• vom 18.01.2013, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 19.01.2013, 11:36 Uhr

Zeitgeschichte

"Das Gute kann Böses bewirken"




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Von Gerhard Lechner und Alexander Dworzak

  • Götz Aly im Interview
  • Der deutsche Zeithistoriker Götz Aly analysiert den gern verdrängten Zusammenhang zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus und erklärt, warum Hitlers "Mein Kampf" zu seiner Zeit ein viel gelesenes Buch sein konnte.

"Ich finde, ein Geisteswissenschaftler sollte immer auch für ein Publikum schreiben und nicht nur für einen internen Betrieb, der sich selbst genügt": Götz Aly. - © Andreas Urban

"Ich finde, ein Geisteswissenschaftler sollte immer auch für ein Publikum schreiben und nicht nur für einen internen Betrieb, der sich selbst genügt": Götz Aly. © Andreas Urban

"Ich finde, ein Buch darf die Leser nicht erschlagen."

"Ich finde, ein Buch darf die Leser nicht erschlagen."© Andreas Urban "Ich finde, ein Buch darf die Leser nicht erschlagen."© Andreas Urban

"Wiener Zeitung": Herr Aly, Sie sind in der Geschichtswissenschaft für Ihre unkonventionellen Zugänge bekannt. Dieses Semester sind Sie Gastprofessor in Wien - in einem Seminar behandeln Sie Hitlers Buch "Mein Kampf", das ja schon vielfach gelesen und analysiert wurde. Warum?

Götz Aly: 85 Prozent meiner Studierenden wollen Lehrer werden, und vom 1. Jänner 2016 an kann "Mein Kampf" überall gedruckt und verkauft werden, weil dann Hitlers vom bayerischen Staat übernommene Urheberrechte erlöschen. Da drängt sich das Thema auf. Meinen Studierenden habe ich auferlegt, alles zu vergessen, was Hitler nach der Machtergreifung 1933 getan und verbrochen hat; sie sollen den Erfolg des Buches vor 1933 aus der Zeit heraus analysieren und verstehen. Das ist für uns Heutige eine Zumutung, weil wir - im Gegensatz zu den Damaligen - das Ende kennen.


Damit sich die Studenten in die Zeit hineinversetzen?

Genau! Es ist schwer, aber notwendig, sich in den Horizont derer hineinzudenken, die seinerzeit lebten, wählten und handelten. Hitler konzipierte und schrieb "Mein Kampf" im Zeichen der Hyperinflation und der Nachkriegskrise. Er widmet sich darin ausführlich den Banken, der Misswirtschaft, den Folgen des Versailler Vertrages und angeblich oder tatsächlich unfähigen Politikern. Zu Beginn der 1930er-Jahre wiederholte sich die Situa-tion in Gestalt der Weltwirtschaftskrise. Jetzt schien sich Hitlers Botschaft plötzlich zu bewahrheiten. 1929 wurde "Mein Kampf" ein Erfolgsbuch. Trotz der Krise rückten die Siegermächte zu Beginn der 1930er Jahre nicht von ihren Reparationsforderungen ab. In einer Zeit, in der Löhne und Pensionen drastisch gekürzt wurden, überall Mangel und Not herrschten, sollte Deutschland 60 Jahre lang zehn Prozent der jährlichen Staatseinnahmen entrichten. Das wurde als nationale Demütigung gesehen, und zwar von allen politischen Kräften bis hin zur KPD.

Wenn sich aber alle Parteien in diesen Fragen einig waren - was machte dann den besonderen Reiz der NSDAP aus?

Die NSDAP war die erste Volkspartei in Deutschland. Sie sprach die Wähler aller sozialen Klassen an, ebenso evangelische und katholische, bayerische und mecklenburgische, Männer und Frauen. Sonst gab es nur regional, sozial und religiös gebundene Parteien - das Zentrum nur für Katholiken, die beiden liberalen Parteien für die Großbürger, SPD und KPD für die Arbeiter und die Kleinen Leute.

Was hat die Menschen an "Mein Kampf" fasziniert?

Hitler kombinierte in dem Buch sein Programm mit der eigenen, freilich stilisieren Biographie und begründete sein politisches Engagement aus seiner Lebenserfahrung. Das hatte es vor "Mein Kampf" nicht gegeben. Politiker schrieben Memoiren. Sie hießen "Gedanken und Erinnerungen" oder "Ereignisse und Gestalten".

Hitler schilderte sein Leben ungefähr so: Mir ging es schlecht in Wien; ich komme von ganz unten, ich bin einer von euch; den Krieg habe ich als kleiner Gefreiter durchgemacht, bin verwundet worden; zunächst hatte ich überhaupt nichts gegen die Juden, bis ich langsam merkte, sie sitzen überall usw. Heute schreiben viele Politiker bioprogrammatische Bücher, zum Beispiel Joschka Fischer. Seine gleichfalls stark stilisierte Autobiographie "Mein langer Lauf zu mir selbst" folgt dem literarischen Strickmuster von "Mein Kampf".

Wurde "Mein Kampf" auch gelesen? Wenn die Rede auf das Buch kommt, heißt es ja immer wieder, kaum jemand habe es wirklich gelesen. Man bekam es bei Hochzeiten geschenkt und stellte es dann angeblich irgendwohin.

Ich glaube schon, dass "Mein Kampf" gelesen worden ist. Es liest sich streckenweise sehr gut. Hitler pflegte eine für damalige Verhältnisse eingängige Sprache mit kräftigen Bildern. Das war ansprechend - so wie die Versammlungen der NSDAP, die ja als Vergnügungsveranstaltungen konzipiert waren, die dem Publikum Erlebnisse boten, gegebenenfalls mit Saalschlachten - echte Männerereignisse. Für diese Veranstaltungen war übrigens ein für damalige Verhältnisse beachtlicher Eintritt zu bezahlen - wie für Boxkämpfe.

Waren es auch Frauenereignisse?

Das ist interessant! Die NSDAP war nicht nur die erste deutsche Volkspartei, sondern auch die erste, die bewusst "genderte". Jede Rede, die Hitler in den 1920er- und 1930er Jahren hielt, begann mit: "Meine lieben Volksgenossinnen und Volksgenossen" oder "Deutsche Frauen und Männer". Das war völlig neu. Normalerweise schnarrte der deutsche Politiker seinerzeit: "Meine Herren!" Frauen haben Hitler genauso oft gewählt wie Männer. Die gleichfalls radikalen Kommunisten wurden von sehr viel weniger Frauen unterstützt. Hitler gewann eben überall Wähler: unter den Bauern, Angestellten und den Arbeitern, im Norden, im Süden, unter Männern und Frauen, unter den Alten, vor allem aber unter den Jungen. Die NSDAP war die einzige Partei, die in alle sozialen und regionalen Milieus hineinreichte. Die größte Distanz zur Hitlerbewegung hielten gläubige Katholiken, nicht etwa Sozialdemokraten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-01-17 18:14:13
Letzte Änderung am 2013-01-19 11:36:07


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