• vom 18.12.2009, 15:16 Uhr

Zeitgenossen

Update: 18.12.2009, 15:20 Uhr

"Die klassische Musik erlebt keine Krise"

Georges Prêtre




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Michaela Schlögl

  • Der Dirigent Georges Prêtre lässt sein langes Berufsleben Revue passieren, erinnert sich an Maria Callas, kritisiert das Regietheater und erklärt seine besondere Beziehung zu Wien.

Wiener Zeitung: Maestro Prêtre, Sie haben Ihre musikalische Karriere zu einer Zeit begonnen, als nicht nur in französischen Provinzopernhäusern, sondern auch in Casablanca noch Repertoire auf dem Opernspielplan stand. Eine harte Schule?

Georges Prêtre: Eine wunderbare Schule! Ich dirigierte in Marseille innerhalb einer Woche Meyerbeers "Hugenotten", Halévys "Jüdin", Wagners "Walküre" und Puccinis "Tosca". Und weil das Publikum in Südfrankreich der Ansicht war, Tosca sei für einen Theaterabend zu kurz, gab man davor noch die Opéra Comique "Les noces des Jeanette" von Victor Massé!


In dem kleinen Theater von Casablanca war ich Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre für alles zuständig, auch dafür, dass die Sessel im Orchestergraben richtig standen. Als ich jedoch mit der Tradition brach, derzufolge der Tenor seine Auftrittsarie mehrmals hintereinander zum Besten gibt, machte ich mir dort nicht nur Freunde . . .

Wie schon einmal 2008 leitet George Prêtre auch 2010 wieder das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Foto: epa/ Georg Hochmuth

Wie schon einmal 2008 leitet George Prêtre auch 2010 wieder das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Foto: epa/ Georg Hochmuth Wie schon einmal 2008 leitet George Prêtre auch 2010 wieder das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Foto: epa/ Georg Hochmuth

Dabei wollten Sie ursprünglich gar nicht Dirigent werden.

Nein, ich wollte Komponist werden. Opernkomponist, denn ich liebte Stimmen. Während meiner Studienzeit am Pariser Konservatorium erbat ich die Erlaubnis, in der Pariser Oper auf einem kleinen Schemel hinter den Posaunen den Aufführungen beiwohnen zu dürfen. Ich las in meiner Partitur mit. Als ein guter Musiker, aber wenig inspirierter Dirigent am Pult agierte, fragte ich mich: Warum macht er das so und nicht anders - nämlich wie es in den Noten steht? Damals beschloss ich, selbst Dirigent zu werden. Doch vorher holte ich noch den Rat eines großen Maestro ein.

Wer war das?

André Cluytens. Ich substituierte damals als Trompeter in verschiedenen Orchestern, nicht nur in klassischen, sondern auch in Pariser Jazzensembles. So war ich auch live dabei, als Größen wie Edith Piaf oder Yves Montand auftraten! Ich hatte ja am Konservatorium, zuerst in Douai, dann in Paris, Klavier und Trompete studiert. Da ich schon als Student ahnte, dass man das Dirigieren nicht wirklich lernen kann, ging ich auf Maestro Cluytens zu. Ich sagte ihm, ich wolle ihm nicht viel Zeit stehlen, aber er solle mir bitte schonungslos sagen, ob ich seiner Meinung nach Talent für das Dirigieren hätte. Ich war nämlich kurz vorher von der Jury der Dirigierklasse im Konservatorium abgelehnt worden, weil ich metronomisch punktgenau den Takt geschlagen hatte. Cluytens bestellte mich daraufhin für den nächsten Tag auf seine Probe ins Théatre des Champs Elysées, in einen Raum, in dem es nicht einmal ein Klavier gab.

Was haben Sie mitgebracht, um dem Maestro vorzudirigieren?

Vorzudirigieren? Ohne Klavier, ohne Orchester? Ich hatte die Taschenpartitur von Claude Debussys "Trois Nocturnes" eingesteckt und ich interpretierte die "Nuages", die Wolken, die Debussy komponiert hat, diesmal ganz frei, unter Einsatz all meiner Fantasie.

Cluytens unterbrach mich nach 16 Takten: "Warum erlauben Sie sich all das, diese Rubati, diese Phrasierung?" Ich antwortete ihm wahrheitsgemäß: "Weil ich es so fühle, Maestro." Ich hatte die Scheu abgelegt, die mich noch vor der Konservatoriumsjury zum exakten Taktschläger deklassiert hatte. Cluytens Replik war schicksalhaft für meinen Werdegang, er meinte schlicht: "Bravo". Seither arbeite ich an Interpretationen, ich verstehe mich nicht als Dirigent, sondern als Interpret.

Sie leiteten ja bedeutende Uraufführungen des Komponisten Francis Poulenc. Sah er Ihren Umgang mit seinen Werken auch so entspannt? Anders gefragt: Wünschte er sich für seine Werke einen Dirigenten oder einen Interpreten?

Ich erzähle Ihnen eine wahre Geschichte: Poulenc trug immer einen Hut. Wenn er zufrieden war, war die Krempe hinaufgebogen, wenn er unzufrieden war, schlug er die Krempe hinunter. Er wohnte den Schallplattenaufnahmen zu seinem "Gloria" unter meiner Leitung bei, und ich dirigierte alles genau nach seinen Anordnungen. Im Abhörraum gestand ich Poulenc, dass ich mit dem musikalischen Ergebnis nicht zufrieden war, die Passage klang mir - im Tempo gespielt, das der Komponist angibt - zu lebhaft. Er riet mir daraufhin: "Machen Sie doch, was Sie empfinden. Kümmern Sie sich nicht um meine Anordnungen." Als er das Studio verließ, rief er noch: "Bravo, Kinder! Ich lasse euch in Ruhe weiterarbeiten." Und die Krempe seines Hutes war hinaufgebogen.

Zweifellos ein großer Vertrauensbeweis. Vertrauen Sie Ihrerseits jungen Dirigierkollegen?

Junge Dirigenten müssen, um erfolgreich zu sein, vor allem über eines verfügen: über Persönlichkeit. Und sie müssen ihren speziellen Lehrmeister akzeptieren, das ist einzig und allein das Orchester. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit, aus einem privaten, tragischen Grund - ein Student war verunglückt -, das Konservatoriumsorchester von Toulouse geleitet. Ich konnte bald feststellen: Das Niveau der jungen Musiker ist hervorragend. Ich glaube, man muss dem musikalischen Nachwuchs Vertrauen schenken - aber ohne übertriebene Freundlichkeit. Denn auch wenn sie alle sehr gut spielen und über Klangfülle verfügen - gut zusammenspielen reicht nicht aus. Sie müssen miteinander atmen, um eine gute Phrasierung zu erreichen.

weiterlesen auf Seite 2 von 3



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-12-18 15:16:38
Letzte Änderung am 2009-12-18 15:20:00


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  2. Ein Haus voll Bücher
  3. Das Ende des Allein-Seins
  4. Freiwillig in die Einsamkeit
  5. Elitärer Kosmopolitismus
Meistkommentiert
  1. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  2. Google im Taschenbuchformat
  3. Freiwillig in die Einsamkeit


Werbung