• vom 12.12.2014, 12:10 Uhr

Zeitgenossen

Update: 12.12.2014, 12:10 Uhr

Interview

"Europa hat sich utopisch beruhigt"




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Von Stefan Weiss

  • Der Philosoph Peter Sloterdijk nähert sich in seinem neuen Buch der europäischen Geistesgeschichte mit den Augen des Familienforschers. Im Interview spricht er über Widersprüche im Christentum, ausgebrannte Utopien - und über das Internet als Kollektiv-Bastard.

"Die Irritation, die mit dem Christusphänomen verbunden war, hat die Europäer 2000 Jahre Nachbearbeitung gekostet", sagt Peter Sloterdijk im Interview. - © Foto: Globart Academy

"Die Irritation, die mit dem Christusphänomen verbunden war, hat die Europäer 2000 Jahre Nachbearbeitung gekostet", sagt Peter Sloterdijk im Interview. © Foto: Globart Academy

"Wiener Zeitung": Herr Sloterdijk, wenn man ihr neues Buch liest, "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit", hat man das Gefühl, alle Ängste der Menschen sind berechtigt und wir stürzen uns wie Lemminge in ein zerfallendes Europa. Stimmt der Eindruck?

Information

Zur Person
Peter Sloterdijk
, 1947 in Karlsruhe geboren, studierte von 1968 bis 1974 Philosophie, Geschichte und Germanistik in München und Hamburg. Von 1989 bis 2008 leitete er das Institut für Kulturphilosophie an der Universität der bildenden Künste Wien. Seit 2001 ist er Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Große Bekanntheit erlangte der Philosoph und Kulturhistoriker als Leiter der Gesprächsrunde "Das philosophische Quartett" im ZDF. Mit zahlreichen Veröffentlichungen zu Fragen der Zeitdiagnostik, Kultur- und Religionsphilosophie löste er wiederholt politische Debatten aus und zählt heute zu den populärsten öffentlichen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

In seinem jüngsten Werk, "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (Suhrkamp 2014), beschreibt Sloterdijk die Geschichte Europas als eine Abfolge von Brüchen der Kinder- mit der Elterngeneration. Von der Frührenaissance, über die Französische Revolution, bis hin zur Finanzkrise breitet Sloterdijk in kulturgeschichtlichen Anekdoten eine pessimistische Erzählung aus, wonach im Laufe der europäischen Geschichte zu wenig bewahrt und zu vieles im Namen des Fortschritts umgestoßen wurde. In der politischen Linken gilt der einstige 68er nicht erst seit diesem Werk als konservativer Reaktionär. Er selbst hält Konservativismus heute für die eigentlich progressive Haltung, wie er im Interview verrät. (Das Gespräch wurde am Rande der Globart Academy in Krems geführt, www.globart.at)


Peter Sloterdijk: Wahrscheinlich ist das zu vereinfacht. Die beunruhigende Seite meines Buches ist viel hintergründiger und tritt in einer sehr starken theoretischen Verfremdung auf. Das Buch insgesamt ist eine Untersuchung über Asymmetrien im Allgemeinen und über wachsende Unähnlichkeit zwischen Eltern und Kindern, also im genealogischen Prozess, im Besonderen.

Vor 2500 Jahren lebten wir in den sogenannten Hochkulturen. Diese wurden durch Schrift vorangetrieben, und durch Kommunikation veränderten sich die Gedächtnisse der Menschen dramatisch. Der Effekt, der damals zum ersten Mal auftritt, ist jener, dass Eltern das Gefühl haben, sich in ihren Kindern nicht mehr wiederzuerkennen. Von dieser Beobachtung leite ich eine Betrachtung ab, die dann vor allem die neuzeitlichen Lebensverhältnisse in Europa betrifft, seit der sogenannten Renaissance.

Die Renaissance setzen Sie schon sehr früh an, nämlich im 14. Jahrhundert. Warum das?

Es gibt ein Kapitel, das dem selbsternannten, römischen Volkstribunen Cola di Rienzi (1313-1354, Wagners Oper "Rienzi" behandelt diese Figur, Anm.) gewidmet ist. Rienzi hatte am Tag vor seiner Selbstkrönung ein öffentliches Bad in der Taufwanne des antiken Kaisers Konstantin, die in Rom als Reliquie aufbewahrt wurde, genommen.

