• vom 04.10.2014, 10:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

Bauernburschen und Schamanen




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Von Hermann Schlösser

  • Der finnisch-deutsche Übersetzer Gisbert Jänicke erklärt die identitätsstiftende Bedeutung zweier finnischer Klassiker: "Sieben Brüder" von Aleksis Kivi und "Kalewala" von Elias Lönnrot.

Gisbert Jänicke bei einem Besuch in Wien.

Gisbert Jänicke bei einem Besuch in Wien.© Foto: Hermann Schlösser Gisbert Jänicke bei einem Besuch in Wien.© Foto: Hermann Schlösser

"Wiener Zeitung": Am 10. Oktober 1834 wurde der Schriftsteller Aleksis Kivi geboren. Dieser Geburtstag wird in Finnland als "Kivi-Tag" gefeiert. Ist dieser Autor für das Land so wichtig?

Gisbert Jänicke: Kivi ist nicht der einzige Schriftsteller, der in Finnland an einem bestimmten Tag gefeiert wird. Aber er war doch der erste, dem diese Ehre zuteil wurde.


Warum?

Weil er sehr viel zur finnischen Identität beigetragen hat.

Der Roman "Sieben Brüder" aus dem Jahr 1870, gerade in Ihrer Neuübersetzung auf Deutsch erschienen, ist wohl sein wichtigstes Werk.

Ja. Das Buch schildert sehr gut die damalige finnische Gesellschaft und ihre Entwicklung.

Information

Zur Person
Gisbert Jänicke
, geboren 1937 bei Heidelberg, lebt in Helsinki. Er übersetzt Lyrik, Prosa und Dramatik aus dem Finnischen, Estnischen und Schwedischen.
Jänicke hat die beiden großen, kanonischen Texte der finnischen Literatur ins Deutsche übertragen: 2004 erschien seine Übersetzung des Epos’ "Kalewala" von Elias Lönnrot, und heuer folgte der Roman "Sieben Brüder" von Aleksis Kivi. Beide Bände sind im Salzburger Jung und Jung Verlag erschienen.

Kivi erzählt eine Bildungsgeschichte: Sieben Brüder, allesamt Bauernburschen, die am Beginn des Geschehens ziemlich asozial sind und in die Einsamkeit der Wälder abhauen, lernen schließlich, sich in die Gesellschaft einzugliedern.

Das ist ein Zivilisationsprozess.

Am Anfang behaupten die Brüder allerdings, sie hätten so dicke Schädel, dass keine Bildung in sie eindringen könne.

So denken sie in jugendlichem Unverständnis. Später lernen sie, wie Kivi sagt, dass man mit einem starken Willen auch durch grauen Granit kommt. Aber es dauert eben eine Weile, bis sie das kapieren.

Wie war der Bildungsstand im Finnland des 19. Jahrhunderts?

Das Volk konnte lesen. Es gab Unterricht, der meistens vom Kantor erteilt wurde. Man forderte von jedem, dass er den Katechismus auswendig lernte. Erst dann war man zum Abendmahl zugelassen und durfte heiraten.

Heißt das, wer nicht lesen und schreiben konnte, durfte nicht heiraten?

Ja, so war das. Das ist auf den langen Einfluss der lutherischen Kirche zurückzuführen. Der Reformator Finnlands, Michael Agri- cola, hatte in Wittenberg bei Melanchthon studiert und kannte Luther noch persönlich.

Agricola hat in Finnland aber nicht nur die evangelische Religion eingeführt, sondern auch das "ABC-Buch", mit dessen Hilfe auch Kivis sieben Brüder noch lesen lernen. Gingen evangelische Mission und Alphabetisierung Hand in Hand?

Ja. Das evangelische Volk sollte die Heilige Schrift lesen können, deshalb hat Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt, während die katholische Kirche noch lange beim Latein geblieben ist.

Die Autorin Leena Parkkinen, deren Roman "Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte" heuer auf Deutsch erschienen ist, meinte in einem Pressegespräch, Kivi habe in die finnische Literatur die fixe Idee eingeführt, jeder müsse in die Einsamkeit der Wälder fliehen, um sich dort selbst zu finden.

Das ist ein bisschen übertrieben, denn die Verbundenheit mit der Natur war ja gegeben, die brauchte Kivi nicht einzuführen. Das Land war ein Agrarstaat; eine richtige Industrialisierung hat erst im 20. Jahrhundert stattgefunden. Auch heute sind sich viele urbane Menschen ihrer agrarischen Wurzeln bewusst. Die Finnen sagen im Spaß über sich, sie seien erst vor Kurzem von den Bäumen heruntergeklettert.

Aber das ist ihnen offenbar sehr gut gelungen - wenn man etwa an die Pisa-Studie denkt, bei der Finnland immer besonders erfolgreich abschneidet.

Den Erfolg bei der Pisa-Studie würde ich indirekt auf Aleksis Kivi zurückführen. Denn er hat gezeigt, wie wichtig Bildung ist. Diese sieben Brüder, die sich anfangs so stur dem Lernen widersetzen, können am Ende des Buches alle lesen und schreiben. Einer wird sogar ein Zeitungsmann.

Kivi ist sehr religiös, die Sprache seines Buchs hat viele biblische Anklänge.

Der Text ist voller Bibelzitate, die nur manchmal etwas entstellt sind, weil die Brüder sich nicht immer genau an das erinnern, was sie - vor allem von ihrem Onkel - gehört haben. Das ist eben bezeichnend für die Zeit, in der die Kirche in Finnland sehr präsent war.

Ganz und gar unchristlich ist das andere bedeutende Buch des 19. Jahrhunderts: "Kalewala", das erstmals 1835 und in endgültiger Form 1849 erschien.

"Kalewala" ist heidnisch. Nur ganz am Schluss tritt Marjatta auf, eine marienähnliche Figur, die in einer Jungfrauengeburt einen Sohn zur Welt bringt. Sonst ist das Epos voll mit Zauberern, Schamanen und Sängern. "Singen" bedeutet im Finnischen übrigens auch "zaubern".

"Kalewala" ist ein Epos . . .

Ja, aber es ist keine genuine Volksdichtung, wie lange geglaubt wurde, sondern ein literarisches Werk. Der Arzt Elias Lönnrot hatte auf mehreren Reisen in die karelischen Gebiete reichhaltiges volkspoetisches Material gesammelt und daraus ein neues Epos geschaffen.

Wie groß ist Lönnrots Anteil an dem Text?

Darüber streiten sich die Forscher, es gibt genaue Untersuchungen darüber, welche Zeile er aus welcher Überlieferung genommen hat. Ich würde meinen, dass zehn bis fünfzehn Prozent von Lönnrot selbst geschrieben worden sind. Von ihm stammt sicher der Anfang des Epos, wo er das ganze Unternehmen vorstellt, und das Ende, in dem er sein Werk dem Volk übergibt. Außerdem hat er einige Einfügungen gemacht, wenn Lücken geschlossen werden mussten.

Ein Denkmal in Helsinki zeigt Aleksis Kivi als melancholischen Dichter.

Ein Denkmal in Helsinki zeigt Aleksis Kivi als melancholischen Dichter.© Foto: Hermann Schlösser Ein Denkmal in Helsinki zeigt Aleksis Kivi als melancholischen Dichter.© Foto: Hermann Schlösser

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Dokument erstellt am 2014-10-02 21:26:08
Letzte Änderung am 2014-10-03 12:46:30


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