• vom 09.11.2012, 14:30 Uhr

Zeitgenossen


Gesellschaftskritik

Tarek Josef el Sehity




  • Artikel
  • Lesenswert (20)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Heike Hausensteiner

  • Wie Geld die Menschen formt
  • Der Vermögenspsychologe Tarek Josef el Sehity analysiert die seelische Bedeutung des Geldes, denkt über die Rolle des Neides nach und fordert eine neue staatliche Finanzpolitik.

"Wiener Zeitung": Sie sind "Geldpsychologe" und befassen sich mit Vermögenspsychologie - was kann man sich darunter vorstellen?

"Es liegt in unserem Geldsystem, dass Geld sich dort mehrt, wo es sich bereits in Mengen befindet. Dies ist ein System, das nur für Wenige gut funktioniert." Tarek Josef el Sehity

"Es liegt in unserem Geldsystem, dass Geld sich dort mehrt, wo es sich bereits in Mengen befindet. Dies ist ein System, das nur für Wenige gut funktioniert." Tarek Josef el Sehity© Foto: Heike Hausensteiner "Es liegt in unserem Geldsystem, dass Geld sich dort mehrt, wo es sich bereits in Mengen befindet. Dies ist ein System, das nur für Wenige gut funktioniert." Tarek Josef el Sehity© Foto: Heike Hausensteiner

Tarek el Sehity: Ganz einfach: Bei mir legen Sie die Geldscheine direkt auf die Couch. Das ist sehr effizient. Wenn Sie wieder gehen, haben Sie sofort ein paar Sorgen weniger. Aber fragen Sie mich jetzt nicht nach meinen Preisen. . .


Wir wollen ja niemanden abschrecken. . .

Das wäre auch schade, denn Geld ist viel mächtiger, als die meisten vermuten. Da ist viel Aufklärungsbedarf gegeben. Mich als Geldpsychologen interessiert die Art und Weise, mit der das Geld auf Menschen wirkt. Die Macht des Geldes wird drastisch unterschätzt, wenn man meint, mit diesem Papier in der Hand einfach ein effizientes Mittel zu besitzen. Tatsächlich macht uns der Geldbesitz zu etwas, noch bevor wir Gelegenheit dazu haben zu entscheiden, was wir mit dem Geld überhaupt machen wollen. Die Extreme verdeutlichen dies: Ohne Geld werden uns Türen und Tore verschlossen, von denen wir nicht einmal wissen, dass es sie überhaupt gibt. Nicht umsonst wird Armut seit einigen Jahrzehnten als ein Phänomen sozialer Isolierung angesehen und untersucht. Da verdeutlicht sich für den Geldpsychologen die Wirkung des Geldes - in seiner Abwesenheit!

Information

Zur Person
Tarek Josef el Sehity, 1971 in Wien geboren, untersucht soziale und kognitive Grundlagen des Wirtschaftslebens und lehrt am Institut für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie der Sigmund Freud Privat-Universität sowie am Institut für Wirtschaftspsychologie der Universität Wien. Das Projekt über "Die Psychologie des Geldes", an dem er seit zehn Jahren arbeitet, wird demnächst als Buch veröffentlicht.

Und wie sieht es bei den Reichen aus?

Die Wirkung des Geldes verstärkt sich hier enorm. Die Armen können ihr Problem noch relativ gut benennen. Menschen mit großen Reichtümern sind sich bewusst, dass ihr Geld eine mächtige Wirkung auf ihr Umfeld hat, aber sie können die Wirkung ihres Geldes auf sich selbst und ihre Familie kaum erfassen. Unterschwellig und beiläufig meldet sich der Verdacht, dass der eigene Erfolg ein Problem für die Anderen ist. Konflikte um materielle Fragen treten auf, Ansprüche werden angemeldet, und immer öfter ist Neid zu vermuten. In unserer Studie, die Ende des Jahres erscheinen wird, gaben die meisten der Befragten an, dass ihre größte Sorge den Neid der Anderen betrifft. In einer kleinen historischen Recherche wurde uns dann deutlich, dass diese Sorge schon immer ein Thema der Reichen war. Die "Neidköpfe" an mittelalterlichen Hausfassaden bezeugen dies genauso wie die antike Angst vor dem "bösen Blick". Reichtümer führen dazu, dass Mauern hochgezogen und Tore verschlossen werden, um unangenehme Blicke zu meiden. Man gesellt sich unter andere Millionäre auf der Suche nach sozialen Kontakten - in der Hoffnung, dass das Geld dann keine Rolle mehr spielt. Das Gegenteil ist aber wahr. Denn Milliardäre unterscheiden sich wiederum von Multimillionären - und diese von einfachen Millionären und so weiter. Hier kommt das Geld voll auf seine Rechnung: Immer mehr dreht sich alles darum, aber nicht um einen selbst.

