• vom 28.06.2014, 11:00 Uhr

Zeitgenossen


Erster Weltkrieg

"Unsere Zeitgenossen"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christa Hager

  • Wolfgang Maderthaner, Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, denkt über Sinn und Unsinn von Gedenkjahren nach und erläutert Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs.

"Historisches Gedenken ist nur dann sinnvoll, wenn es einen Beitrag zum Problembewusstsein beisteuern kann", sagt Wolfgang Maderthaner im Gespräch. - © J. Kerviel

"Historisches Gedenken ist nur dann sinnvoll, wenn es einen Beitrag zum Problembewusstsein beisteuern kann", sagt Wolfgang Maderthaner im Gespräch. © J. Kerviel

"Wiener Zeitung": Gedenkjahre wie das zu 1914 bieten die Chance, das Wissen der Geschichtswissenschaft aus dem Elfenbeinturm zu holen. Wird diese auch genutzt?

Information

Zur Person: Wolfgang Maderthaner, geboren 1954 in Waidhofen an der Ybbs, ist Historiker und Kulturwissenschafter. Von 1983 bis 2012 leitete er als Geschäftsführer den Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung in Wien, 2012 wurde er zum Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs berufen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Massen- und Popularkultur, Theorie der Moderne, Fordismus und Postfordismus sowie europäische Kultur- und Mentalitätsgeschichte.

Ausgewählte Publikationen:
  • Wolfgang Maderthaner, Michael Hochedlinger: Untergang einer Welt. Der Große Krieg 1914-1918 in Photographien und Texten. Brandstätter Verlag, 2013, 320 Seiten.
  • Michaela Maier, Wolfgang Maderthaner: Im Bann der Schattenjahre: Wien in der Zeit der Wirtschaftskrise 1929 bis 1934. Echomedia, 2012, 224 Seiten.
  • Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt: Das andere Wien um 1900. Campus Verlag, 1999, 238 Seiten.


Wolfgang Maderthaner: Solche Gedenkjahre bieten sicherlich einen guten Anlass, sich ernsthaft in einer breiten Öffentlichkeit mit Ereignissen wie dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Das ist ja bisher nicht wirklich passiert. Allerdings sind Jubiläen oder Gedenkjahre das Gegenteil von kritischen Geschichtswissenschaften. Historisches Gedenken ist nur dann sinnvoll, wenn es einen Beitrag zum Problembewusstsein beisteuern kann. Was meist stattfindet, ist allerdings das Gegenteil, in der breiten Basis und in der Fülle an Publikationen stehen moralische Fragen im Vordergrund. Hinzu kommt, dass die Mittel, die uns die Geschichtswissenschaft zur Verfügung stellt, nicht ausreichen, den Ersten Weltkrieg zu erklären. Ich denke hierbei vor allem an das hysterische Abfeiern des Krieges, an die kollektiven Psychosen. Um mit Musil zu sprechen. "Wir haben’s getan, sie haben’s getan; das ist keiner, das ist Es". Musil verweist hier auch auf den tiefgreifenden kulturellen Wandel, der sich im Zuge des Krieges vollzog.

Wie lässt sich dieser Wandel erklären?

Der Krieg bedingte eine Reihe von Revolutionen, nicht nur die bolschewistische in Russland, sondern auch eine technische und technologische, sowie eine ökonomische - vor allem was die Organisation der Produktion betrifft. Da konnte die Gesellschaft als Ganzes nicht mehr mit. Walter Benjamin brachte das auf den Punkt, als er schrieb " . . . dass die soziale Wirklichkeit nicht reif war, die Technik sich zum Organ zu machen, dass die Technik nicht stark genug war, die gesellschaftlichen Elementarkräfte zu bewältigen". Dieses fatale Auseinanderdriften ist ein zentraler Aspekt dieser Transformation. Es tat sich eine enorme Kluft auf zwischen sozialer Praxis und technologischer Entwicklung. Der Krieg galt als eine Art technoromantisches Abenteuer, dahinter stand eine massive und anonyme Kriegsmaschinerie. Ludwig Wittgenstein etwa, der als Artilleriebeobachter an vorderster Front den Krieg erlebte, kann man als Prototyp dieses neuen, kühnen Kriegers sehen: Anstelle von physischer Konstitution zählten Nervenstärke, psychische Belastbarkeit und Selbstkontrolle.

