• vom 06.07.2012, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 16.07.2012, 15:48 Uhr

Emigration

Du-Yul Song




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Von Stefan Kraft

  • "Koreas Teilung ist der Grund allen Übels"
  • Der Philosoph Du-Yul Song, der seit 1967 in Europa lebt, berichtet über seine Studienzeit während der 1968er-Bewegung in Frankfurt, seine Gegnerschaft zum Militärregime in seiner südkoreanischen Heimat und die gravierenden Folgen seines politischen und wissenschaftlichen Engagements.

"Wiener Zeitung": Herr Song, in Ihrer Biografie spiegelt sich die Zerrissenheit ihres Heimatlandes wieder. Sie sind deutscher Staatsbürger, wuchsen in Südkorea auf, sind aber in Tokio geboren. Wie haben Sie als Kind die Anfangsjahre auf der koreanischen Halbinsel erlebt, als die Japaner abzogen?

"Ich hatte vorgehabt, nur ein paar Jahre in Deutschland zu bleiben": Du-Yul Song, der Auslandskoreaner.

"Ich hatte vorgehabt, nur ein paar Jahre in Deutschland zu bleiben": Du-Yul Song, der Auslandskoreaner.© Ring Song "Ich hatte vorgehabt, nur ein paar Jahre in Deutschland zu bleiben": Du-Yul Song, der Auslandskoreaner.© Ring Song

Du-Yul Song: Meine Eltern lebten schon als zweite Generation in Japan. Zum Zeitpunkt der Kolonisierung Koreas (1910 Anm.) durch Japan sind meine Großeltern als Arbeitsmigranten ausgewandert. Mein Onkel lebt immer noch dort, er ist jetzt über 90 Jahre alt. Mein Vater wollte nach der Befreiung Koreas 1945 nicht mehr länger als Angehöriger einer Minderheit in Japan leben. Also sind von meiner Familie nur mein Vater, meine Mutter und ich nach Korea zurückgegangen, obwohl mein Vater kaum Koreanisch sprechen konnte. Aber das war auch eine politische Entscheidung.


Korea war befreit, aber es kamen tumultreiche Jahre auf uns zu. Eine richtige Regierung hat nicht existiert. Bis 1948 gab es ständige Auseinandersetzungen darum, ob es eine Regierung für ganz Korea geben sollte oder zwei voneinander getrennte. Die USA und die Sowjetunion hatten den 38. Breitengrad als Quasi-Grenze eingeführt und damit das Land faktisch geteilt. Zu dieser Zeit war es aber noch eine grüne Grenze, über die man drübergehen konnte. Denn der 38. Breitengrad war vor allem eine Verwaltungszone für die Entwaffnung der japanischen Soldaten. Im Süden hat sich das Militärkommando der USA bald etabliert und auch seine Helfershelfer, meist Kollaborateure aus der japanischen Kolonialzeit, waren im Machtzentrum vertreten. Der Norden war von der Sowjetunion besetzt und Kim-Il Sung ist von ihr systematisch als Führungsfigur unterstützt worden. Sein Ruf begründete sich darauf, dass er die erste militärische Auseinandersetzung mit der japanischen Besatzungsarmee innerhalb der koreanischen Grenzen geleitet hatte. Deswegen war er sehr populär. Und auch sehr jung, gerade einmal 33 Jahre alt. Allmählich wurde der 38. Breitengrad von einer provisorischen zu einer militärischen Grenze. Im Süden wurde Syngman Rhee Präsident und im Norden hat Kim Il Sung die Macht übernommen.

Haben Sie zu dieser Zeit in Seoul gewohnt?

Information

Zur Person

Du-Yul Song wurde 1944 geboren. Er studierte Philosophie, Soziologie und Wirtschaftsgeschichte in Seoul, Heidelberg und Frankfurt. 1972 promovierte er bei Jürgen Habermas und habilitierte sich 1982 mit einer Analyse des sowjetischen und chinesischen Systems als Professor für Soziologie in Münster, wo er bis 2009 lehrte.

Du-Yul Song entwickelte den sogenannten "systemimmanenten Forschungsansatz" weiter, der unter anderem vorschlägt, die realsozialistischen Länder anhand ihrer eigenen Maximen zu analysieren.

Song ist Verfasser mehrerer Monographien und einer der Hauptinitiatoren des südkoreanisch-nordkoreanischen Wissenschafteraustausches. 2003 folgte er nach 37 Exiljahren einer offiziellen Einladung nach Seoul, wo er aufgrund des Nationalen Sicherheitsgesetzes inhaftiert und infolge weltweiter Proteste im Sommer 2004 freigelassen wurde.

Vor kurzem erschien sein neues Buch, in dem er gemeinsam mit Co-Autor Rainer Werning die Geschichte beider Koreas im 20. und 21. Jahrhundert auf umfassende Weise beschreibt:
Korea. Von der Kolonie zum geteilten Land, Promedia Verlag, Wien 2012, 208 Seiten, 15,90 Euro.

