• vom 19.07.2013, 13:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 12.08.2013, 10:16 Uhr

Philosophie

"Dann sitzen wir in unseren Gehirnen fest"




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (23)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Piotr Dobrowolski

  • Peter Strasser
  • Der Grazer Philosoph Peter Strasser legt sich mit der Hirnforschung an und findet es nicht schlecht, zuweilen Bäume zu umarmen.

"Wenn man sich nicht auskennt, sollte man eben wissen, dass man sich nicht auskennt. Das ist natürlich eine etwas unzeitgemäße Forderung." Peter Strasser - © Foto: J.J. Kucek

"Wenn man sich nicht auskennt, sollte man eben wissen, dass man sich nicht auskennt. Das ist natürlich eine etwas unzeitgemäße Forderung." Peter Strasser © Foto: J.J. Kucek

"Wiener Zeitung": Herr Strasser, haben Sie ein Gehirn?

Peter Strasser: Bevor ich Ihnen das verrate, würde ich gerne wissen, warum Sie diese Frage stellen. Ich meine: Das ist ja eigentlich eine dumme Frage.


Ich frage danach, weil es die Ansicht gibt, dass nicht wir ein Gehirn haben, sondern dass das Gehirn uns hat. Oder anders gesagt, dass alles, was wir tun, nicht aus freien Stücken erfolgt, sondern von den physiologischen Vorgängen im Gehirn vorbestimmt ist.

Das ist tatsächlich eine in der heutigen Hirnforschung weit verbreitete Position. Konsequent weitergedacht bedeutet sie, dass ich in meiner Gewissheit, ein Ich zu haben oder eine Person zu sein, einer Illusion unterliege. Denn der Eindruck, selbstbewusst und frei zu handeln, wird vom Gehirn schlicht und einfach nach den Gesetzen der Neurochemie erzeugt. Eine Frage stellt sich in diesem Zusammenhang allerdings schon: Wie kann ein Organ, das Hirn, das selbst kein Bewusstsein hat, dennoch Bewusstsein schaffen? Wie geht das? Wie entsteht aus Nichtbewusstsein Bewusstsein? Das ist eine Frage, um die sich Hirnphysiologen nicht zufällig herumdrücken.

Trotzdem sind heute nicht Hirnphysiologen in der Defensive, sondern eher jene, die wie Sie darauf beharren, dass es neben dem Organ Hirn noch etwas anderes geben muss: die Seele, eine immaterielle Psyche, den Geist, was auch immer.

Information

Zur Person
Peter Strasser
, geboren 1950, ist Professor für Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz. In zahlreichen Büchern beschäftigt er sich mit Fragen der Ethik, der Rechtsphilosophie, der politischen Philosophie und Religionsphilosophie.
Sein jüngstes Buch ist heuer im Wilhelm-Fink-Verlag erschienen und trägt den Titel "Ratlosigkeit". Strasser, der auch eine rege journalistische Tätigkeit entwickelt, ist ein ebenso vehementer wie pointierter Verteidiger der Position, dass die aktuellen Erkenntnisse der Hirnforschung noch lange nicht den vorschnellen Schluss erlauben, der freie Wille des Menschen wäre eine Illusion.

Peter Strasser: Ratlosigkeit. Ein Stimmungsbericht. Wilhelm Fink Verlag, München 2013, 214 Seiten, 22,90 Euro.

Das mit der Defensive stimmt natürlich. Ich glaube aber, dass in der ganzen Diskussion etwas übersehen wird. Der gehirnphysiologische Reduktionismus sagt, dass wir die Welt einzig und allein aufgrund der Funktion unseres Gehirns wahrnehmen. Er sagt, dass Erlebnisse und Erfahrungen, die zur Folge haben, dass wir die Welt so wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen, etwas von unserem Gehirn Produziertes sind. Zugleich versucht der gehirnphysiologische Reduktionismus seine These aber ausgerechnet dadurch zu untermauern, dass er sich auf naturwissenschaftliche Gesetze beruft, von denen er offensichtlich doch annimmt, dass sie unabhängig von unserem Gehirn existieren. Sonst müsste er ja sagen, dass auch die Außenwelt eine Illusion ist, weil sie eine Hervorbringung unseres Gehirns ist. Das kann man natürlich tun, nur ist das die Schnellstraße in den Solipsismus. Wir sitzen dann in unseren Gehirnen fest, mit allen hässlichen Konsequenzen. Vor allem mit der Konsequenz, dass wir keinen Zugang zur Außenwelt mehr haben, der nicht ein vom Gehirn produzierter Effekt wäre. Und dann könnten wir uns eigentlich gar nicht mehr über die Außenwelt verständigen.