Zurück zum "Es": Einer der überraschendsten Kriegsbefürworter damals war Sigmund Freud.

Selbst Freud sagte zu Kriegsbeginn, da passiert etwas, da gehen die Miasmen weg, da kommt etwas Neues auf uns zu. Und er nahm wie viele andere Intellektuelle seiner Zeit an, dass der Krieg ein kurzer sein würde. Allerdings war Freud auch einer der Allerersten, der den Krieg als wütende Bestie, die sich alles unterordnete, beschrieb. So thematisierte er bereits Ende 1914 in einer Schrift die "Enttäuschung des Krieges". Dabei entwickelte er auch seine Theorie der Regression - also dass jedes vermutete Kulturniveau des Menschen in einen primitiven Naturzustand zurück sinkt, sobald Zivilisationen im Krieg untergehen.

Andere Intellektuelle stellten sich indessen voll in den Dienst der Kriegspropaganda.

Es herrschte eine geradezu unbeschreibliche Kriegseuphorie. Man meinte, dass der Krieg das Alte, das Morsche, das Abgelebte einfach wegfegen würde. Man ging von einer großen Katharsis, von einer Purifikation der Gesellschaft aus, dass es ganz im Sinne des Sozialdarwinismus zu einer Auslese der Besten kommen würde. Stefan Zweigs "Die Welt von gestern" gibt wohl das beste Zeugnis von dieser Kriegsbegeisterung ab, die im Wesentlichen alle Intellektuellen erfasste. Nur Schnitzler schwieg. Und Karl Kraus, der großen Apokalyptiker, sah sich durch den Krieg in seinen Thesen bestätigt.

Die anderen wesentlichen Literaten dieser Epoche, wie Musil, Zweig, Bahr, Polgar oder Salten, wagten den Versuch der Ästhetisierung des Sterbens für das Vaterland. Und in einigen Fällen produzierten sie dabei auch große Literatur. Musils Beiträge von der Front, die Attraktion des Dunklen, des Freudschen Unbehagens an der Kultur zeugen davon. Aber ein signifikanter Teil entzog mit zunehmender Fortdauer dem Krieg die Unterstützung. Stefan Zweig etwa, der zuerst im Kriegspressequartier arbeitete, führte im Februar 1918 in Zürich mit großem Erfolg sein pazifistisches Drama "Jeremias" auf.

Andererseits weiß man, dass die Kriegsbegeisterung der Intellektuellen auch an einen gewissen Pessimismus gekoppelt war.

Schon sehr bald war eine latent defätistische Stimmung evident, man wusste eigentlich seit Beginn des Krieges, dass er nur zu verlieren war. Wittgenstein zum Beispiel schrieb schon im Oktober 1914 in sein geheimes Tagebuch: "Die Engländer - die beste Rasse der Welt - können nicht verlieren! Wir aber können verlieren und werden verlieren, wenn nicht in diesem Jahr, so im nächsten!"

Obwohl der Große Krieg auch auf anderen Erdteilen ausgetragen wurde und viele Soldaten keine Europäer waren - rund ein Fünftel der britischen Soldaten etwa stammten aus dem indischen Subkontinent -, wird er fast ausschließlich mit dem Blick auf Europa abgehandelt. Ein großes Versäumnis?

weiterlesen auf Seite 2 von 3




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-06-26 17:20:10
Letzte Änderung am 2014-06-27 21:00:19


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Botschaft der Rosa Delfine
  2. "Denkmalschutz für unsere letzten Urwälder"
  3. Kein Stern, der deinen Namen trägt
  4. Verliebt in Flugsaurier
  5. Traktat eines Unorthodoxen
Meistkommentiert
  1. Traktat eines Unorthodoxen
  2. Krieg der Knopfdrücke
  3. "Denkmalschutz für unsere letzten Urwälder"
  4. "Man ist ja selber wie eine Melodie"


Werbung