Ja, mein Vater war als Physikprofessor tätig, an der vormaligen Japanischen Reichsuniversität. 99 Prozent der Professoren vor der Befreiung sind Japaner gewesen, die waren alle weg. Und die wenigen Koreaner, die übrig geblieben waren, hatten riesige Aufgaben vor sich. Doch das politische System im Süden war völlig korrupt und die meisten Leute in der Verwaltung und bei der Polizei waren ehemalige Kollaborateure.

Wie hat Ihre Familie den Koreakrieg erlebt?

Wir sind vor der Kriegsmaschinerie in den Süden geflohen, nach Kwangju. Mein Onkel ist aus Japan gekommen und hat an der Front für Nordkorea gekämpft.

Auch Ihr Vater war politisch eher links eingestellt?

Ja, und er hat große Hoffnungen auf Kim Il-Sung gesetzt, weil der eben über eine große Legitimität verfügte.

Eines Tages ist mein Vater wegen einem Autounfall im Spital gelegen. Eine Krankenschwester hat mitbekommen, dass er sehr schlecht Koreanisch konnte und hat ihm eine Lerntafel für die koreanischen Zeichen gebracht. Daraufhin hat er begonnen, eine Schreibmaschine für Koreanisch zu entwickeln. Ein paar Jahre später rettete ihm diese Entwicklung das Leben. Er ist 1950 als Linksoppositioneller verhaftet worden und die Soldaten haben ihn zu einer Hinrichtungsstätte gebracht. In seiner Tasche hatte er die Blaupausen seiner Erfindung. Der Kommandeur, der zum Glück nicht so reaktionär war, hat die Tasche durchsucht und die Pläne gefunden. Daraufhin ließ er meinen Vater laufen. 1958 hat mein Vater dann den ersten koreanischen Computer entwickelt, einen Vorreiter der heutigen Computersysteme.

Politisch hat er mich stark geprägt. Als ich 1974 die Oppositionsbewegung im Ausland organisiert habe, das "Forum für Demokratie in Korea", wollte mich mein Vater in Deutschland besuchen. Er war einer der wenigen Südkoreaner, die überhaupt einen Pass hatten zu dieser Zeit. Aber trotzdem haben sie ihn am Flughafen gestoppt. Erst 1984 konnte er zum ersten Mal ins Ausland, dann haben wir uns wiedergesehen.

Von 1967 bis 2003 lebten Sie in Deutschland und konnten als Oppositioneller nicht nach Südkorea reisen. Hatten Sie in dieser Zeit Briefkontakt zu Ihrem Vater?

Nein, nein, die Briefe wurden alle zensiert. Deshalb haben wir lieber Postkarten mit ein paar Belanglosigkeiten geschrieben.

1997 ist mein Vater gestorben und ich wollte unbedingt nach Korea zurückkehren, um seinem Begräbnis beizuwohnen. Aber dafür hätte ich ein Dokument unterzeichnen müssen, in dem ich mich dazu verpflichten sollte, Südkorea nicht mehr im Ausland zu kritisieren. Mein Vater hat es aber immer abgelehnt, gegenüber dem Regime Reue zu zeigen. Also habe ich sein Grab erst 2003 besuchen können.

Wo fand Ihre Ausbildung nach dem Koreakrieg statt?

Zuerst ging ich in Kwangju zur Schule, später zogen wir zurück nach Seoul, wo ich eine staatliche Elite-Universität besucht und dort meinen Bachelor-Grad gemacht habe. 1967 bin ich dann nach Deutschland gegangen. Zuerst kam ich nach Heidelberg und habe dort bei Hans-Georg Gadamer und Karl Löwith Philosophie studiert. 1967 hat es überall in Europa an den Universitäten gekocht - nur in Heidelberg war es sehr ruhig. Ein Assistent an der Uni hat dann zu mir gemeint: "Jürgen Habermas ist wahrscheinlich der passendere Lehrer für Sie". Vorher hatte ich den Namen Habermas noch nie gehört, er war damals auch noch recht jung. Ich las ein paar Bücher von ihm und war sehr erstaunt über diese neue Art der sozialphilosophischen Auseinandersetzung.

Alltag im geteilten Land: Eine südkoreanische Militärpatrouille kontrolliert das Grenzgebiet zu Nordkorea.

Alltag im geteilten Land: Eine südkoreanische Militärpatrouille kontrolliert das Grenzgebiet zu Nordkorea.© EPA Alltag im geteilten Land: Eine südkoreanische Militärpatrouille kontrolliert das Grenzgebiet zu Nordkorea.© EPA

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Schlagwörter

Emigration, Extra, Südkorea

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-07-05 18:08:11
Letzte Änderung am 2012-07-16 15:48:06


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