Weil wir uns alles, was um uns ist, nur eingebildet haben.

Genau. Und wir sind auch mit dem alten Problem des Solipsismus konfrontiert, das da heißt: Was bedeutet die Behauptung, ich würde existieren, wenn alles, auch meine Existenz, bloß eine Hervorbringung meines Gehirns ist? Das ist übrigens der Punkt, an dem sich meiner Ansicht nach der gehirnphysiologische Reduktionismus in die Luft sprengt. Alles, was wir über das Gehirn wissen, ist, wenn man der hirnphysiologischen Theorie folgt, selbst vom Gehirn produziert. Wenn das stimmt, dann ist unser vermeintliches Wissen über das Gehirn am Ende aber genauso eine Illusion wie die Annahme, dass wir ein Ich oder einen freien Willen haben. Wenn wir uns auf diese Folgerung einigen, dann wissen wir zwar noch immer nicht, wie sich nun das Gehirn und das Bewusstsein zueinander verhalten, aber wir wissen zumindest, dass mit dem gehirnphysiologischen Reduktionismus etwas nicht stimmen kann.

Soweit würde ich mitgehen. In ihrem jüngsten Buch mit dem Titel "Ratlosigkeit" gehen Sie aber einen Schritt weiter und beklagen, dass wir heute in einer entseelten Welt leben.

Ich verstehe nicht, warum Sie bei dieser Feststellung nicht mehr mitgehen können sollten. Die Mehrheit der Menschen, die von sich behaupten, rational und wissenschaftlich zu denken, würde doch sagen: Die Seele ist ein Relikt mythologischer und religiöser Zeiten und daher unzeitgemäß geworden, begraben durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Was ist daran aus rationaler Sicht auszusetzen?

Wer sagt, die heutige Welt sei entseelt, sagt damit implizit, dass sie früher einmal beseelt war. Und da schwingt für mich mit: damals, in der guten alten Zeit, als wir alle noch mehr bei uns waren . . .

Naja. Wenn man die Geschichte der Seele betrachtet, merkt man sehr schnell, dass die Idee, eine Seele zu haben, für die Menschen nur selten bedeutete, besonders nahe bei sich zu sein. Die Seele war eher ein Grund für allerlei Furcht und Zittern. Heute ist die Seele für viele allerdings nicht mehr etwas, wonach der Teufel gewissermaßen mit glühenden Zangen greift. Wenn ich in meinem Buch von entseelter Welt schreibe, dann meine ich damit eher, dass es heute sehr schwer geworden ist, sich auf die Psyche als eigenständige Instanz zu berufen. Es gab eine Zeit, da galt die Psyche als ein Gegenprinzip zum Materialismus. Inzwischen hat sich allerdings auch die Psychologie mit den Naturwissenschaften ins Bett gelegt. Wenn heute noch von der Psyche geredet wird, dann vor allem deshalb, weil es bequem ist, etwas psychisch zu nennen, wenn man die exakten physiologischen Hintergründe nicht benennen kann. Aber auch bei dieser Art zu sprechen bleibt die Annahme bestehen, dass im Prinzip alles physiologisch erklärbar ist. Wenn ich von Seele rede, will ich hingegen darauf hinweisen, dass wir doch irgendwie mehr sein müssen als unsere Physiologie, weil wir sonst in unseren Gehirnen gefangen wären. Das meine ich mit Seele - und das muss jetzt nicht unbedingt die Seele in ihrer vollen katholischen Adjustierung sein.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-07-18 21:08:02
Letzte Änderung am 2013-08-12 10:16:12


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos
  2. Republik für ein paar Stunden
  3. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"
  4. "Ich bin doch nur ein Depp"
  5. Vom Outlaw zum Mörder
Meistkommentiert
  1. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"
  2. Kennedys sorgsam gepflegter Mythos


Werbung