• vom 19.12.2014, 13:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 19.12.2014, 13:21 Uhr

Interview

"Ich möchte Gaudís Werk vollenden"




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Von Silvia Cachafeiro und Martin Zinggl

  • Jordi Faulí wird aller Voraussicht nach jener Architekt sein, dem die Ehre zukommt, Antoni Gaudís religiöses Meisterwerk zu vollenden: die Sagrada Família in Barcelona. Im Gespräch erläutert der Katalane, was dieses immense Erbe für ihn persönlich bedeutet.

Jordi Faulí mit einem Gipsmodell der Sagrada Família, das heute - anders als zu Zeiten des legendären katalanischen Baukünstlers Antoni Gaudí - in wenigen Tagen mit einem 3-D-Drucker ausgedruckt werden kann. - © Foto: Silvia Cachafeiro

Jordi Faulí mit einem Gipsmodell der Sagrada Família, das heute - anders als zu Zeiten des legendären katalanischen Baukünstlers Antoni Gaudí - in wenigen Tagen mit einem 3-D-Drucker ausgedruckt werden kann. © Foto: Silvia Cachafeiro

"Gaudís Wunsch war es, dass in jeder Ära ein neuer Architekt seine Kreativität in die Sagrada Família einfließen lassen soll." Jordi Faulí

"Gaudís Wunsch war es, dass in jeder Ära ein neuer Architekt seine Kreativität in die Sagrada Família einfließen lassen soll." Jordi Faulí© Foto: Silvia Cachafeiro "Gaudís Wunsch war es, dass in jeder Ära ein neuer Architekt seine Kreativität in die Sagrada Família einfließen lassen soll." Jordi Faulí© Foto: Silvia Cachafeiro

"Wiener Zeitung": Señor Faulí, wie haben Sie Ihren Weg zu Gaudí gefunden?

Jordi Faulí: Im August 1990 lud mich der damalige Architektur-Direktor der Sagrada Família, Jordi Bonet, ein, beim Auswahlverfahren für einen Assistenzposten teilzunehmen. Dabei musste ich eine der vier Hauptsäulen des Tempels zeichnen. Meine Kenntnisse über Gaudís Architektur waren zu diesem Zeitpunkt allerdings sehr oberflächlich. Ich hatte lediglich einschlägige Literatur darüber gelesen und einige seiner Bauwerke besichtigt. Ich wurde dennoch ausgewählt. Das war der Anfang. Seitdem lerne ich Tag für Tag langsam dazu.


Wie war es zu Beginn für Sie, bei diesem Bauwerk mitzuarbeiten?

Damals war die Sagrada Família natürlich ganz anders als heute. Im technischen Büro saßen nur zwei Architekten, ein Planzeichner, ein Bauingenieur und ein Vorarbeiter. Wir waren wie eine kleine Familie. Heute arbeiten dort 45 Mitarbeiter aus der ganzen Welt. Seitdem hatte ich das große Glück, beinahe der gesamten Konstruktion des Kirchenschiffs beizuwohnen. Als ich hier zu arbeiten anfing, waren lediglich drei Säulen fertig. Heute sind es rund 300.

Ursprünglich sollte die Sagrada Família 2050 vollendet werden. Nun sieht es so aus, als ob das schon etwas früher passiert. . .

Information

Jordi Faulí i Oller, geboren 1959 in Barcelona, arbeitete während seiner Studienzeit einerseits für verschiedene Architekturbüros und andererseits als Katalanisch-Lehrer für Erwachsene. Gleich nach dem Studium begann er 1990 in der Sagrada Família zu arbeiten, zunächst als Assistent des damaligen Architektur-Direktors Jordi Bonet, den er im Jahre 2012 ablöste.
2009 promovierte Faulí mit einer Dissertation über die Kontinuität und Zusammensetzung von Säulen und Bögen in dem Bauwerk, das 1882 von Antoni Gaudí begonnen wurde. Bewahrheiten sich die Prognosen, wird Faulí im Jahre 2026 den architektonischen Teil der Sagrada Família nach 144-jähriger Bauzeit abschließen.

Ich glaube mich zu erinnern, dass es in den 1960er Jahren geheißen hat, die Sagrada Família würde zum Millennium fertig sein. Wir haben auf der Basis unserer Ressourcen kürzlich eine neue Prognose erstellt - und sollten diese gleich bleiben, könnte der architektonische, nicht jedoch der künstlerische Teil 2026 fertig sein. Das wäre vom Termin her sehr bedeutungsvoll, da es den 100. Todestag Gaudís markieren würde.

