• vom 31.08.2012, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 31.08.2012, 15:12 Uhr

Reisen

Christian Hlade




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Von Piotr Dobrowolski

  • "Reisen ist ein Grundbedürfnis"
  • Christian Hlade, Chef des Reiseunternehmens "Weltweitwandern", denkt darüber nach, wann Fliegen sinnvoll ist und wann nicht, entwirft eine wohldosierte Urlaubsexotik und erklärt, warum zu dünne Schlafmatratzen von Nachteil sind.

Christian Hlade. - © copyright: j.j.kucek

Christian Hlade. © copyright: j.j.kucek

"Wiener Zeitung": Herr Hlade, Sie sind einer der größten österreichischen Anbieter für naturnahes, alternatives Reisen. Doch Plätze, die von Alternativtouristen entdeckt werden, fallen am Ende sehr oft dem Massentourismus zum Opfer. Sind Sie also doch die Vorhut des Bösen?

Christian Hlade: Ich habe die Entwicklung, die Sie ansprechen, in meiner Reisekarriere oft beobachten können. Zuerst gibt es ein paar Rucksacktouristen, dann ein paar Pensionen und irgendwann einen Flughafen, Nachtleben und All-Inclusive-Clubs. Allerdings trifft das fast ausschließlich auf Gebiete am Meer zu. Insofern glaube ich nicht, dass wir als Weltweitwandern die Vorhut des Bösen und des Massentourismus sind. Unsere Wandertouren sind dazu schlicht und einfach zu mühsam. In Nepal oder auch Ladakh wehren sich zum Beispiel einzelne Gebiete, die vom Trekkingtourismus leben, gegen Straßenbau. Sie merken nämlich, dass Ihnen dadurch die Geschäftsgrundlage entzogen wird. Wobei ich keiner bin, der sich absolut gegen Straßenbau stellt. Weil das hieße zu sagen: Wir schauen uns gerne eure Idylle an, aber bleibt bitte schön in euren Bergdörfern.


Dass mit den Trekkingtouristen auch westlicher Lebensstil in die entlegensten Täler kommt, lässt sich aber nicht leugnen.

Information

Zur Person
Christian Hlade, geboren 1964, ist gelernter Architekt. Seine wahre Leidenschaft hat aber immer schon dem Reisen gehört. Erster großer Meilenstein dabei: mit Interrail-Ticket nach Marokko, das Weiteste, was damals mit einer schmalen Geldbörse möglich war. Ebenfalls unvergesslich und von den Eltern äußerst skeptisch beäugt: zehn Tage Italien mit knapp 700 Schilling. Ein großartiges Erlebnis, wie Hlade sagt.
Weniger großartig fand Hlade hingegen seine Arbeit im Architekturbüro. Weshalb er schon bald Versuche unternahm, als Reisefotograf und Vortragender zu überleben. Sie waren nicht gerade von berauschendem finanziellen Erfolg gekrönt, bis er auf die Idee kam, Reisen zu veranstalten, die etwas anders sind: mit viel Natur und wenig Teilnehmern.
2002 macht Hlade diese Leidenschaft endgültig zu seinem Beruf und gründet "Weltweitwandern", ein Reiseunternehmen, das auf sozialverträgliche und naturnahe Wanderreisen spezialisiert ist. In diesem Bereich gehört Hlades Firma heute zu den wichtigsten Anbietern im deutschsprachigen Raum. Weltweitwandern beschäftigt 15 Personen am Firmensitz in Graz sowie 500 Mitarbeiter weltweit (Führer, Köche, Reiseleiter usw.). Pro Jahr werden rund 500 Reisetermine mit rund 3000 Buchungen angeboten. Der prognostizierte Umsatz für das heurige Jahr liegt bei 6 Millionen Euro. Über seine ganz persönliche Sicht des Reisens und der Wirtschaft in Zeiten von Ressourcenknappheit und Globalisierung schreibt Hlade auch den Blog: blog.hlade.com .

Die westlichen Einflüsse sind meistens doch schon dort. Wir reden ja nicht von den letzten Urvölkern im Amazonasgebiet. Dorthin würde ich keine Reisen veranstalten wollen. Aber in Nepal, in Afrika, da sind es doch vor allem die Medien oder z.B. Mobiltelefone, die westliche Lebenskonzepte vermitteln. Sobald es Strom gibt, hat auch im hintersten Dritte-Welt-Dorf zumindest einer eine Satellitenschüssel samt den dazugehörigen US-Serien. Und der Massentourismus wird vor allem von staatlichen Systemen verursacht. Das sieht man sehr gut an der Türkei, wo es eine bewusste Entscheidung des Staates war, sich - in Abgrenzung zu Griechenland - als ein billiges Massentourismusland zu positionieren. Ähnliches passiert derzeit in einigen afrikanischen Staaten. Es ist schon primär die Politik, die entscheidet, ob sie Massentourismus will oder die sanfte Variante.

Sanfter Tourismus ist inzwischen allerdings zu einer ziemlichen Sprachhülse verkommen. Was verstehen Sie persönlich darunter?