Es gibt gewisse historische Hinweise, dass sich der Begriff "Rinascita" (Wiedergeburt) ursprünglich gar nicht so sehr auf das Wiederanknüpfen der Künstler an die Muster der Antike bezogen hat, sondern darauf, dass moderne Menschen in antiken Taufwannen badeten, um dann als erneuerte Menschen, als Kaiser eigenen Rechts, hervorzusteigen. Ein ganz merkwürdiger Vorgang. Überhaupt liest sich die Geschichte der letzten 600 Jahre völlig anders, wenn man sie nicht mit den Augen der Soziologen oder Politologen, sondern der Genealogen, also Familienforscher, sieht.

Müsste man nicht schon früher ansetzen? Schon Christus hat doch das familiäre Band durchtrennt und sinngemäß gesagt: "Lasst alles hinter euch und folgt mir nach". Lag denn nicht schon damals das Heil in der Hinwendung des Einzelnen zu Gott - anders als im familiärer geprägten Judentum und Islam?

Also eines ist sicher bemerkenswert: Die Irritation, die mit dem Christusphänomen verbunden war, hat die Europäer 2000 Jahre Nachbearbeitung gekostet. Dieser Einschnitt war ungeheuerlich in einer Welt, in der bis dahin alle wesentlichen Traditionen vom Vater auf den Sohn übertragen wurden. Die Europäer waren im Anschluss nur noch damit beschäftigt, diese anti-genealogische Revolution irgendwie verträglich zu machen mit der Notwendigkeit einer weitergehenden kulturellen Überlieferung. Das Interessante am Christentum ist sicherlich, dass es einen anti-genealogischen Kern hat und eine super-traditionalistische Geschichte.

Wie geht dieser Widerspruch zusammen?

Christliche Kleriker nennen sich mit Vorliebe "Patres", also Väter, und das vom Papst bis zum kleinsten Abbé (lat. abbas Vater), wie französische Priester genannt werden. Hier haben sich also alle Namen ausgesucht, die ausgerechnet an die Vaterfunktion erinnern, obwohl im Kern des Christentums die Inthronisierung des Sohnes stattgefunden hatte. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, warum die wirkliche Modernisierung der Welt von Europa ausgegangen ist und von keinem anderen Zentrum der Erde.

Die Chinesen waren im 16. und 17. Jahrhundert technisch gesehen so weit, dass auch sie diese Modernisierung hätten beginnen können. Warum ist es nicht im alten Indien, Japan oder im Islam geschehen, der lange Zeit kulturell führend war? Ich vermute, dass in Europa diese einmalige Konstellation da war, zwischen einer anti-genealogischen Gärung - als die Kinder nicht mehr nur Nachfolger, sondern Innovatoren und "letzte Menschen" sein wollten - und den christlichen "Himmelfahrern". Von Europa aus beginnt das eigentliche Himmelfahrtskommando der Moderne. Darin ist unsere Zivilisation nach wie vor begriffen.

Wie äußert sich das heute?

Nun, bei einer Geburtenrate in Europa zwischen 0,9 und 1,4 Kindern pro Frau kann man auch demographisch konkret sagen, was so ein kollektives Himmelfahrtsprojekt bedeutet.

Ist es für die Europäer noch attraktiv, vor der Wirklichkeit in eine Transzendenz, also das Übersinnliche, zu flüchten beziehungsweise darin Trost zu suchen?

Für die ersten unter den letzten Menschen - um diesen schönen Ausdruck von Nietzsche aufzugreifen - war die Fluchtrichtung in der Vertikalen zu finden. Im Mittelalter waren die Europäer vor allem hochbegabte Himmelfahrer. Im 16. Jahrhundert wurden sie Seefahrer und haben die Transzendenz plötzlich in der Horizontalen gesucht, etwa am anderen Ufer des Atlantiks. Wir haben also die vertikale Aufstiegsrichtung in den Himmel durch die horizontale Auswanderung in den Westen ersetzt. Man darf auch nicht vergessen, dass Europa zu der Zeit über 50 Millionen Menschen in die sogenannte Neue Welt abgegeben hat und dabei noch immer als bevölkerungsreichster Erdteil galt. Das zeigt: Transzendenz findet zwar statt, aber nicht unbedingt dort, wo man sie erwartet. Die ganze Moderne ist in gewisser Weise eine große Auswanderungsbewegung, in der Europäer aus der Gegenwart in die Zukunft auswandern. Dieses Auswanderertemperament ist bis vor kurzer Zeit in allen Europäern vorhanden gewesen, ausgenommen diejenigen, die an den ländlichen Lebensformen festgehalten haben. In Europa hat sich seit 250 Jahren eine tiefe, sozialpsychologische Spaltung vollzogen, zwischen den Landmenschen und den Stadtmenschen. Der klassische Europäer ist heute natürlich ein Städter geworden.

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Dokument erstellt am 2014-12-11 18:47:13
Letzte Änderung am 2014-12-12 12:10:09


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