• vom 26.06.2013, 12:29 Uhr

Zeitgenossen

Update: 20.07.2013, 13:32 Uhr

Porträt

Erinnerung an Thomas Mally




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Von Robert Schediwy

  • Seit 7. Jänner ist er abgängig

Seit 7. Jänner ist Thomas Mally abgängig.

Seit 7. Jänner ist Thomas Mally abgängig.
© Helmut Hubeny Seit 7. Jänner ist Thomas Mally abgängig.
© Helmut Hubeny

Seit Anfang Jänner 2013 ist Thomas Mally abgängig. Er war unser Schulgenie.

Schon  bald nachdem er maturiert hatte, erzählte man sich Wunderdinge über seine Kenntnisse und Fähigkeiten: Er beherrschte angeblich 12 Sprachen - oder waren es 40? Er gab Nachhilfe in Darstellender Geometrie ebenso wie in Deutsch, Mathematik, Latein oder Englisch - und das mit größtem Erfolg.


Dabei blieb er bescheiden, humorvoll und unprätentiös.

Thomas interessierte sich auch für Folksongs. Er besaß eine große einschlägige Plattensammlung, von Theodore Bikel bis zu den Clancy Brothers, und da durfte ich mir LPs auf mein Tonbandgerät überspielen.  Dadurch kamen wir gelegentlich zusammen und diskutierten Dinge wie die Schönheit der Trixi Neundlinger von den "Milestones" - oder ob es im Lied "The Foggy Dew" über den Osteraufstand 1916 "Britannia's sons" oder gar "Britannia's Huns" heiße. Thomas wohnte gleich ums Eck von mir,  sehr bescheiden, bei seiner verwitweten oder geschiedenen Mutter. Das war am Neubaugürtel, in einer Zimmer-Küche-Kabinettwohnung. Sie nannte ihn Tommerle, was mich leicht frösteln machte, und meine Mutter wunderte sich, die beiden Hand in Hand am Urban Loritzplatz gesehen zu haben

Thomas war vier Jahre älter als wir, aber er kam im Sommer 1965, vermittelt durch unseren Klassenvorstand Inge Menkes, mit auf unsere Maturareise nach Russland. Da war er schon Russischkenner und zugleich im Dissertationsstadium, beim Altgermanisten Otto Höfler, von dem es später hieß, er habe für die SS Mythenforschung gepflegt Höfler war offenbar ein unangenehmer Patron, der immer wieder die Einarbeitung weiterer Literatur forderte - und das hieß damals,  im Vor-Computerzeitalter, dass große Teile einer Reinschrift mehrfach unbrauchbar wurden.

Wieviel von dieser Dissertation wirklich existierte und ob es nicht vielleicht Spannungen mit Höfler gab, die anderen Quellen entsprungen waren, weiß ich nicht. Tatsache ist, dass ich zunehmend Sorge um Thomas empfand. 1969 hatte ich mein - eher ungeliebtes -  Jusstudium im Eiltempo hinter mich gebracht und mich erfolgreich um ein Fulbright-Stipendium beworben. Thomas, seine Mutter nannte ihn immer noch Tommerle, gab weiter Nachhilfestunden. Er war mittlerweile 26 und hatte von Altgermanistik auf  Spanischdolmetsch umgesattelt. Der entsprechende Studienzweig wurde damals von einem Lektor beherrscht, der auch nicht ganz das "Gelbe vom Ei" war. Dieser ließ seine Skripten von studentischen Gefolgsleuten um einen Schilling pro Seite verkaufen und hielt während der Vorlesungen Vokabelprüfungen ab. Seine Sicht der neueren spanischen Geschichte war, wie ich mich selbst überzeugen konnte, durch eine gewisse Fixierung auf die hintergründige Rolle des Freimaurertums gekennzeichnet. Vorwürfe weiblicher Studenten gegen ihn wurden später Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.

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Porträt, Erinnerung, Thomas Mally

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-06-26 12:30:05
Letzte Änderung am 2013-07-20 13:32:56


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