so sehr darüber nachgedacht, habe genommen, was auf mich zukam. Dann gab es das Schicksal einer jüdischen Haushälterin: Die Herrschaften konnten fliehen, sie ist nach Theresienstadt gekommen, von dort nach Auschwitz - das war ja normalerweise das Ende. Sie kam aber weiter nach Minsk, hat dort überlebt, und ist nach dem Krieg nach Köln zurückgekehrt. Sie sollte keinen Stein kriegen, weil sie überlebt hat. Da habe ich gesagt: Ihr tickt ja nicht richtig! Wenn die keinen Stein kriegt, wie wollt ihr dann den Opferbegriff fassen? Oder die vielen jüdischen Kinder, die in Kindertransporten gerettet wurden, während die Eltern starben. Wie viele von ihnen haben sich hinterher Vorwürfe gemacht: Wir haben die Eltern im Stich gelassen, die sind für uns ins Gas gegangen! Manche sind daran zerbrochen. Warum soll so jemand keinen Stein bekommen?

Was sind die zentralen Gedanken hinter den Stolpersteinen?

Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Mit einem Stolperstein soll an das individuelle Schicksal erinnert werden - und zwar an dem Ort, wo das Grauen begann.

Wie nimmt so eine Stolperstein-Verlegung ihren Anfang? Wer kommt auf Sie zu?

Das ist ganz unterschiedlich. Einzelne, Familien, Naturfreunde, Geschichtsvereine, deutsch-israelische Gesellschaften, inzwischen immer mehr Schulen. In Uslar hat ein Geschichtsleistungskurs von sich aus einen Antrag beim Stadtrat gestellt - der fiel aus allen Wolken. Dürfen Schüler das? Später konnte sich das der Direktor an die Brust heften.

Wenn in einer Stadt der erste Stein verlegt ist, ist dann dort das Eis gebrochen?

Nein, es gibt Städte, da muss jeder Stein neu beantragt werden.

Und gibt es Städte, in welchen es noch komplizierter ist?

Wien wollte, dass wir mit den Hausbesitzern verhandeln, was natürlich gar nicht geht. Auch in Wien gehört das Trottoir der Stadt. Eine Frau ist dann selbst initiativ geworden, hat mit der Bezirksvorsteherin vereinbart, dass Stolpersteine auf zentralen Plätzen verlegt werden. Da habe ich nicht mitgemacht. Es heißt nun "Straße der Erinnerung", aber das ist ein ganz anderes Konzept.

"Stolpern, stutzen, stehen bleiben, nachdenken - so kann es jemandem gehen, dem im Trottoir so ein Stein auffällt": Gunter Demnig im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Bernadette Conrad.

"Stolpern, stutzen, stehen bleiben, nachdenken - so kann es jemandem gehen, dem im Trottoir so ein Stein auffällt": Gunter Demnig im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Bernadette Conrad.© Roland Didra "Stolpern, stutzen, stehen bleiben, nachdenken - so kann es jemandem gehen, dem im Trottoir so ein Stein auffällt": Gunter Demnig im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Bernadette Conrad.© Roland Didra

Ins Trottoir eingelassene "Stolpersteine", Konstanz 2012.

Ins Trottoir eingelassene "Stolpersteine", Konstanz 2012.© Conrad Ins Trottoir eingelassene "Stolpersteine", Konstanz 2012.© Conrad

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Dokument erstellt am 2012-06-08 13:08:18
Letzte Änderung am 2012-06-08 14:33:49


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