• vom 07.11.2014, 13:40 Uhr

Zeitgenossen

Update: 07.11.2014, 14:35 Uhr

Interview

"Der tragische Held geht vielen Jugendlichen nahe"




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Von Kerstin Kellermann

  • Der Rechtsextremismus-Forscher Andreas Peham über den Umgang seiner Familie mit dem Nationalsozialismus, prägende Erlebnisse bei "Befreiungsfeiern", die Sehnsucht von Jugendlichen nach soldatischer Männlichkeit - und warum er den Ausdruck "Neonazi" für irreführend hält.

Von den Gespenstern der Vergangenheit nicht überwältigt, sondern ihnen mit forschendem Interesse entgegen getreten: Andreas Peham. - © Foto: Christof Moderbacher

Von den Gespenstern der Vergangenheit nicht überwältigt, sondern ihnen mit forschendem Interesse entgegen getreten: Andreas Peham. © Foto: Christof Moderbacher

"Wiener Zeitung": Herr Peham, können Sie sich an das Ereignis erinnern, das Ihr Engagement gegen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus auslöste?

Andreas Peham: Das war schon sehr früh, ungefähr mit 14 Jahren. Ich bin acht Kilometer entfernt vom ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen aufgewachsen. Was aber in Mauthausen passiert ist, war zugedeckt und kein Thema, ein Tabu. Es gab damals zwar schon vereinzelte Lehrer, die das Schweigegebot durchbrochen haben, aber aufgrund der räumlichen Nähe war dieser Skandal des Verschweigens für uns Jugendliche noch größer. Wie das oft ist unter Jugendlichen, wurden wir von unserem Gespür angeleitet: Da muss etwas sein, worüber nicht gesprochen wird. Es machte uns neugierig, in welcher Weise nicht berichtet wird. Teil unserer Politisierung war es dann, uns kollektiv dieses Wissen über Mauthausen und den Nationalsozialismus anzueignen. Wir verspürten Wut gegenüber den Erwachsenen, dass sie uns so ein wichtiges, zentrales Wissen vorenthalten haben, und damit bin ich bei der adoleszenten Auflehnung gegen die Erwachsenenwelt. Seit damals bin ich an dem Thema dran geblieben.


Haben Ihnen die Eltern keine Kinderbücher gegeben? Meine Mutter schenkte mir "Jack handelt für alle" von Janus Korczak oder "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" von Judith Kerr . . .

Ich möchte meinen Eltern persönlich keinen Vorwurf machen.

Information

Zur Person
Andreas Peham
, geboren 1967, studierte von 1990 bis 2000 Politikwissenschaften an der Universität Wien. Seit 1996 ist er als Mitarbeiter im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) tätig, mit den Forschungsschwerpunkten Rechtsextremismus, Neonazismus unter Jugendlichen, Burschenschaften, Antisemitismus und Rassismus, Holocaust-Education.

Er betreut außerdem die 1995 gegründete Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich. Peham war langjähriger Berichterstatter für das Stephen Roth Institut für die Erforschung des zeitgenössischen Antisemitismus und Rassismus an der Universität Tel Aviv und arbeitete als Redakteur und Autor des Wiener Magazins "Context XXI".

Seit Ende der 1990er Jahre ist Peham zudem in der Lehrerfortbildung und im Rahmen der politischen Bildung an Schulen tätig, seine Schwerpunkte sind Rassismus und Antisemitismus, Adoleszenz und pathologische Gruppenbildungen.

2007 legte er (unter dem Autorennamen Heribert Schiedel) eine Studie über den Rechtsextremismus in Österreich unter dem Titel "Der rechte Rand" (Edition Steinbauer) vor. In seiner Monografie "Ex-treme Rechte in Europa" (Edition Steinbauer, 2011) schildert Peham die personellen und inhaltlichen Vernetzungen europäischer Rechtsextremer.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie einen "schweigenden Opa" im Kinderzimmer hatten.

Räumlich bin ich auf Distanz zum Großvater aufgewachsen, was ich aber in Erinnerung habe, ist, dass er sich durch Nicht-Sprechen auszeichnete. Dieses Schweigen über das, was er als junger Mann mutmaßlich an Verbrechen im nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieg im Osten gesehen hat, dehnte sich dann immer weiter aus. Auf das Private, auf das Politische. . . Bei vielen aus dieser Generation der Großväter und Großmütter herrschte eine leidenschaftliche, fast hysterische Zustimmung zum nationalsozialistischen Programm vor, eine abgöttische, beinahe fanatische Verklärung des Führers in der Zeit seiner Erfolge, und dann eben, ab 1943 oder spätestens ab 1945 die totale Enttäuschung, die dazu führt, dass die ganze seelische Energie, die dem Führer geschenkt wurde, komplett abgezogen wird von allem Politischen. Wenn man einmal so "enttäuscht" wurde, hörte man überhaupt auf, über Politik zu sprechen. Ausgehend von der Tabuisierung des Nationalsozialismus wurde Politik dann überhaupt zum Tabu in den Familien, es herrschte Resigna- tion und komplette Apathie vor.

Kann es sein, dass Ihr Opa so viele Tote gesehen hat und deswegen nicht mehr reden wollte? War er enttäuscht von der Menschheit?