Wahrscheinlich werden Sie also jener Architekt sein, der die Sagrada Família fertig stellt?

Das weiß nur Gott. Ich kümmere mich aber nicht so sehr darum. Mich kümmert nur, dass wir den Tempel ordentlich - im Sinne von Gaudí - konstruieren.

Wie inspirieren Sie sich für Ihre Arbeit?

Ich studiere jene Texte, die Gaudí bereits gelesen hat. Die meisten dieser Texte sind religiösen Inhalts. Das ist zwar kein Rezept, aber ich denke, ich muss das tun, um seine Mentalität und seinen Gedankengang verstehen zu können. Es hilft mir, ihn besser kennen zu lernen, und außerdem ist es für meine Persönlichkeit gut. Ich fange täglich um 7 Uhr 30 zu arbeiten an. Es gibt aber einen Wachmann, der sogar noch früher als ich zur Arbeit kommt, einfach nur, damit er alleine im Tempel sein kann. Er sagt, dass ihm das viel Antrieb für den Tag gibt. Das ist doch wunderschön, oder?

Was ließ Gaudí für seine Nachfolger zurück, um sein Werk zu vollenden?

Gaudí hat 43 Jahre an der Sagrada Família gearbeitet und davon zumindest die letzten zwölf Jahre ausschließlich am Bau dieses Tempels, während er alle anderen Gebäude komplett außer Acht ließ. Da ihm bewusst war, dass er nicht mehr bis zur Fertigstellung der Sagrada Família leben würde, widmete er sich vollends der Geburtsfassade und beendete den ersten Turm ebendieser, sodass wir den Rest im Stile des ersten Turmes fertig stellen konnten. Außerdem entwickelte er seine eigentlich größte Errungenschaft: ein geometrisches System, das uns heute erlaubt, auch ohne Pläne und Entwürfe diesen Tempel zu vollenden. Gaudí erstellte Gipsmodelle im Maßstab 1:10 von einigen Teilen der Sagrada Família. Jordi Bonet, mein Vorgänger und Lehrer, der 25 Jahre lang der Chefarchitekt der Sagrada Família war, hat diese Modelle nicht nur in die Realität umgewandelt, sondern sie auch studiert. Er hat herausgefunden, dass uns Gaudí damit genügend Informationen hinterließ, um seiner genialen Linie folgen zu können, da wir diese Modelle für alle weiteren Kons-truktionen adaptieren und anwenden können. Auch ich durfte an diesen Forschungsarbeiten teilnehmen.

Haben all diese Gipsmodelle den Wandel der Zeit überlebt?

Leider nein. Als der spanische Bürgerkrieg ausbrach, zogen antiklerikale Gruppen durch die Straßen, brannten Klöster nieder und töteten Priester. Auch vor der Sa-grada Família machten sie nicht Halt: ein Teil der Geburtsfassade wurde niedergebrannt und die Krypta teilweise zerstört. Sie töteten den geistlichen Leiter der Sagrada Família, der sehr gut mit Gaudí befreundet war und unterhalb von seinem Atelier wohnte. Dort befanden sich auch die meterhohen Gipsmodelle und Zeichnungen des Architekten. Vieles ging damals verloren, aber einige Gipsmodelle überlebten zum Glück. Daraufhin nahm die katalanische Landesregierung die Entwürfe an sich, um sie zu beschützen. Nach Kriegsende taten sich jene Architekten und Mitarbeiter zusammen, die bereits in jungen Jahren mit Gaudí gearbeitet hatten und halfen mit, die Modelle mit all jenen Schnipseln und Fotografien zu rekonstruieren, die konserviert wurden. Dabei verwendeten sie natürlich das Wissen, das sie von Gaudí übernommen hatten - und benutzten sein geometrisches System.

Nach Gaudís Tod waren unterschiedliche Architekten an der Fertigstellung der Sagrada Família beschäftigt. Kann man diese Unterschiede heute sehen?

Ja, diese Unterschiede gibt es, aber sie sind nicht wirklich sichtbar, es sei denn, man studiert diesen Tempel. Aber egal, ob es sich dabei um Materialfragen oder Konstruktionsprozesse handelt, versuchen wir immer, dass es letztlich harmonisch aussieht.

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Dokument erstellt am 2014-12-17 16:44:12
Letzte Änderung am 2014-12-19 13:21:59


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