• vom 05.04.2013, 14:15 Uhr

Zeitgenossen

Update: 05.04.2013, 14:40 Uhr

Theater

Nicholas Ofczarek




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Von Petra Paterno

  • "Ich bewege mich zwischen Disziplin und Exzess"
  • Schauspieler Nicholas Ofczarek über Todesängste, glatt gebügelte Wirklichkeiten, das Wilde und nur schwer Erklärbare seines Berufs - und über Molnárs "Liliom", welche Rolle er im Burgtheater spielt.

"Ich bin und will kein gefälliger Schauspieler sein. Ich spiele meistens seltsame Figuren, oft nicht die sympathischsten." - © Foto: Robert Newald

"Ich bin und will kein gefälliger Schauspieler sein. Ich spiele meistens seltsame Figuren, oft nicht die sympathischsten." © Foto: Robert Newald

"Wiener Zeitung": Die Hauptfigur in Ferenc Molnárs Stück "Liliom", in dessen Premiere Sie im Burgtheater in der Hauptrolle zu sehen sein werden, ist bekanntlich ein Hutschenschleuderer und Karussell-Ausrufer. Wann waren Sie zuletzt im Prater?

Nicholas Ofczarek: Das muss ein, zwei Jahre her sein, gemeinsam mit meiner Tochter. Für mich ist das nichts. Autodrom ginge noch, jede Fahrt mit der Hochschaubahn würde mir Todesängste verursachen. Der Prater treibt ein einziges Spiel mit Ängsten, Gewalten und Geschwindigkeiten, die auf die Besucher einwirken. Ein einziger Spaß am Abgrund.


Sie gehören nicht zu jenen Schauspielern, die für eine Rolle das Milieu vor Ort studieren?

Durchaus. Aber im "Liliom" geht es nicht unbedingt um den Prater, das Stück spielt ja auch abseits davon. Atmosphärisch interessant ist der Prater bestenfalls im Frühjahr oder Spätherbst, wenn alles trist und grau - und nichts los ist.

Information

Zur Person
Nicholas Ofczarek
, geboren 1971 in Wien, gehört zu den bekanntesten und aufregendsten Schauspielern seiner Generation. Der Vielarbeiter ist seit 1994 Ensemblemitglied am Burgtheater und derzeit in fünf Repertoire-Aufführungen zu sehen, darunter Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", Schnitzlers "Professor Bernardi" und Tschechows "Onkel Wanja". Am heutigen Samstag, 6. April, hat seine jüngste Produktion Premiere: Ferenc Molnárs "Liliom". In den vergangenen drei Sommern machte der vielfach ausgezeichnete Darsteller als "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen an der Seite von Buhlschaft Birgit Minichmayr gute Figur.
Auch in etlichen Film- und Fernsehproduktionen wirkte der Sohn der Opernsänger Roberta und Klaus Ofczarek bereits mit, zuletzt verkörperte er den Satan in Florian David Fitzs Spielfilm "Jesus liebt mich". Das Jahr 2012 dürfte so etwas wie sein Durchbruch beim ORF gewesen sein: Er spielte in "Braunschlag", eine der erfolgreichsten ORF-Serien der vergangenen Jahre, den dauerbetrunkenen Disco-Besitzer Richard Pfeisinger und parodierte in der ORF-Satirereihe "Wir Staatskünstler" so unterschiedliche Charaktere wie Niko Pelinka, Michael Häupl oder Angela Merkel. Neben seinen Engagements unterrichtet er am Max-Reinhardt-Seminar Sprecherziehung und ist u.a. beim Wohltätigkeitsverein "Wiener Tafel" tätig.
Ofczarek ist mit der Schauspielerin Tamara Metelka verheiratet und hat mit ihr eine Tochter.

Vor der ersten Probe: Wie viel wussten Sie von der Figur des Liliom?

Ich hatte eine Ahnung vom Stück und beherrschte meinen Text. Je mehr man probt, desto eher begreift man, was man alles nicht weiß, wie rätselhaft dieses Stück im Grunde ist und bleibt.

Wie beurteilen Sie den Vorstadt-Casanova und dessen verfehltes Leben nun?

Das fällt mir schwer, da ich keinen Außenblick mehr habe. Vorstadt-Casanova, Frauenschwarm: Das sagt sich so leichthin über die Figur, vielleicht ist sie das alles ja auch. Auf der Bühne ist dann aber ein Mensch zu sehen, der das ganze Stück über falsche Entscheidungen trifft und einen seltsamen Stolz hegt. Man wird Zeuge, wie ein Verlierer weiter und immer wieder verliert.

Man möchte ihn förmlich wachrütteln.

