• vom 02.04.2016, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 05.04.2016, 10:25 Uhr

Porträt

Lebensrolle in Grün-Schwarz




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Von Mathias Ziegler

  • Als Clown Enrico wurde Heinz Zuber österreichweit bekannt. Kurz vor seinem 75. Geburtstag am 7. April zieht der Schauspieler Bilanz.



Heinz Zuber schwelgt in Enrico-Erinnerungen: "Die Rolle war das Beste, was mir passieren konnte."

Heinz Zuber schwelgt in Enrico-Erinnerungen: "Die Rolle war das Beste, was mir passieren konnte."© Jasmin Ziegler Heinz Zuber schwelgt in Enrico-Erinnerungen: "Die Rolle war das Beste, was mir passieren konnte."© Jasmin Ziegler

"Soll ich sagen? Ich saaag niiicht! Ich singe viel, viellieber!"

Fast vier Jahrzehnte lang waren diese Sätze Heinz Zubers Erkennungszeichen als Clown Enrico, zunächst 18 Jahre lang in der ORF-Kindersendung "Am Dam Des" und danach in verschiedenen anderen ORF-Sendungen und auf diversen Bühnen. Auch wenn er die schwarz-grün-karierte Jacke 2014 endgültig abgelegt hat - bereut hat er es niemals, dass er 1975 in die Rolle seines Lebens geschlüpft ist, wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" kurz vor seinem 75. Geburtstag am 7. April betont. Im Gegenteil: "Ich verdanke dem Enrico so viel." Deshalb hat er auch, obwohl er eigentlich gar kein Buch mehr schreiben wollte, dann doch noch seine Memoiren zu Papier gebracht. "Soll ich sagen?" erscheint kommende Woche im Amalthea Verlag.

Geboren wird Heinz Zuber am 7. April 1941 im Weil am Rhein in Baden-Württemberg, im deutsch-französisch-schweizerischen Dreiländereck. "Unser Gartenzaun war quasi die Schweizer Grenze, auch Frankreich war gleich daneben", erzählt er. Ursprünglich lernt er Speditionskaufmann und geht als Praktikant nach Paris. "Ich war schon immer frankophil." In Paris gibt Zuber, der schon in der Schule Theater gespielt hat, das Kaufmännische bald auf und beginnt mit Pantomime und Chansons, zeichnet auf der Straße Karikaturen für Touristen und punktet dabei mit seinem guten Französisch.

"1963 oder 1964 hat dann ein Schauspiellehrer zu mir gesagt: ‚Sie machen das wirklich gut, aber was wollen Sie hier in Paris? Wenn Sie wenigstens groß und blond wären, könnten Sie die Nazi-Offiziere spielen.‘ Weil ich nicht nach Deutschland zurückwollte, wo ich zum Militär eingezogen worden wäre, bin ich also von Paris nach Wien gefahren und habe mich am Reinhardt-Seminar beworben. Von 250 Leuten haben sie ein Dutzend genommen - und einer davon war ich."

Toller Beginn in Wien

Heinz Zuber: Soll ich sagen? Amalthea Verlag, Wien 2016, 256 Seiten, 24,95 Euro.

Heinz Zuber: Soll ich sagen? Amalthea Verlag, Wien 2016, 256 Seiten, 24,95 Euro. Heinz Zuber: Soll ich sagen? Amalthea Verlag, Wien 2016, 256 Seiten, 24,95 Euro.

Noch während der Schauspielausbildung bekommt Zuber mehrere Angebote. "Mein Beginn in Wien war eigentlich unfassbar toll." Er spielt an der Volksoper, bei den Salzburger Festspielen, im Theater der Jugend - und wird sogar am Burgtheater engagiert. In dieser Zeit bekommt er auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Schon damals ist er im komischen Fach daheim. "An der Burg habe ich einen Diener nach dem anderen gespielt", erzählt Zuber und holt einen alten Hampelmann hervor, den sein Vater vor fast 70 Jahren gebastelt hat. "Auf der einen Seite ist er ein Hanswurst, auf der anderen ein italienischer Arlecchino - und das waren auch immer meine Rollen."