Das ist eine Vermutung, der ich leider nicht mehr nachgehen kann, weil er tot ist. Diejenigen, die nach 1945 in diesen Kameradschaftsverbänden eingebunden blieben, waren insofern besser dran, weil sie sich gegenseitig Illusionen aufrechterhielten, ihre Geschichten von Heldenhaftigkeit. Die anderen zogen sich zurück. Die Traditionsverbände boten Schutzräume vor der Verantwortung, vor der Schuldeinsicht, dass der Vernichtungs- und Angriffskrieg barbarisch und ein Verbrechen war.

Die Oma hat nicht dagegen aufbegehrt, dass ihr Mann nichts redet?

Nein, man gewöhnt sich auch an so etwas. Er ist wirklich schweigend gestorben.

Wie war Ihr Gefühl als Kind? Sie konnten ja nicht wissen, dass es einen Zusammenhang zum Krieg gibt.

Mein Großvater war mir unheimlich, er war rätselhaft und unnahbar. Wir hatten eher Angst. Ich könnte es nicht genau benennen, welchen Inhalt diese Angst hatte, aber geheuer war uns dieses Schweigen nicht. Wir Kinder haben immer wieder seine Grenzen überschritten, aber er reagierte auch gegenüber Kindern nicht. Völlig emotionslos und apathisch. Schweigend.

Ich habe als Jugendliche in Kärnten viele Widerstandskämpferinnen kennen gelernt und die waren für mich total wichtig - quasi wie Götter. Als Jugendlicher denkt man gerne in den Kategorien schwarz/weiß.

Jugendliche haben ein extremes Faible für alte Leute und ihre Erzählungen - bis heute merke ich das. Wir haben in der Schülerzeitung Interviews rund um Mauthausen gemacht. Bei der "Mühlviertler Hasenjagd" versteckte eine Bäurin gegen den Widerstand ihres Mannes zwei geflohene sowjetische Gefangene, fast die einzigen, die das Abschlachten überlebt haben. Die übrigen rund 500 Geflohenen sind erschlagen und niedergemetzelt worden und auch gleich verscharrt vor Ort. Auf jeden Fall sind wir mit 14, 15 Jahren zu der damals noch lebenden Zeitzeugin hingefahren und machten ein Interview für die Schülerzeitung.

Auch die Befreiungsfeiern in Mauthausen waren ganz wichtig im Alter ab 14 Jahren. Sich selbst einzureihen in diese Generationenabfolge. Welches Gefühl und welche Kraft uns das gegeben hat, uns Jungen - vorne gehen die Überlebenden und Delegationen, stellen sich dann auf und am Schluss kommen die Junggruppen herein, SJ, KJÖ. Ein Meer von roten Fahnen, und alle singen die "Moorsoldaten" gemeinsam und ziehen auf den Appellplatz. Am Rande stehen die Überlebenden und klatschen und halten die Faust in die Höhe und man erlebt das als Jugendlicher extrem aufwertend. Also das wurde zum Sinn meines Lebens: Diese Hoffnung, die die Überlebenden in uns steckten, dieses "Nie wieder!", das an uns delegiert wurde, das sie damals geschworen hatten und von dem sie hofften, dass wir diesen Schwur übernehmen.

"Die Befreiungsfeiern in Mauthausen waren ganz wichtig im Alter ab 14 Jahren. Sich selbst einzureihen in diese Generationenabfolge. Welches Gefühl und welche Kraft uns das gegeben hat, uns Jungen!", erinnert sich Andreas Peham. Hier ein Bild von den Gedenkfeiern im Mai 2014.

"Die Befreiungsfeiern in Mauthausen waren ganz wichtig im Alter ab 14 Jahren. Sich selbst einzureihen in diese Generationenabfolge. Welches Gefühl und welche Kraft uns das gegeben hat, uns Jungen!", erinnert sich Andreas Peham. Hier ein Bild von den Gedenkfeiern im Mai 2014.© Foto: Apa/RUBRA "Die Befreiungsfeiern in Mauthausen waren ganz wichtig im Alter ab 14 Jahren. Sich selbst einzureihen in diese Generationenabfolge. Welches Gefühl und welche Kraft uns das gegeben hat, uns Jungen!", erinnert sich Andreas Peham. Hier ein Bild von den Gedenkfeiern im Mai 2014.© Foto: Apa/RUBRA

"Die Generation der Großväter ist geschlagen worden, Das sind die gefallenen Helden. Das ist für den Rechtsextremismus ganz wichtig, das Stehenbleiben auf verlorenem Posten." Andreas Peham

"Die Generation der Großväter ist geschlagen worden, Das sind die gefallenen Helden. Das ist für den Rechtsextremismus ganz wichtig, das Stehenbleiben auf verlorenem Posten." Andreas Peham© Foto: Christof Moderbacher "Die Generation der Großväter ist geschlagen worden, Das sind die gefallenen Helden. Das ist für den Rechtsextremismus ganz wichtig, das Stehenbleiben auf verlorenem Posten." Andreas Peham© Foto: Christof Moderbacher

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Dokument erstellt am 2014-11-07 10:35:10
Letzte Änderung am 2014-11-07 14:35:38


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