Das hätte wahrscheinlich wenig Sinn. Nicht weil Liliom ein schlechter Mensch ist, sondern weil er eben so ist, wie er ist. "Liliom" ist auch ein Stück über Sprachlosigkeit. Der Hauptfigur stehen nicht viele Worte zur Verfügung. Sie ist in sich gefangen und andauernder Willkür ausgesetzt. Weiß Liliom nicht weiter, schlägt er zu - weil er nicht anders kann.

Grundlage des Stücks ist ein Märchen. Und diese enden zumeist gut.

Nicht "Liliom". Das Stück ist von einer düsteren, dunklen, rätselhaften Poesie durchzogen.

In Ihrer Laufbahn sind Sie bereits viele Bühnentode gestorben. Wie fühlt es sich an, wenn man einen Toten spielt und auf den Bühnenboden kracht?

Man setzt sich intensiv mit den Umständen auseinander, die zum Tod führen. Der Akt selbst, das Sterben sozusagen, ist eher ein technischer Vorgang, zu dem jede Menge Handwerk gehört. Gewisse Formen des Selbstmords kann ich durchaus nachvollziehen: etwa den Sturz von einer Brücke, oder das Stolpern vor einen Zug.

Wie Liliom jedoch Hand an sich selbst legt, ist besonders grausam: Er rammt sich ein Küchenmesser in den Leib, verfehlt das Herz und lebt noch eine Zeit lang weiter.

Ein Selbstmord, der Sie nachhaltig beschäftigt.

Ja. Dabei geht mir weniger das Sterben nahe, mehr die Tatsache, dass alles unerlöst bleibt. Gewalt und Liebe überlagern sich, es gibt kein Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß. Dadurch kommt das Stück dem Leben sehr nahe - und bleibt bis zuletzt rätselhaft.

Erhöht ein gewisser Bekanntheitsgrad als Schauspieler den Erfolgsdruck vor einer Premiere?

Ich würde genauso ringen, wenn ich nicht bekannt wäre, weil es stets um den Anspruch an sich selbst geht. Bekanntheit erhöht eher den Druck. Beruhigend wirkt sie jedenfalls nicht.

"Zweifel und Aggression", schrieb einst die deutsche Regisseurin Karin Beier, seien Ihr Motor, vergleichbar der explosiven Kraft eines Vulkans. Beiers Fazit: "Niki ist ein Monster." Sehen Sie bei sich tatsächlich Urgewalten mit im Spiel?

Es gibt etwas an diesem Beruf, das sich nur schwer erklären lässt, das ich mir selbst nur schwer klar machen kann. Es handelt sich um etwas Unwägbares, etwas wirkliches Wildes. Man zapft tief in sich etwas an, das durch einen hindurch geht. Theater hat viel mit Entäußerung zu tun. Ich glaube, dass man in diesem Beruf bar zahlt.

Wollten Sie je einen anderen Beruf ausüben?

"Während der Proben gehe ich mit meinen Ressourcen komplett verschwenderisch um. Auf gewisse Weise löse ich mich in mir selbst auf": Nicholas Ofczarek beim Interview im Burgtheater.

"Während der Proben gehe ich mit meinen Ressourcen komplett verschwenderisch um. Auf gewisse Weise löse ich mich in mir selbst auf": Nicholas Ofczarek beim Interview im Burgtheater.© Foto: Robert Newald "Während der Proben gehe ich mit meinen Ressourcen komplett verschwenderisch um. Auf gewisse Weise löse ich mich in mir selbst auf": Nicholas Ofczarek beim Interview im Burgtheater.© Foto: Robert Newald

Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Mir war immer klar, dass ich etwas mit Theater machen muss - und werde.

Sie sind in einem künstlerischen Umfeld aufgewachsen: Ihre Eltern waren Operettensänger mit häufig wechselnden Engagements. Wie reagierten Sie als Kind darauf?

Nachdenklich und unsicher, keineswegs depressiv, eher aufgeschlossen, im tiefsten Inneren einsam und ängstlich.

Haben Sie gegen die Welt Ihrer Eltern rebelliert?

Nicht gegen deren Kunst. Theater und Oper sind faszinierende Berufsfelder, trotz der grausamen Aspekte. Auf persönlicher Ebene begehrte ich gegen meine Eltern sehr wohl auf.

Opernsänger, heißt es, würden zur Stimmschonung ein diszipliniertes Leben führen. Als allzu asketisch sind Sie freilich nicht bekannt.

Meine Mutter war eine sehr disziplinierte Sängerin, mein Vater weniger. Ich bewege mich zwischen Disziplin und Exzess. Während der Proben gehe ich mit meinen Ressourcen komplett verschwenderisch um. Auf gewisse Weise löse ich mich in mir selbst auf, wobei Schauspielen ein anderer Beruf als Singen ist.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-04-05 12:20:14
Letzte Änderung am 2013-04-05 14:40:41


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