Neben dem Theater moderiert Zuber ab 1968 im ORF die Kindersendung "Das kleine Haus", die im März 1975 abgesetzt wird. Als im April der Nachfolger "Am Dam Des" auf Sendung geht, sucht der Sendungsverantwortliche Franz Josef Barta einen Darsteller für den von ihm erfundenen Clown Enrico Emmanuel Theobaldissimus Fillissi Maximo und fragt Zuber. Der sagt zu - und der Rest ist Geschichte.

Zuber entwickelt die Figur weiter. "Den italienischen Akzent habe ich mir vom berühmten Regisseur Giorgio Strehler geborgt. Mit der Zeit habe ich ihn aber aufgegeben, weil ich sonst beim Singen geklungen hätte wie Julio Iglesias."

Und der markante Pfiff? "Den habe ich vom Milchmann daheim in Weil am Rhein. Der hat nämlich in meiner Kindheit immer die Hausfrauen damit rausgescheucht. Ich bin als kleiner Bub ein paar Minuten früher durch die Straße gegangen und habe auch so gepfiffen", erzählt Zuber mit schelmischem Grinsen. Später hat er mit dem Pfiff auf dem Roten Platz in Moskau die Trillerpfeifen der Ordnungshüter nachgemacht - und damit Touristen erschreckt.

Auch ernste Rollen

Dass er mit Enrico endgültig im komischen Fach gelandet ist (obwohl er zwischendurch auch ernste Rollen bekommen hat, wie etwa in Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" oder als "Tatort"-Inspektor), stört Heinz Zuber bis heute nicht. "Es war das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin in der Rolle des Enrico aufgegangen, ich habe meine eigenen Lieder und Texte geschrieben. Und im Stadttheater Baden bei Wien habe ich später die schönsten Operettenrollen gespielt." Selbst dort, in seiner letzten Vorstellung in "Das Feuerwerk" vor zwei Jahren, hat er am Ende als Enrico die Bühne betreten. Im Vorjahr hat er dann noch in der Komödie am Kai gespielt.

Seither ist der fast 75-Jährige aber tatsächlich im Ruhestand. Zumindest solange, bis ihn wieder eine Rolle reizt. "Ich kann es mir zum Glück finanziell leisten, wirklich nur noch dann zu spielen, wenn es mir taugt." Trotzdem begleitet ihn zeit seines Bühnenlebens ein ständiger Albtraum: "Ich trete in der Peking-Oper auf und weiß nicht, was ich zu tun habe", erzählt er und hebt dabei - wie so oft - die Stimme genau so, wie man es von Enrico gewohnt war. . .

Hinter jedem lustigen Clown steht auch eine tragische Figur, heißt es oft. Zuber stimmt dem Satz zu. "Wenn es mir nicht gut gegangen ist, habe ich das auch als Enrico verarbeitet. Das waren dann oft die komischsten Sachen. Auch der ORF war nicht immer nett zu Enrico. Die Kolleginnen und Kollegen waren alle zauberhaft, aber mit den oberen Etagen war es oft nicht einfach. Immer wenn die Führung die Figur abschaffen wollte, hat sich u. a. der große Psychiater Erwin Ringel für mich eingesetzt. Einmal hat er zu mir gesagt: ‚Sie machen als Enrico mehr für die Kinder als alle Kinderpsychologen zusammen.‘ Das war das schönste Lob für mich. Und erst vor kurzem hat mir ein junger Erwachsener geschrieben, dass der Enrico seine Rettung im Internat war. Weil er das Gefühl hatte, von ihm verstanden zu werden. Enrico ist ja immer ein bisschen naiver als die Kinder, und wenn er auf seine Dummheit draufkommt, haben sie was zu lachen - und können dabei auch etwas lernen. Das war mir wichtig."

2006 trat Heinz Zuber als Enrico bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele (gemeinsam mit Martin Kusej) auf.

2006 trat Heinz Zuber als Enrico bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele (gemeinsam mit Martin Kusej) auf.© apa/F. Neumayr/MMV 2006 trat Heinz Zuber als Enrico bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele (gemeinsam mit Martin Kusej) auf.© apa/F. Neumayr/MMV


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-01 12:11:10
Letzte Änderung am 2016-04-05 10:25:55


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