• vom 11.07.2014, 12:23 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Jedes Haus hat erogene Zonen"




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Von Christine Dobretsberger

  • Gustav Peichl spricht über den Zusammenhang von Architektur und Funktion, die Anonymität heutiger Bauherrschaft, den Humor von Bauwerken - und erzählt, wie er als Karikaturist zu seinem Namen "Ironimus" gekommen ist.

"Ich pflege die politische Karikatur mit Humor und nicht mit Bösartigkeit. Ich kann auch hart mit den Leuten umgehen, aber mein Anliegen ist, nie gemein und vulgär zu sein." Gustav Peichl - © Foto: Robert Wimmer

"Ich pflege die politische Karikatur mit Humor und nicht mit Bösartigkeit. Ich kann auch hart mit den Leuten umgehen, aber mein Anliegen ist, nie gemein und vulgär zu sein." Gustav Peichl © Foto: Robert Wimmer

"Wiener Zeitung": Herr Peichl, wir sind hier in Ihrem Haus in Grinzing, das auch Ihr erstes realisiertes architektonisches Werk ist. Obwohl das Haus mittlerweile über 50 Jahre alt ist, kann man es als zeitlos modern bezeichnen. Sehen Sie das auch so?

Gustav Peichl: Es ist ein Klassiker geworden und stößt speziell bei japanischen Architekturstudenten auf großes Interesse. Die Herausforderung bei diesem Projekt war die Tatsache, dass die bebaubare Fläche nur fünfeinhalb Meter breit ist.


Das entspricht der Breite eines größeren Zimmers. Deshalb sind die Etagen wie eine Stiege zueinander verschoben übereinander gebaut. Jede der drei Etagen erfüllt eine andere Funktion.

Dass die Funktion eines Bauwerks stimmen muss, zählt auch zu Ihrem architektonischen Credo, egal ob es sich um ein Wohnhaus handelt oder um ein Mu-seum . . .

Information

Zur Person
Gustav Peichl
, geboren 1928 in Wien, Architekturstudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Clemens Holzmeister. 1955 eröffnete er ein eigenes Architekturbüro; 1991 erfolgte die Gründung des Ateliers Peichl & Partner. Von 1973-1996 leitete Gustav Peichl die Meisterschule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen u.a. die ORF-Landesstudios, der Millennium Tower (gemeinsam realisiert mit Boris Podrecca und Rudolf F. Weber), die Bundeskunsthalle in Bonn, der Anbau des Städelmuseums in Frankfurt, die Kindertagesstätte des Deutschen Bundestags in Berlin, das Karikaturmuseum Krems sowie die Messe Wien Neu.
Seit 1949 wirkt Peichl auch als Karikaturist unter dem Pseudonym "Ironimus". Seit 1954 wurden seine Karikaturen in der "Presse", der "Süddeutschen Zeitung" sowie in der Schweizer "Weltwoche" veröffentlicht.
Auszeichnungen (Auszug): Großer Österreichischer Staatspreis für Architektur (1971), Mies van der Rohe Award (1986), Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1997), Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold (1998), Johann-Nestroy-Ring (2000), Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (2013).
Literaturhinweis: Gustav Peichl: Der Doppelgänger. Architekt und Karikaturist. Böhlau Verlag 2013, 180 Seiten, 24,90 Euro.

Ja, alles hat eine eigenständige Architektur. Ich kann nicht ein Museum wie ein Wohnhaus bauen und ein Wohnhaus nicht wie ein Spital. Daher ist die Funktion für den Architekten sehr wichtig. Leider muss man sagen, dass es viele neue Bauten gibt, bei denen die Architekten zu wenig auf die Funktionalität geachtet haben.

An welche Bauwerke denken Sie da im Speziellen?

Zum Beispiel an das Haashaus. Aus architektonischer Sicht hat Hans Hollein hier ein sehr interessantes Designwerk geschaffen, aber nach kürzester Zeit haben die Geschäfte umgebaut werden müssen, weil sie nicht funktioniert haben. Dann hat der Besitzer gewechselt und nun ist das Haashaus ein Nobelhotel. Auch Zaha Hadid, die eine sehr intelligente und interessante Person ist, baut eher für den Fotoapparat und weniger für die Funktion.

Ihr architektonisches Schaffen ist sehr heterogen und reicht von den ORF-Landesstudios, der Bundeskunsthalle in Bonn bis hin zum Millennium Tower, den Sie gemeinsam mit dem Architekten Boris Podrecca realisiert haben. Wie kam es zu diesen unterschiedlichen Aufträgen?

Ich habe nie auf einen Auftrag gewartet, sondern an Wettbewerben teilgenommen. Viele meiner Bauherrn waren extravagante, großartige Typen, beispielsweise Claus Peymann.

