• vom 23.08.2013, 13:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 19.03.2014, 19:08 Uhr

Josef Haslinger

"Eine lebendige Streitkultur ist unerlässlich"




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"In einer Zeit, in der die öffentlichen Werte keine Selbstverständlichkeit sind, steht es Intellektuellen gut an, sich einzumischen" - Josef Haslinger im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.

"In einer Zeit, in der die öffentlichen Werte keine Selbstverständlichkeit sind, steht es Intellektuellen gut an, sich einzumischen" - Josef Haslinger im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.
© Foto: Eva Wahl "In einer Zeit, in der die öffentlichen Werte keine Selbstverständlichkeit sind, steht es Intellektuellen gut an, sich einzumischen" - Josef Haslinger im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.
© Foto: Eva Wahl

In einer Zeit, in der die öffentlichen Werte keine Selbstverständlichkeit sind, steht es Intellektuellen gut an, sich einzumischen. Es gibt ja keine Wertegrundsicherung, kein klares Fundament, in dem alles verankert ist. Es gibt keinen Kodex, der endgültig ist, kein Gesetz, das durch unumstößliche Kaiser- oder Gottesmacht gesichert wäre. Die Werte sind so lange gesichert, wie die Menschen dafür einstehen. In dem Augenblick, in dem sie es nicht mehr tun, kippt die Sache. Wenn irgendwo eine rassistische Partei Stimmung macht und Anklang findet, ändert sich das Wertebild dieser Gesellschaft. Feindbilder können schnell attraktiv werden. Davor ist keine Gesellschaft gefeit. Es muss Menschen geben, die versuchen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Eine lebendige Streitkultur ist unerlässlich für eine offene Gesellschaft Das Feld der Meinungsbildung darf nicht den Geschäftemachern allein überlassen werden.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sich Intellektuelle eher von der Öffentlichkeit zurückgezogen haben? In der Nachkriegszeit verhielt es sich ja genau umgekehrt und es wurde gerade an Schriftsteller auch ein moralischer Anspruch gestellt.

Diese Entwicklung hat tatsächlich viel mit dem Ende des Kalten Krieges zu tun. Das intellektuelle Streitgespräch war in hohem Maße politisiert, das hieß von Links- und Rechtsdenken dominiert. Es gab eine linke Intellektualität und es gab eine konservative Intellektualität, auch wenn es innerhalb dieses Spektrums viele Differenzierungen gab, war der Diskurs mitbestimmt von der Konkurrenzsituation dieser beiden Lager - und beide legten Wert auf ein intellektuelles Fundament. Mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems des Ostens lautete die Botschaft, die den Intellektuellen und Schriftstellern immer wieder vonseiten der Öffentlichkeit ausgerichtet wurde: Kümmert euch um eure Literatur, alles andere ist im Grunde erledigt. Das, glaube ich, war sehr kurzsichtig und hat viele, die sich davor eingemischt haben, zum Schweigen gebracht.

Sie sind seit 1996 Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Wie schätzen Sie das derzeitige Interesse junger Schriftsteller an gesellschaftspolitischen Fragen ein?

Momentan haben wir es mit einer fundamentalen Umstrukturierung des literarischen Geschehens zu tun. Ausschlaggebend dafür ist die Tatsache, dass sich mittlerweile ein Gutteil der Literatur nicht mehr in Büchern abspielt, sondern im Netz. Abseits der traditionellen Strukturen der Literatur hat sich eine Fülle anderer Rezeptionsformen entwickelt, die wieder so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl unter den Literaturschaffenden aufkeimen lässt. Die neuen Autorengruppen sind nicht so politisch orientiert, wie das vielleicht vor 25 Jahren der Fall war, sondern eher pragmatisch ausgerichtet, aber es sind Gruppen, die wieder das Gemeinsame in den Fokus stellen.

Dieses Gemeinschaftsgefühl war in den letzten Jahren abhanden gekommen?

Das schien völlig abhanden gekommen zu sein, weil eine ganze Generation lang jungen Autoren immer nur vermittelt wurde, dass es einzig und allein um Selbstvermarktung gehe.