Aber es fällt schwer, im Zuge der Wirtschaftskrise auch noch Empathie für Millionäre zu empfinden.

Es geht auch nicht um eine Kuriositätenschau der persönlichen Befindlichkeit unserer Reichen. Es geht darum zu verstehen, wie viel Reichtum psychologisch machbar ist. Bei den Reichen sollte es sich ja nicht um eine Parallelgesellschaft handeln, sondern um Menschen, die höchste Verantwortung tragen für gesellschaftliche Entwicklungen, die uns alle angehen. Wenn dann allerdings festzustellen ist, dass ein in reichsten Verhältnissen heranwachsender Mensch mit großer Wahrscheinlichkeit größere psychologische Probleme hat, so verdeutlicht sich die gesellschaftliche Dimension der Problematik.

In der Vermögenspsychologie interessieren wir uns für die Strategien, welche Menschen entwickeln, um mit Millionen oder gar Milliarden umzugehen. Im Prinzip handelt es sich dabei aber um eine Frage der Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft. Wir sollten ein wenig davon verstehen, warum die Demokratien am Anfang des 21. Jahrhunderts von Oligarchien überrumpelt wurden. Eine fürsorgliche Frage à la "Wie geht es uns, Mr. Oligarch?" ist in diesem Sinne nicht psychologisch gemeint, sondern soziologisch. So wie der Zustand Rumäniens in den 80er Jahren das mentale Befinden Ceauşescus widerspiegelte, so verhält es sich gegenwärtig mit dem mentalen Zustand einer erweiterten "Forbes"-Liste der Reichsten und unserem Globus.

Sie würden die globale Krise also auf das psychologische Befinden der Reichsten unter uns zurückführen?

Wir leben in einer Gesellschaft, die das Recht auf Privateigentum zu ihren Grundpfeilern zählt, und das mit gutem Recht! Es ist aber bedenklich, wenn Eigentümer Gewinne persönlich beanspruchen, Verluste hingegen der Öffentlichkeit anlasten. Versuchen Sie sich in den Kopf eines Juristen zu versetzen, der ein solches Gesetz formuliert. Oder in den Kopf eines Ökonomen, der dieses Prinzip verteidigt. Oder gar in den Kopf der Banker, die dies fordern. Da läuft psychologisch etwas schief: Gerechtigkeitsempfinden, Empathie, Solidaritätsvermögen, Verantwortungsbewusstsein - das kommt alles nicht vor! Oder schauen Sie sich in Italien an, wo der junge Eigentümer von Fiat fortlaufend damit droht, sein unproduktives Land zu verlassen. Das ist der Ur-Enkel einer Familiendynastie, die ihren phantastischen Reichtum in demselben unproduktiven Land aufgebaut hat. Ist das Opportunismus oder einfach nur ökonomisch rational?

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2012-11-08 17:38:11
Letzte Änderung am 2012-11-09 13:45:00


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Rosa Luxemburg: "Ich war, ich bin und werde sein"
  2. "Wir haben beide ein irres Tempo"
  3. François Jullien und der Ortswechsel des Denkens
  4. Dreizehn Jahre Trockenheit – Prohibition in den USA
  5. Leo Lukas: "Mit dem Internet hat niemand gerechnet"
Meistkommentiert
  1. Leo Lukas: "Mit dem Internet hat niemand gerechnet"
  2. François Jullien und der Ortswechsel des Denkens
  3. Rosa Luxemburg: "Ich war, ich bin und werde sein"
  4. "Wir haben beide ein irres Tempo"


Werbung