Für mich ist das vor allem ein Angebot, das hochwertig ist, bei dem die Qualität passt und das die Emotion des Reisenden berührt. Sanfter Tourismus sollte aber auch einen Mehrwert schaffen, der über die Reise selbst hinaus geht, also einen gesellschaftlichen, einen ökologischen Mehrwert.

Bei allem ökologischen Mehrwert: Sie bieten Fernreisen an. Fernreisen sind Flugreisen. Und Fliegen ist nun einmal enorm umweltbelastend.

Das stimmt. Ich sehe es trotzdem so: Fliegen ist weder hundertprozentig schlecht, noch hundertprozentig gut. Der Punkt ist, wie man diese technische Errungenschaft nutzt. Und da ist unsere Linie, den Kunden zu sagen: Macht weniger Flugreisen, aber wenn, dann gescheite. Also, jetzt etwas überspitzt formuliert: statt öfters für zwei Tage zum Shoppen irgendwohin zu fliegen, lieber einmal mit Weltweitwandern für drei Wochen nach Nepal. Wir bemühen uns auch ganz konkret, den CO2-Ausstoß pro Reisenden und Tag zu senken, indem wir sagen: Ab einer gewissen Flugdauer muss die Reise länger als zwei Wochen dauern. Wir haben außerdem bei gerade fünfzehn Angestellten eine Person, die sich ausschließlich damit beschäftigt, unsere Reisen so nachhaltig wie möglich zu machen. Aber der Mensch wird immer reisen wollen, das ist ein sehr, sehr starkes Bedürfnis, fast schon ein Grundbedürfnis.

Wenn eine Milliarde Chinesen das Reisen entdeckt, und das beginnt gerade, wird es ökologisch trotzdem sehr schnell sehr eng.

Das ist eine gesamtethische Frage. Das ist wie bei allen anderen Gütern, wo der Westen lange Zeit ein Fast-Monopol hatte und wo jetzt andere sagen: Hallo, wir möchten auch! Das ist auch beim Autofahren so. Und wenn in Zukunft alle so viel Rohstoffe verbrauchen, wie es der Westen bislang getan hat, wird der Planet das nicht aushalten. Da muss man also tatsächlich ganz dringend nachdenken. Jahrelang war Westeuropa die Kolonialmacht im Tourismus. Das ändert sich nun massiv. Schon jetzt sagen uns unsere Kooperationspartner vor Ort: Das ist nett, was ihr da macht, aber die Russen, die geben viel mehr Geld aus.

Russische Anbieter sind also bereits Konkurrenz für Sie?

Nein, weil sie mit Wandern und Naturtourismus nichts am Hut haben. Aber punktuell gibt es Probleme, wenn zwei unterschiedliche Konzepte von Urlaub aufeinanderprallen. Wenn in einem Hotel eine Gruppe europäischer Wandertouristen, die am nächsten Tag früh raus wollen, auf große indische Familien treffen, die im Urlaub sehr gern sehr lang auf sind, dann ist das ein In-frastrukturproblem, das wir als Reiseanbieter lösen müssen.

Sie haben vorhin gesagt, Reisen sei eine Art Grundbedürfnis. Haben Sie eine Idee warum?

Ich denke, da geht es darum, rauszukommen aus der Komfortzone. Wenn du zu lange in der Komfortzone bleibst, schneidest du dich von deinen Impulsen ab. Jesus ist in die Wüste gegangen, um nachzudenken. Für Buddha waren der Pfad und das Gehen Metaphern für den Lebensweg. Moshe Feldenkrais hat gesagt: Wenn man den Körper bewegt, bewegt sich auch der Geist. Wenn ich mich bewege, löse ich ein Problem ganz anders als ich das im Sitzen tun würde.

"Moshe Feldenkrais hat gesagt: Wenn man den Körper bewegt, bewegt sich auch der Geist. Wenn ich mich bewege, löse ich ein Problem ganz anders als ich das im Sitzen tun würde."

"Moshe Feldenkrais hat gesagt: Wenn man den Körper bewegt, bewegt sich auch der Geist. Wenn ich mich bewege, löse ich ein Problem ganz anders als ich das im Sitzen tun würde."© dpa/Julian Stratenschulte "Moshe Feldenkrais hat gesagt: Wenn man den Körper bewegt, bewegt sich auch der Geist. Wenn ich mich bewege, löse ich ein Problem ganz anders als ich das im Sitzen tun würde."© dpa/Julian Stratenschulte

"Reisen kann auf jeden Fall das Verstehen des Anderen fördern. Aber eben nur: kann." Reise- und Wanderphilosoph Christian Hlade im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski.

"Reisen kann auf jeden Fall das Verstehen des Anderen fördern. Aber eben nur: kann." Reise- und Wanderphilosoph Christian Hlade im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski.© J. J. Kucek "Reisen kann auf jeden Fall das Verstehen des Anderen fördern. Aber eben nur: kann." Reise- und Wanderphilosoph Christian Hlade im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski.© J. J. Kucek

Christian Hlade.

Christian Hlade.© J. J. Kucek Christian Hlade.© J. J. Kucek

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Dokument erstellt am 2012-08-30 19:39:59
Letzte Änderung am 2012-08-31 15:12:20


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