Nun zu Ihrer Lehrtätigkeit in Leipzig. Der Andrang an Ihr Institut ist enorm, jährlich bewerben sich zwischen 500 und 600 junge Autorinnen und Autoren, ausgewählt werden letztlich nur rund 20. Kann man schreiben tatsächlich lehren?

Nein, aber man kann es lernen. Wir sind zehn Lehrkräfte am Institut, allesamt Schriftsteller, niemand käme auf die Idee, jemand anderen zu sagen, wie er schreiben solle. Was man allerdings tun kann, ist den Möglichkeitsraum des Schreibens auszuloten.

Was darf man sich darunter vorstellen?

Man kann über eigene Texte und Texte von anderen Autoren sprechen, man kann über Entwicklungsmöglichkeiten von Texten sprechen, über stilistische Gestaltungsweisen, über literarische Techniken, die beim einen Text funktionieren, beim anderen nicht. Über all das kann man diskutieren. Wenn man mehr Möglichkeiten kennenlernt, hat man auch mehr Möglichkeiten, sich zu entwickeln.

Welche namhaften Autoren zählen zu den Absolventen Ihres Instituts?

Unter anderen Juli Zeh, Clemens Meyer, Olga Grjasnowa oder auch Katharina Hartwell, die gerade ihren Master-Abschluss erworben hat. Ihr Roman "Das fremde Meer" wird im Herbst im Berlin Verlag erscheinen.

Nach welchen Kriterien werden die Autoren ausgewählt, die an Ihrem Institut studieren dürfen?

Wir wählen diejenigen aus, von denen wir denken, dass ein Studium bei uns für sie ein hilfreicher und produktiver Weg sein könnte. Im Institut möchten wir die Entwicklungsspielräume so groß wie möglich halten. Es kommt vor, dass sich jemand mit Prosa bewirbt und sich zu einem Lyriker oder Dramatiker entwickelt. Das Schöne und Interessante an dieser Arbeit mit meist jugendlichen Autoren ist, dass man, im Gegensatz zu anderen Lehrsparten, keine vorgegebenen Stoffe vermittelt. Der Stoff, um den es primär geht, ist das Leben dieser Menschen. Man erfährt viel in literarischen Texten.

Die tschechische Stadt Jachymov ist Schauplatz und Titelgeber für Haslingers bisher letzten Roman.

Die tschechische Stadt Jachymov ist Schauplatz und Titelgeber für Haslingers bisher letzten Roman.© Foto: Straktur/Wikimedia Commons Die tschechische Stadt Jachymov ist Schauplatz und Titelgeber für Haslingers bisher letzten Roman.© Foto: Straktur/Wikimedia Commons

Wie haben Sie persönlich Ihren Einstieg in die Literaturszene geschafft?

Ich bin als ganz junger Autor zu der Gruppe "Wespennest" gekommen, wo ich auch meine ersten Texte veröffentlicht habe. Das war sehr prägend für mich und hatte auch Einfluss auf mein Schreiben und meine politische Haltung.

Ein Credo von Ihnen lautet, dass man nur über das schreiben sollte, was einen selbst berührt. Man müsse den Punkt finden, wo die Geschichte das eigene Leben berührt. Welcher persönliche Impuls war für Ihren letzten Roman "Jáchymov" ausschlaggebend? Da rollen Sie das tragische Schicksal des ehemaligen tschechischen Eishockey-Torwarts Bohumil Modrý auf, der unter dem stalinistischen Regime an den Folgen eines Arbeitslageraufenthalts starb.

Diese Geschichte habe ich bereits 1988 von Bohumils Tochter Blanka Modra erzählt bekommen. Sie ist Schauspielerin und wirkte damals in der Kulisse in meiner politischen Revue "Karfreitag, 1. Mai" mit. Zum damaligen Zeitpunkt hätte ich mir nicht vorstellen können, mich über diesen Stoff zu wagen, alles schien viel zu weit weg.

"Das gute Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben, ist ja bekanntlich auch nicht zu verachten." Josef Haslinger

"Das gute Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben, ist ja bekanntlich auch nicht zu verachten." Josef Haslinger© Foto: Eva Wahl "Das gute Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben, ist ja bekanntlich auch nicht zu verachten." Josef Haslinger© Foto: Eva Wahl

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Dokument erstellt am 2013-08-22 19:56:09
Letzte Änderung am 2014-03-19 19:08:52


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