Sie sprechen von der Realisierung der Burgtheater-Probebühnen im Wiener Arsenal?

Ja, Peymann hat immer alles besser gewusst und ich habe mit ihm ununterbrochen gestritten. Aber stur wie ich manchmal sein kann, habe ich mich durchgesetzt. Da war er anfangs zwar verärgert, aber danach glücklich, weil alles gut funktioniert hat. Gerd Bacher war ebenfalls ein toller Bauherr. Schon vor Bachers Ernennung zum Generalintendanten war ein Architekturwettbewerb für die ORF-Landesstudios beschlossen worden, der 1969 durchgeführt wurde und aus dem ich als Sieger hervorgegangen war. Trotzdem gab es im Vorfeld medialen Krach, weil ich mit Bacher befreundet bin. Im Rahmen einer Pressekonferenz beendete er diese Diskussion dann mit dem Satz: "Mit mir befreundet zu sein ist kein Ausschließungsgrund für gute Architektur." Heutzutage gibt es leider diese entscheidungsmächtigen Bauherrn nicht mehr.

Könnten Sie das näher erläutern?

Der Bauherr von heute ist kein Herr mehr. Entscheidungen über Planungsvorhaben werden in Gremien und Ausschüssen getroffen. Diese Anonymität der Bauherrschaft führt unweigerlich zum Qualitätsverlust, weil gute, bahnbrechende Architektur Mut verlangt. Ein anonymes Gremium wird sich nie gezwungen sehen, eine mutige Entscheidung zu fällen. Intelligente Einzelpersönlichkeiten tun dies zumindest von Fall zu Fall, weil sie auch das sinnliche Element von Architektur erkennen. Das Erschaffen von Bauwerken ist auch eine Kulturaufgabe und wird meines Erachtens viel zu wenig beachtet. Stattdessen konzentrieren sich viele Architekten ausschließlich auf das maximale Ausschöpfen von Quadratmeterzahlen.

In Ihrem Buch "Der Doppelgänger" lassen Sie durchblicken, dass Antoni Gaudì zur Riege jener Architekten zählt, die Sie sehr schätzen.

Weil Gaudì die Sinnlichkeit in der Architektur so vollendet zeigte. Jedes Haus hat erogene Zonen, diese aufzuspüren ist die Aufgabe eines Architekten. Es ist kein Widerspruch, wenn meine Architektur oft funktional und sachlich wirkt. Die Sinnlichkeit entsteht durch Formen, Materialien, Farben und Licht. Wenn man diese vier Elemente gut abstimmt, die Wirtschaftlichkeit mit berücksichtigt und die Funktion erfasst, dann entsteht gute Architektur.

Sie vertreten die Ansicht, dass der Kreis die spannendste Form ist, die es gibt. Worauf basiert diese Auffassung?

Ich habe entdeckt, dass es bei den Skizzen eine große Hilfe ist, von einem Kreis auszugehen. Der Kreis ist für jeden Architekten wichtig als Gegenstück zur Linie und zum Rechteck. Bei den ORF-Landesstudios spielt der Kreis etwa eine zentrale Rolle. Die einzelnen Räume sind um einen Zen-tralraum in Form von Kreissegmenten angeordnet.

Das führte auch zum Spitznamen "Peichl-Torte".

Ja, alle meine Bauten haben in irgendeiner Weise einen Spitznamen. Das freut mich und hat wohl auch mit meiner Nähe zum Journalismus zu tun.

"Ich bin ein großer Verfechter der Handzeichnung, weil ein Computer selbst ja nicht kreativ sein kann": Gustav Peichl im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.

"Ich bin ein großer Verfechter der Handzeichnung, weil ein Computer selbst ja nicht kreativ sein kann": Gustav Peichl im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Foto: Robert Wimmer "Ich bin ein großer Verfechter der Handzeichnung, weil ein Computer selbst ja nicht kreativ sein kann": Gustav Peichl im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Foto: Robert Wimmer

Anlässlich seines 80. Geburtstages erhielt Gustav Peichl 2008 vom Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny ein Plakat, das auf eine Ausstellung früherer Karikaturen hinwies.

Anlässlich seines 80. Geburtstages erhielt Gustav Peichl 2008 vom Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny ein Plakat, das auf eine Ausstellung früherer Karikaturen hinwies.© Foto: Apa/Georg Hochmuth Anlässlich seines 80. Geburtstages erhielt Gustav Peichl 2008 vom Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny ein Plakat, das auf eine Ausstellung früherer Karikaturen hinwies.© Foto: Apa/Georg Hochmuth

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2014-07-10 16:47:21
Letzte Änderung am 2014-07-11 12:21:29



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